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Die letzten Tage der Freiheit Betrachtungen zum Stand unserer Versklavung von Becker, T. J. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.03.2016
  • Verlag: epubli
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Die letzten Tage der Freiheit

Die Freiheit ist auf dem Rückzug und der Einzelne zunehmend dem Willen und den Ansprüchen einer abstrakten Mehrheit unterworfen. Er kann ihnen nicht entrinnen. Dass ausgerechnet die Demokratie sich zu einer Macht entwickelt, die außer dem Staat keine ernstzunehmenden Akteure übrig lässt, und alles Wirken und Handeln des Menschen, all seine Arbeit und all sein Verdienst in den Unterhalt des Staates und seinen weiteren Ausbau stellt, steht im Gegensatz zu allem, was man mit Demokratie stets verbunden hat: die Hoffnung, als Staatsform Garant der Freiheit zu sein. Die Demokratie moderner Ausprägung hat diesen Anspruch weit hinter sich gelassen. Die Macht der Mehrheit und ihre historisch einmalige Durchgriffsmöglichkeit auf das Leben der Einzelnen, lassen den Menschen heute mit dem Gefühl zurück, nur noch fremden Mächten zu dienen. Daher auch sein schizophrenes Lebensgefühl: Man macht ihm weis, in einer freien Gesellschaftsordnung zu leben, in einer Welt der Vielfalt und Wahlmöglichkeiten. Doch dann merkt er, dass es nur Einfalt gibt. Es gibt nur das eine Große, das eine Ganze, das eine Umfassende, dem alle zuarbeiten müssen wie in einem Ameisenstaat. Das bedrückt ihn, weil es ihm keinen Ausweg lässt. Und er fühlt sich versklavt. - Ursächlich für die Versklavung des Menschen ist einerseits die Hybris des Staates und sein nie enden wollender Gestaltungsanspruch, andererseits das immense Versorgungsniveau, das die demokratische Mehrheit regelmäßig allen auferlegt, ohne dass es eine natürliche Beschränkung fände. Dieses hohe Versorgungsniveau aber ist unvereinbar mit der Freiheit des Menschen. Als Prinzip galt dieses Dilemma der Demokratie schon immer. Aber erst jetzt ist die Demokratie gesellschaftlich so weit, dass sie ihre gewaltigen Ansprüche voll geltend machen kann. So geht mit jeder Wahlperiode mehr Freiheit verloren, ohne dass dies bedeutend mehr Menschen auffiele als den wenigen Freien, die noch an ihrer Freiheit hängen.

Bedeutende Lebensereignisse: Freischwimmer-Abzeichen mit sechs, Fan der Beatles mit zwölf, Totalschaden mit Ford Granada L (sechs Zylinder) mit achtzehn, Provinz-Dandy in Paris mit 24, Starnberger See-Schwimmer in Possenhofen mit dreissig. Seitdem aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 14.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783737593946
    Verlag: epubli
    Größe: 173 kBytes
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Die letzten Tage der Freiheit

V ersklavung

Das erste Mal, dass ich die Nordsee sah, war als junger Mann und frischgebackener Rekrut, als mich die Bundeswehr aus mir heute unerklärlichen Gründen einen Winter lang nach Husum an die Nordsee beorderte. Das war 1983. Ich stammte aus dem äußersten Südwesten und fand mich dennoch ganz in den Norden versetzt, tausend Kilometer von zu Hause, um dort auf einem Flugplatz der Luftwaffe Dienst zu tun, den es längst nicht mehr gibt. Er fiel der Bundeswehrreform zum Opfer und heute erinnert in dem kleinen Küstenstädtchen nichts mehr daran, dass hier einst Alpha Jets abhoben und die Schafe auf den nordfriesischen Deichen in Angst und Schrecken versetzten. Nicht weit von Husum entfernt lag Sylt. Wenn man im Zug, von Hamburg her kommend, verschlief, was vorkam, wachte man spätestens an der Endstation auf: Westerland auf Sylt. So lernte ich die Insel kennen. Damals war sie noch nicht so sehr für ihr illustres Publikum bekannt, sondern war einfach eine ziemlich wilde und ziemlich natürliche Insel. Man sah das Anrennen der Nordsee, hörte, wie die Wellen krachend auf den Strand schlugen und bekam als Zugereister eine Ahnung davon, was eine steife Brise war. Die Gewalt in den Elementen war jederzeit spürbar - aber auch sichtbar. Sylt verlor Land. Mit jedem Wintersturm war wieder ein Stück Insel ins Meer gerissen, war Sylt wieder etwas kleiner geworden. Die Insulaner stemmten sich dagegen und überall sah man Wellenbrecher aus Beton, die das Schlimmste abhalten sollten, oder neue Aufschüttungen aus Sand, um das verlorene Terrain zurückzugewinnen. Und doch war die Prognose nicht gut und wahrscheinlich ist sie das immer noch nicht. Sylt würde irgendwann verschwinden und endgültig vom Meer eingenommen. Dann bliebe nichts von ihr als ein Eintrag in einer Schiffskarte, ein nautischer Vermerk etwa über eine gefährliche Untiefe, auf der sich einst eine Insel mit Häusern befand, auf der Touristen die Promenade entlang flanierten oder im Strandkorb den Tag verdösten.

Sylt kommt mir vor wie unser Leben. Auch das wird allmählich eingenommen. Von einer Kraft, die heranrollt wie Brandung und uns langsam anknabbert, uns aufknabbert und aufzehrt, die uns Terrain und Substanz entzieht und nicht mehr hergibt, bis wir wie Sylt ein langer, dünner Strich sind. Ich rede vom Staat. Ich rede von seiner Allgegenwart. Ich rede von seinen Ritualen und Obsessionen. Ich rede von der schieren Größe, die er in unserem Leben eingenommen hat, und der scheinbar kein Wellenbrecher widersteht. Obwohl wir alles versuchen: Längst haben wir uns auf höheres Gelände zurückgezogen, haben die Deiche verstärkt und neuen Sand aufgeschüttet. Und sind doch auf verlorenem Posten. Mit jedem Jahr werden wir kleiner und unfreier. Und mit jedem Jahr wird unser Strandspaziergang kürzer. Das Meer, das uns umgibt, ist groß geworden. Wir können es an vielem ablesen: An der Steuerlast und den tausend Abgaben, denen wir unterliegen, an der Flut von neuen Regeln und Verordnungen, die jährlich über uns hereinbricht, schließlich an der pathetischen Größe der Ziele, die sich der Staat regelmäßig selbst gibt. Aber hauptsächlich spüren wir es an uns selbst. Wir sind seltsam geschrumpft, nur noch ein Schatten unseres ehemaligen Selbst und wie ein Mündel müssen wir jetzt wegen allem um Erlaubnis fragen. Wir sind also in Abhängigkeit geraten und eine Fremdbestimmung zieht sich durch unser Leben, die wir seit der Kindheit nicht kannten. Sie lässt uns nur wenig, worüber wir noch Kontrolle hätten. Wie sollen wir das bezeichnen? Kontrollverlust? Ohnmacht? Hörigkeit? Eine Art Lebensenteignung? Und wie nennt man die Arbeit, die man nicht für sich selbst tut, sondern gezwungen ist, zu leisten? Knechtschaft, Fron, Leibeigenschaft, Sklaverei? Noch fehlt es uns das treffende Wort dafür. Unsere Abhängigkeit ist so modern und neu, dass uns die Worte fehlen. Ist das bereits Sklaverei, wenn man haup

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