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Die Deutschland-Blase Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation von Gersemann, Olaf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.09.2014
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
eBook (ePUB)
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Die Deutschland-Blase

Deutschland geht es gut - wie lange noch und auf wessen Kosten?
Den Deutschen steigt das vermeintliche "neue Wirtschaftswunder" zu Kopf, so Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei der Tageszeitung Die Welt. Wir überschätzen unsere Kraft bei weitem und übersehen dabei unsere Anfälligkeit für neue Krisen. Selbstgefällig verklären wir Massenarbeitslosigkeit zu nahender Vollbeschäftigung und Beinahe-Stagnation zu kräftigen Aufschwüngen. Und auf fahrlässige Weise verkaufen wir der Welt unsere vielen Sonderwege - wie die duale Ausbildung oder die extreme Fokussierung auf wenige Branchen - als Stärken und übersehen dabei Schattenseiten und Risiken. Bald schon wird dem deutschen Aufschwung dauerhaft die Luft ausgehen. Sehr vieles wird daher anders werden müssen, damit manches so bleiben kann, wie es ist. Ebenso pointiert wie fundiert nimmt Gersemann die verzerrten Wahrnehmungen in Politik und Wirtschaft aufs Korn.

Olaf Gersemann, Jahrgang 1968, ist Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen der Welt-Gruppe (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt digital). Zuvor war er Auslandschef der Financial Times Deutschland (2005-2007) und Washington-Korrespondent der Wirtschaftswoche (1999-2005). Für seine Arbeiten wurde er u. a. mit dem Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik und dem Herbert-Quandt-Medienpreis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 22.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641140090
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Größe: 2537kBytes
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Die Deutschland-Blase

Einleitung
Herr Turtur und der Ententest

August Gersemann, mein Urgroßvater, war Steinmetz von Beruf. Nebenbei beackerte er ein Stück Land, das nicht sein Eigen war, und arbeitete, weil er keine Pacht zahlen konnte, auf dem Hof des Eigentümers. Er hatte, so würde man es heute ausdrücken, drei Jobs. 1902 starb er, mit 32 Jahren, an einer ansteckenden Krankheit, vermutlich Typhus. Maria Gersemann, seine Frau, schlug sich durch. Sie wusch in den Häusern anderer Leute die Wäsche, per Hand, denn Waschmaschinen gab es damals nicht.

Und vieles andere auch nicht. Das Flugzeug, das Radio und der Staubsauger zum Beispiel waren gerade erst erfunden worden. Lange noch sollten sie in Deutschland ein Luxus bleiben, der einigen wenigen vorbehalten war. Es war eine Welt ohne Panzer und ohne Atombombe – aber auch ohne Anti-Baby-Pille und Antibiotika.

Augusts Sohn Josef, mein Großvater, wurde Hauer, und der Job war ungefähr so unangenehm, ungesund und gefährlich, wie es der Name andeutet. Hauer, so wurden früher einfache Bergleute genannt. Als mein Großvater um die 30 war, bekam ein Hauer im deutschen Steinkohlenbergbau neun Reichsmark am Tag; ein Kilo Butter, zum Vergleich, kostete in deutschen Großstädten damals vier Reichsmark. 1

Josef Gersemann wurde hineingeboren in ein ärmliches Leben. Das Pro-Kopf-Einkommen, ein grobes Maß für den ökonomischen Wohlstand eines Landes, lag in Deutschland ungefähr auf dem Niveau, das heute Staaten wie Algerien, Bolivien oder die Philippinen erreichen. Es folgten ein Weltkrieg, die Hyperinflation, die Große Depression, noch ein Weltkrieg. Und dennoch: Als mein Großvater 1991 starb, hatte sich das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland mehr als verfünffacht. 2 Er hatte zuletzt einen Lebensstandard genossen, der zu Zeiten seiner Geburt unerreichbar scheinen musste. Das wohl eindeutigste Zeichen dafür ist gar kein materielles: Josef Gersemann wurde – trotz seiner vielen Arbeitsjahre unter Tage, trotz eines frühen Herzinfarkts – 93 Jahre alt. Fast dreimal so alt wie sein Vater. Und mit ziemlicher Sicherheit auch weit älter als jeder seiner Vorfahren.

Keine besondere Geschichte. Und gerade das ist so besonders.

"Scheußlich, viehisch und kurz", so beschrieb der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert das Leben des Menschen im " Naturzustand". Für den allergrößten Teil der Geschichte traf diese Beschreibung auf den allergrößten Teil der Menschheit auch zu. Und es ging wenig voran. Im Jahr 1800 lag das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland sogar niedriger als drei Jahrhunderte zuvor. Die Zeitgenossen Goethes waren im Durchschnitt ärmer als die Landsleute Luthers. 3

Dann erfasste die industrielle Revolution Deutschland. Seit nunmehr 200 Jahren hat hierzulande jede Generation den materiellen und immateriellen Wohlstand wachsen sehen – und das trotz aller Rückschläge. Fünf, sechs Generationen in Folge, jede zumindest im Durchschnitt in praktisch jeder nur denkbaren Hinsicht reicher als die davor – das hat es, soweit man das heute nachvollziehen kann, niemals zuvor gegeben.

Bald wird diese Serie abreißen, wir stehen vor einer historischen Zäsur. Meine Generation – ich bin Jahrgang 1968 – ist noch in sehr viel größerem Wohlstand aufgewachsen als die Generation zuvor. Meine Generation hat auch, wie die davor, einen beträchtlichen Wohlstandszuwachs miterleben dürfen. Aber meine Generation wird auch die neue Ära miterleben: die Ära, in der der Wohlstand in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit bestenfalls stagnieren wird. Die Phase dagegen, die wir aktuell erleben, eine

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