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Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator Karrierewege bekannter DDR-Marken bis heute von Lindner, Erik (eBook)

  • Verlag: Murmann Publishers
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Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator

Von der Bückware unter der Ladentheke über die Beinahe-Pleite bis hin zum deutschen Marktführer: Rotkäppchen Sekt ist der Gewinner der Einheit, keine andere Marke aus dem Osten hat es so weit gebracht! Nachdem der erfolgreiche Betrieb aus Freyburg an der Unstrut bei Weitem nicht den Bedarf der ostdeutschen Bevölkerung erfüllen konnte, stand er nach der Wiedervereinigung vor der Herausforderung, neben den vielen Konkurrenzprodukten der BRD bestehen zu müssen. Der wirtschaftliche Kollaps drohte! Heute haben die Freyburger fünf Produktionsstätten in Ost und West und im Laufe der Jahre viele Westmarken geschluckt. Das vorliegende Buch spürt die zum Teil erstaunlichen Hintergründe von mehr als 100 Produkten und Firmen auf, die mehrheitlich über den Osten hinausgewachsen sind. Was sie alle eint: Sie stammen aus den ca. 14 000 volkseigenen Betrieben der DDR. Erik Lindner ist promovierter Historiker. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind deutsch-jüdische Geschichte, Zeitgeschichte, Medien, Wirtschaft und Biografien. Seit 1992 schreibt er aus diesem Themenspektrum für Tages- und Wochenzeitungen. Als Bücher erschienen von ihm 'Die Reemtsmas' (2007), 'Die Herren der Container' (2008), 'Wirtschaft braucht Anstand' (2010) und 'Coachingwahn' (2011). Nach beruflichen Stationen im Verlagswesen und im Museum ist er seit 2010 als Geschäftsführer der Axel Springer Stiftung tätig. Er lebt in Berlin-Kreuzberg und in der Mark Brandenburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783867744324
    Verlag: Murmann Publishers
    Größe: 5302 kBytes
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Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator

II. MARKTWIRTSCHAFTLICHES

OSTPRO

Es ist kein Sportevent, das an diesem trüben Novembersamstag ins Berliner Velodrom an der Landsberger Allee lockt. Anstehen müssen die Ankommenden dennoch am zugigen Eingangstunnel neben der S-Bahn. Stände mit Ketwurst, Thüringer oder Harzer Wurstspezialitäten, eine olivgrüne Gulaschkanone und stadtfesttypische Zapfanlagen erleichtern der geduldigen Menge die Minuten vor der Kasse. "Egal wann man kommt, immer gibt's 'ne Schlange ...", ertönt es von hinten. Der rüstige Rentner mit Mütze reiht sich ein und begrüßt erfreut seine Nachbarn ein paar Schritte vor ihm. Es gebe hier halt Dinge, die sonst nirgendwo zu bekommen seien, meint er schmunzelnd, daher stehe er eben an, "... wie damals in der DDR."

Es geht um die Verbrauchermesse Ostpro, die mehrmals jährlich in verschiedenen Orten für einige Tage fast all das zusammenführt, was es an Konsumprodukten aus dem Osten der Republik zu kaufen gibt. Ostpro, das ist ein unübersichtliches Stelldichein von Röstfein-Melange (der Becher für einen Euro), Kathi-Backmischungen, Filinchen, Sanisal Vollsalz, Badusan, Salzwedeler Baumkuchen, Komet-Pudding, Im Nu mit Schoko- oder Milch-und-Honig-Geschmack, Werder-Ketchup, Halberstädter Würstchen, Riesaer Teigwaren oder Wela-Gemüsebrühe . Hinzu kommen DDR-Schlager auf CD, Spiele, Bücher, Weihnachtsdeko-Artikel, "original Moskauer Eis", regionale Dauer- oder Leberwursthersteller, Adler-Tropfen, Apoldaer Bier und Von-Plettenberg-Weine . Natürlich fehlt auch ein Stand des Neuen Deutschland nicht. Unter dem Motto "Druck von Links" werden dort Freiexemplare der Zeitung mitsamt dazugehörigen Werbegeschenken verteilt. Von dem einst beherrschenden Verlagshaus, das seinen Sitz wie eh und je am Franz-Mehring-Platz nahe des Berliner Ostbahnhofs hat, gibt es überdies eine Reihe von Broschüren und Büchern im Angebot.

Der Andrang im Foyer und im Halbrund der Katakomben des Velodroms ist beträchtlich. Viele Senioren sind dabei, aber es finden sich auch Familien mit Kindern. Das Durchschnittsalter der Besucher dürfte bei 50 Jahren liegen. Die Leute sind neugierig und in Kauflaune, sie scheinen die idealen Kunden zu verkörpern. Entsprechend bereitwillig wird das Löffelchen Werder-Ketchup oder das Häppchen Heinrichsthaler-Käse gekostet, im Vorbeigehen "Kalter Hund" von Wikana genascht und am Sonderangebotstisch mit Riesa Nudeln gedrängelt. Die Ostpro-Messebesucher finden offenkundig das Altbekannte, das sie suchen, lassen sich aber auch ausgiebig über neue Kreationen am Kathi- Stand informieren. Doch die Ostpro ist nicht allein Verbrauchermesse, auf der Gratisproben verteilt werden und die Kunden tütenweise einkaufen. Sie fungiert gleichzeitig als Tourismuswerbefläche: An mehreren Ständen wird für Wellnessaufenthalte und Urlaub im Osten geworben, für die vorpommersche Ostseeküste und für den Thüringer Wald.

Der Anbieter Ostmarken auf Tour hat mit Absperrungen, Drehkreuz und Kassenbereich sogar so etwas wie einen Miniaturladen aufgebaut. Eine Mitarbeiterin gibt jedem Interessierten am Drehkreuz einen Korb in die Hand und weist ihm den Weg, der zwangsläufig eine Runde an allen Auslagen entlang zur Kasse bedeutet. Ist es zu voll, darf keiner mehr durch. Drinnen gibt's Sonja-Plastic-Eierbecher und eine große Auswahl anderer DDR-Klassiker, aber auch eine ganze Menge normaler Haushaltsartikel wie Kehrbleche, Bürsten, Siebe und Kochlöffel. Ein Hingucker ist der großformatige Wandkalender mit Interflug-Stewardessen im herrlichen Outfit der 70er Jahre. Ostmarken auf Tour ist eigentlich im Internet zu Hause und, in Berlin-Mitte, als Geschäft mit dem Namen Ostpaket-Berlin.

Die Ostpro bietet den Raum für ein Einkaufserlebnis, wie es die Marken des Ostens nicht mehr und nirgends sonst haben. Vergangenheit in der Gegenwart, und das in Fülle

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