text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die technologische Bedingung Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2011
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die technologische Bedingung

Unsere Operations-, Wissens- und Existenzräume, unsere Selbst- und Weltwahrnehmung werden heute unhintergehbar von technologischen Objektkulturen geprägt. Insbesondere die allgemeine Kybernetisierung seit Mitte des 20. Jahrhunderts, die in der umfassenden und allgegenwärtigen Computerisierung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, macht die Technizität unserer sinnkulturellen Verfassung deutlich. Die Beiträge dieses Bandes, den die deutsche Erstübertragung eines brisanten Stücks aus dem Nachlaß des französischen Mechanologen Gilbert Simondon eröffnet, liefern die dringend nötige Neubeschreibung unserer zeitgenössisch-technischen Welt. Außerdem schreiben: Dirk Baecker, Massimo de Carolis, Alexander Galloway, Mark Hansen, Katherine Hayles, Nicole Karafyllis, Scott Lash, Jean-Luc Nancy, Frédéric Neyrat, Peter Risthaus, Bernard Stiegler und Eugene Thacker. Erich Hörl ist Juniorprofessor für Medientechnik und Medienphilosophie an der Ruhr-Universität Bochum.

Produktinformationen

Weiterlesen weniger lesen

Die technologische Bedingung

7 Erich Hörl
Die technologische Bedingung

Zur Einführung

"Es gilt, ohne Unterlass eine Welt zu denken, die auf langsame und zugleich jähe Weise aus all ihren erworbenen Bedingungen von Wahrheit, Sinn und Wert heraustritt."

Jean-Luc Nancy
Technologische Sinnverschiebung

"Der Sinn der technischen Welt verbirgt sich." [1] So stellte sich die Lage für Martin Heidegger 1959 dar, nachdem er noch zwanzig Jahre zuvor unmissverständlich vom "Zeitalter der vollendeten Sinnlosigkeit", in dem sich das Wesen der Neuzeit erfülle, und von der "Sinnlosigkeit" als unbedingtem "Horizont der Neuzeit" [2] gesprochen hatte. Doch angesichts des unwiederbringlichen Verlusts der "alten Bodenständigkeit", die nach Industrialisierung, zwei hochtechnisierten Kriegen und schließlich infolge der beginnenden kybernetischen Umwälzung der menschlichen Wirklichkeit nicht mehr zu halten gewesen war, hat Heidegger zuletzt weniger dem untergehenden alten Sinn nachgetrauert als vielmehr eine "künftige Bodenständigkeit" [3] und einen kommenden Sinn unter technologischen Verhältnissen ins Auge gefasst. Mit einer außergewöhnlichen philosophischen Intuition für die in weiten Teilen noch erst bevorstehende Transformation ging es ihm um nicht weniger als um die Bestimmung eines "neue[n] Grund und Boden[s]", der "dem Menschen zurückgeschenkt werden" sollte, damit er darauf "neu zu gedeihen vermag". [4] Heidegger war weit davon entfernt, Technik und Sinn einander zu opponieren und dabei Sinn als wesentlich vor-, gegen- oder nichttechnische Entität aufzufassen, die 8 einer reinen transzendentalen Subjektivität und Innerlichkeit entstamme und als solche von der massenhaften Heraufkunft technischer Objekte, vom Eindringen technischer Apparaturen und Automaten in alle Existenzbereiche, kurz gesagt von der Herrschaft instrumenteller Vernunft gefährdet sei – so nämlich die dogmatische philosophische Einstellung, die noch bis zu Husserl und zur Frankfurter Schule reichte. Stattdessen postulierte er, dass "uns überall in der technischen Welt ein verborgener Sinn anrührt" [5] und dass es mithin darum geht, sich "für den in der technischen Welt verborgenen Sinn offen [zu] halten" [6] – das ist bei aller Sympathie für die Sinnkultur der untergehenden Handwerkswelt Heideggers überraschend aufgeschlossene Position angesichts neu erscheinender technischer Objektzusammenhänge.

Hatte Heidegger mit seiner frühen zeugorientierten Daseinshermeneutik unter der großen Überschrift einer Neuaufwerfung der Frage nach dem Sinn von Sein zunächst das Subjekt prinzipiell in die Welt der Objekte zurückgestellt und alle Bedeutsamkeit grundsätzlich zu einer Sache artefaktischer Verweisungszusammenhänge erklärt, erkannte er bald schon die unhintergehbare Geschichtlichkeit und Dynamik von Objektlagen, die am Ende auch das von ihm selbst so gründlich bestellte daseinshermeneutische Feld umpflügen sollten. Seine so kraftvolle Reformulierung von Bedeutsamkeit, ja seine Neubestimmung des Sinns und der Reichweite von Hermeneutik überhaupt zeigten sich am Ende ihrerseits als durchdrungen von einer spezifischen und gerade selbst im Untergang begriffenen objektgeschichtlichen Disposition. Jedenfalls begründete Heidegger bereits Mitte der 1930er Jahre sein Misstrauen gegenüber überlieferten Auslegungen der Dingfrage mit einem Argument, das er der direkten Beobachtung jüngerer wissenschaftlich-technischer Objektkulturen entnahm: "So könnte es sein"

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen