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Der Tyrann Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert von Greenblatt, Stephen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2018
  • Verlag: Siedler
eBook (ePUB)
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Der Tyrann

Was uns Shakespeare über Trump, Putin und Co. verrät
Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? In seinen Dramen - von 'Richard III.' bis 'Julius Cäsar' - hat sich William Shakespeare immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. Stephen Greenblatt, einer der renommiertesten Shakespeare-Experten unserer Zeit, zeigt uns, wie präzise und anschaulich der Dichter aus Stratford das Wesen der Tyrannei eingefangen hat - und wie erschreckend aktuell uns dies heute erscheint.

Stephen Greenblatt ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur und Sprache an der Harvard Universität. Er ist einer der angesehensten Forscher zu Shakespeares Werk sowie zur Kultur und Literatur in der Renaissance. Greenblatt ist Herausgeber der Norton Anthology of English Literature sowie Autor mehrerer Bücher, darunter die hochgelobte Shakespeare-Biographie Will in der Welt (2004). Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. mit dem National Book Award und dem Pulitzerpreis für sein Werk Die Wende (2012). Bei Siedler erschien zuletzt Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit (2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 17.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641228620
    Verlag: Siedler
    Originaltitel: Tyrant
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Der Tyrann

KAPITEL 1

VERBORGENE PERSPEKTIVEN

V om Anfang seiner Karriere in den frühen 1590er-Jahren bis zu ihrem Ende rang Shakespeare immer wieder mit einer zutiefst beunruhigenden Frage: Wie ist es möglich, dass ein ganzes Land einem Tyrannen in die Hände fällt?

"Ein König herrscht über willige Untertanen, ein Tyrann über unwillige", schrieb der einflussreiche schottische Gelehrte George Buchanan im 16. Jahrhundert. Die Institutionen einer freien Gesellschaft sind dazu geschaffen, jene abzuwehren, die, mit Buchanans Worten, "Macht nicht für ihr Land, sondern für sich ausüben würden, denen nicht am Gemeinwohl liegt, sondern an ihrem eigenen Vergnügen". 1 Unter welchen Umständen, fragte sich Shakespeare, erweisen sich solche hochgeschätzten Institutionen, die tief verwurzelt und unüberwindlich schienen, plötzlich als fragil? Warum lassen sich so viele Menschen in die Irre führen, obwohl sie wissen, dass man sie belügt? Wie kommt eine Gestalt wie Richard III . oder Macbeth auf den Thron?

Ein solches Unheil war für Shakespeare ohne einen weiten Kreis von Mittätern nicht denkbar. Seine Dramen erkunden die psychischen Mechanismen, die eine ganze Nation dazu bewegen, ihre Ideale und sogar ihr Eigeninteresse aufzugeben. Wie kann es sein, so fragte er, dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung kennt, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht um die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen wirken Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja, erregen sogar glühende Bewunderung? Warum geben sonst stolze Menschen ihre Selbstachtung auf und unterwerfen sich der Unverfrorenheit des Tyrannen, seiner Überzeugung, ungestraft sagen und tun zu können, was er will, seiner spektakulären Schamlosigkeit?

Shakespeare stellte wiederholt den tragischen Preis dieser Unterwerfung dar - die moralische Korrumpierung, die ungeheure Vergeudung von Ressourcen, den Verlust an Menschenleben - und die verzweifelten, schmerzhaften, heroischen Anstrengungen, die nötig sind, um die Gesundheit einer angeschlagenen Nation wenigstens einigermaßen wiederherzustellen. Gibt es eine Möglichkeit, fragen die Dramen, das Abgleiten in eine gesetzlose Willkürherrschaft aufzuhalten, bevor es zu spät ist, irgendein wirksames Mittel, um die gesellschaftliche Katastrophe abzuwenden, die Tyrannei unabdingbar mit sich bringt?

Der Dramatiker bezichtigte Englands Herrscherin Elisabeth I. nicht der Tyrannei. Ganz gleich, was Shakespeare insgeheim wohl dachte - es wäre Selbstmord gewesen, so etwas auf der Bühne anzudeuten. Seit 1534, unter der Regierung ihres Vaters Heinrichs VIII ., erklärte ein Gesetz es zum Hochverrat, den Herrscher als Tyrannen zu bezeichnen. 2 Die Strafe für solch ein Verbrechen war der Tod.

In Shakespeares England gab es keine freie Meinungsäußerung, weder auf der Bühne noch sonst irgendwo. Die Aufführungen eines angeblich umstürzlerischen Stücks mit dem Titel Die Hundeinsel brachte den Dramatiker Ben Jonson 1597 ins Gefängnis und zog einen - zum Glück nicht ausgeführten - Befehl der Regierung nach sich, alle Londoner Theater niederzureißen. 3 Spitzel besuchten die Aufführungen in der Hoffnung, den Behörden etwas als subversiv Deutbares anzeigen zu können, um eine Belohnung dafür zu kassieren. Besonders riskant waren Versuche, sich kritisch zu aktuellen Ereignissen oder prominenten Persönlichkeiten zu äußern.

Wie in modernen totalitären Regimen entwickelten die Menschen Techniken der verschlüsselten Rede, mit denen sie mehr oder weniger indirekt über das sprechen konnten, was sie am meisten bewegte. Doch Shakespeares Vorliebe für die Verschiebung von Zeit und Ort war nicht allein durch Vorsicht motiviert. Er scheint gespürt zu haben

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