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Der Traum von der Revolte Die DDR 1968 von Wolle, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.09.2013
  • Verlag: Ch. Links Verlag
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Der Traum von der Revolte

Der 68er-Grundton von Provokation und Respektlosigkeit wirkte auch über die Mauer hinweg. Aus Prag wehte zudem ein belebender Frühlingshauch. Die Führung der Tschechoslowakei hatte den 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' proklamiert, der bei vielen Jugendlichen in der DDR begeistert aufgenommen wurde. Doch am 21. August starben die Reformhoffnungen unter sowjetischen Panzerketten. Es kam zu wild aufwallender Empörung in Teilen der Bevölkerung und Strafaktionen der Ost-Berliner Staatsmacht. Eine Zeit der Stagnation begann. Mit der Präzision des gelernten Historikers und dem individuellen Erinnerungsvermögen des wachen Zeitgenossen liefert Stefan Wolle ein beeindruckendes Gesellschaftspanorama, das verständlich macht, wieso es - anders als im Westen - nicht zu einer wirklichen Revolte und zu einem Generationswechsel in der DDR kam.

Jahrgang 1950, Studium der Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, 1972 Relegation aus politischen Gründen, Arbeit in einem Produktionsbetrieb, 1976-89 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1984 Promotion, 1990 Mitarbeiter des Komitees für die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, 1991-96 Assistent an der Humboldt-Universität, 1996-98 Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1998-2000 Referent bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, danach freier Autor; zeitweilige Mitarbeit im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, seit 2005 wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 20.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862842292
    Verlag: Ch. Links Verlag
    Größe: 1356kBytes
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Der Traum von der Revolte

PROLOG

Das Ende der Großen Ferien

Die großen Ferien des Jahres 1968 neigten sich dem Ende entgegen. Nach einem kühlen und verregneten Sommer versprachen die letzten Ferientage, doch noch hochsommerlich schön zu werden. Am 20. August 1968 meldete die Zentrale Wetterdienststelle Potsdam: "An den kommenden Tagen ist zumindest vorübergehend mit Wetterbesserung und allmählichem Temperaturanstieg zu rechnen." So blieb noch eine gute Woche Zeit zum Badengehen, faulen Herumliegen, Bücherlesen oder Verreisen, ehe Anfang September das Schuljahr und der Universitätsbetrieb wieder losgehen würden.

Auch in der hohen Politik war nach den Aufregungen der ersten Jahreshälfte endlich die Sauregurkenzeit eingekehrt, wie man die nachrichtenarme Zeit des Hochsommers damals nannte. Die rebellischen Studenten der westdeutschen und West-Berliner Universitäten waren in die Semesterferien gefahren. Die Weltrevolution machte Pause, und der Kurfürstendamm gehörte, wie eine West-Berliner Zeitung schrieb, wieder den Spaziergängern und den Damen, die mit großen Hüten im Café Kranzler saßen und Sahnetorten verspeisten. 1 In Frankreich, das im Mai vor einer Revolution zu stehen schien, war nach dem erdrutschartigen Wahlsieg der Konservativen unter Präsident Charles de Gaulle am 23. Juni 1968 Ruhe eingekehrt.

Auch in der Tschechoslowakei schien sich die Situation beruhigt zu haben. Offenbar hatte sich die Sowjetunion mit dem Kurs der reformkommunistischen Führung unter Alexander Dubcek abgefunden. Die Medien der DDR hatten seit Anfang August jede Polemik gegen die Partei- und Staatsführung der Tschechoslowakei eingestellt. Am 13. August 1968 berichtete das Neue Deutschland ausführlich über ein Treffen zwischen Walter Ulbricht und Alexander Dubcek. Auf den Fotos schüttelten sie sich freundschaftlich die Hände, und Schulkinder überreichten Blumen. Im Anschluss an eine gemeinsame Pressekonferenz erklärte Walter Ulbricht, es sei für ihn Zeit, endlich einmal Urlaub zu machen. Die Bemerkung wurde als positives Zeichen gewertet. Ein trügerischer Friede lag über dem Land.

Am frühen Morgen des 21. August 1968 zerrissen die Radiomeldungen über den Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei jäh die sommerliche Idylle. Die Nachricht von der Militäraktion gegen die CSSR gehört zu jenen Meldungen, die sich tief ins Gedächtnis der Zeitgenossen eingeprägt haben. Noch heute wissen viele, unter welchen Umständen sie die Nachricht erreicht hat.

Mich weckte an diesem Morgen die Stimme des RIAS-Sprechers aus der Nachbarwohnung. Jahre später konnte man in den Akten der Staatssicherheit lesen, dass viele Leute die Westnachrichten demonstrativ laut einstellten und sogar die Fenster aufrissen, so dass die Nachrichten über die Straße hallten. Wenigstens die Staatssicherheit registrierte solche subtilen Formen des Protestes. Im Radio war die Rede von sowjetischen Panzern in Prag, von Schüssen vor dem Rundfunkgebäude, von Demonstrationen in vielen Städten der Tschechoslowakei und ersten Protesten in aller Welt. Nach der damaligen Nachrichtenlage musste man davon ausgehen, dass die Nationale Volksarmee der DDR auch direkt an der Militäraktion beteiligt war. 30 Jahre nach dem Münchener Abkommen waren wieder deutsche Soldaten in die Tschechoslowakei einmarschiert. So wenigstens war die allgemeine Wahrnehmung, die auch von den Medien der DDR gestützt wurde.

Die erste spontane Reaktion auf diese Nachrichten war eine wild aufflammende Empörung. Jenseits aller späteren Analysen und nachvollziehenden Erkenntnisse hat sich dieses Gefühl über die Jahrzehnte hinweg erhalten. Intuitiv spürten damals gerade junge Menschen, dass an diesem Tag etwas zerbrochen war, das sich nicht mehr reparieren lassen würde.

Natürlich gab es auch damals schon viele kluge Zeitgenossen, die in dem

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