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Im Unterland Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde von Macfarlane, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.08.2019
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
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Im Unterland

Ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis In einer großartigen Entdeckungsreise nimmt uns der vielfach ausgezeichnete britische Autor Robert Macfarlane mit in die dunkle, überraschende Welt unter der Erde. Er führt uns in Höhlenlandschaften in England und Slowenien, zu einem unterirdischen Fluss in Italien, in den Untergrund von Paris, die schwindende Gletscherwelt Grönlands und, zuletzt, in einen Stollen für Atomabfälle, der die nächsten 100.000 Jahre überdauern soll. Sein Buch ist viel mehr als eine fantastische Natur- und Landschaftsgeschichte: Eindringlich schildert er das Wechselspiel zwischen Mensch, Natur und Landschaft - nicht zuletzt als Mahnung, was wir durch unsere Eingriffe zu verlieren drohen. Robert Macfarlane, geboren 1976 in Nottinghamshire, ist einer der bedeutendsten Naturschriftsteller der Gegenwart. In seinen Büchern "Berge im Kopf", "Alte Wege" und "Karte der Wildnis" schreibt er in einer einfühlend-poetischen und zugleich präzisen Sprache über Landschaften und Orte, über die Natur und unsere Beziehung zu ihr. Er ist Fellow der britischen Royal Society of Literature und Gründungsmitglied der Naturschutzorganisation Action for Conservation. Sein neuestes Buch "Im Unterland" wurde mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2019 ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 560
    Erscheinungsdatum: 19.08.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641253035
    Verlag: Penguin Verlag
    Originaltitel: Underland
    Größe: 7481 kBytes
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Im Unterland

Der Weg ins Unterland führt durch den gespaltenen Stamm einer alten Esche.

Spätsommerliche Hitzewelle, schwere Luft. Bienen brummen behäbig über Graswiesen. Gold reifen Getreides, Grün frischer Heureihen, Schwarz der Krähen auf Stoppelfeldern. Irgendwo unten, wo der Boden sich absenkt, brennt ungesehen ein Feuer, eine Säule aus Rauch. Ein Kind wirft Steine in einen Metalleimer, Stein für Stein, klong, klong, klong .

Den Feldweg entlang, vorbei an einem Hügel im Osten, gezeichnet von neun runden Hügelgräbern, wie Wirbel eines Rückgrats. In einer Wolke schimmernder Fliegen drei Pferde, stockstill bis auf das Schweifschlagen, Kopfschütteln.

Über den Tritt in der Kalksteinmauer, am Bach entlang zur überwucherten Senke, aus der sich die alte Esche erhebt. Die Krone schwingt sich himmelwärts ins Wetter. Die moosigen Äste hängen tief. Die Wurzeln reichen weit nach unten.

Rauchschwalben jagen flatterfähnchenhaft über Wiesen. Auf halber Höhe kreuzen die Mehlschwalben. Ein Schwan fliegt weit oben auf knarrenden Flügeln nach Süden. Diese Oberwelt ist wunderschön.

Wo der Eschenstamm ins Erdreich übergeht, teilt sich die Borke zu einem schrundigen Spalt, gerade groß genug, dass man ins Innere des Baumes steigen kann - und hinab ins hohle Dunkel darunter fällt. Die Ränder glatt gerieben von den Menschen, die schon hier hineingekrochen und durch die alte Esche ins Unterland gelangt sind.

Unterhalb der Esche entfaltet sich ein Labyrinth.

Hinab durchs Wurzelwerk in einen steinernen Gang, weiter steil nach unten. Die Farben verdämmern ins Graue, Braune, Schwarz. Kalte Luft drängt vorbei. Die Decke ist fester Fels, massive Materie. Die Oberwelt kaum vorstellbar.

Der Gang fächert aus; ein Irrgarten. Seitengänge kriechen davon. Die Richtung ist schwer zu halten. Der Raum benimmt sich sonderbar - ebenso die Zeit. Im Unterland verhält sie sich anders. Verdickt sich, staut sich, fließt, rauscht, verlangsamt sich.

Der Gang macht eine Biegung, eine zweite, verjüngt sich - und weitet sich dann überraschend. Eintritt in eine Kammer. Dröhnen, das widerhallt. Die Wände scheinen auf den ersten Blick nackt, doch dann geschieht etwas Erstaunliches. Szenen aus dem Unterland steigen auf, aus unterschiedlichen Zeiten, erscheinen auf dem glatten Fels, fern, doch in ihrem Echo verbunden.

Und in einer Höhle in einer verkarsteten Felswand atmet eine Gestalt einen Mundvoll Ockerpulver ein, hält die Luft an, legt die linke Hand an die Höhlenwand - mit gespreizten Fingern, die Innenfläche am kalten Stein - und bläst das Rot gegen den Handrücken. Das Pulver zerstiebt, die Hand löst sich vom Fels, es bleibt ein gespenstischer Abdruck: Der Stein hat die Farbe des Pulvers angenommen. Die Hand wird verschoben, mehr Pulver geblasen, ein weiterer Umriss. Kalkspat wächst über die Abdrücke und versiegelt sie. Sie überdauern 35 000 Jahre. Wofür stehen sie? Freude? Gefahr? Kunst? Das Leben in Dunkelheit?

In Nordeuropa wird vor sechstausend Jahren eine junge Frau - die bei der Geburt mit ihrem Kind verstarb - behutsam in ein flaches Sandgrab gelegt. Neben ihr ein weißer Schwanenflügel. In dessen Federmulde ruht der Leichnam ihres Sohnes, der im Tod zweifach gehalten wird - von Schwanenfedern und Mutterarm. Ein Erdhügel wird über den dreien aufgeschüttet: über der Frau, dem Baby, dem zarten weißen Flügel.

Dreihundert Jahre vor der Gründung des Römischen Reiches vollendet ein Kunstschmied auf einer Insel im Mittelmeer die Arbeit an einer kleinen runden Münze. Darauf zu sehen ein rechteckiges Labyrinth mit einem Eingang am oberen Rand und einem verschlungenen Weg zu seiner Mitte. Die Wände sind wie der Rand der Münze leicht erhöht und blank gerieben. In die Mitte des Labyrinths eingeprägt ist ein winziges Wesen mit Stierkopf und Menschenbeinen: der Minotaurus, der im Dunkeln erwartet, was kommen mag.

Sechshundert Jahre spät

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