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Europa erfindet die Zigeuner Eine Geschichte von Faszination und Verachtung von Bogdal, Klaus-Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2011
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Europa erfindet die Zigeuner

Geborene Diebe und Lügner, Gefährten des Satans, Waldmenschen, unzähmbare Wilde, eine Bande von Asozialen ... Dies sind nur einige der Zuschreibungen, mit denen die Romvölker Europas in den letzten 600 Jahren ausgegrenzt wurden. Wie es möglich wurde, daß jahrhundertealter Haß in einem Spannungsverhältnis von Faszination und Verachtung sich bis heute halten konnte, zeigt in seinem brillant recherchierten Buch nun Klaus-Michael Bogdal zum ersten Mal im europäischen Vergleich. Der Autor weist in dieser spannend und anschaulich erzählten Geschichte nach, wie die Europäer zum verachteten Volk am unteren Ende der Gesellschaftsskala stets die größtmögliche Distanz suchten. Keine der unterschiedlichen Gesellschafts- und Machtordnungen, in denen sie lebten, ließ und läßt eine endgültige Ankunft in Europa zu. Ohne einen schützenden Ort sind sie seit ihrer Einwanderung vor 600 Jahren ständigen Verfolgungen und Ausgrenzungen ausgesetzt: in den Imaginationen der Kunst und in der politischen Realität. Das Buch umfaßt die Geschichte der Darstellung der ?Zigeuner? in der europäischen Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute - von Norwegen bis Spanien, von England bis Rußland. Die Dokumente, die Bogdal heranzieht, reichen von den frühen Chroniken und Rechtsdokumenten über ethnographische Werke und künstlerische Darstellungen bis hin zu den Holocausterinnerungen von Sinti und Roma.

Klaus-Michael Bogdal, geboren 1948, ist Professor für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 592
    Erscheinungsdatum: 16.11.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518760406
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 2809kBytes
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Europa erfindet die Zigeuner

9 Prolog

Die Idee, eine europäische Geschichte der Ausgrenzung der Romvölker zu schreiben, die in der deutschen Sprache abwertend "Zigeuner" genannt werden, verdankt sich mehr oder weniger einem Zufall. Sie reicht zurück in die aufregenden und aufgeregten Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems und der Öffnung des Eisernen Vorhangs in den frühen neunziger Jahren. Seit langem mit dem Thema des Fremden und Eigenen in der Literatur befasst, sollte ich in einer Situation, in der das explosionsartige Anwachsen fremdenfeindlicher Gewalt in ganz Deutschland Ängste vor einer Vergangenheit hochkommen ließ, die man bewältigt glaubte, auf einer Veranstaltung ein paar Erklärungsansätze vorstellen, die in den Geisteswissenschaften damals Gewicht hatten. Bei den Nachforschungen über die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen, deren Ausmaße und Begleitumstände den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, nicht zu Unrecht an die Ausschreitungen am 9. November 1938 erinnerten, stieß ich auf die Aussage einer sechzehnjährigen Schülerin, die sich an den Gewalttaten aktiv beteiligt hatte und deshalb – beinahe wie zur Belohnung – interviewt worden war: "Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört. – Vietnamesen schon, aber Sinti und Roma egal." 1 Der Furor der Verachtung und das Ausschalten menschlicher Empfindung, die im kühl dahingesagten "egal" sichtbar werden, konnte ich nicht so leicht vergessen. Die Täterin rechtfertigt ihren Tötungswunsch durch die Hierarchisierung der Opfer. Fremde, gleich welcher Herkunft, wähnt sie weit unter sich. Die "Zigeuner" aber werden als "Abschaum" 2 jenseits jeder Menschlichkeitsgrenze verortet.

Blickt man zurück auf die Geschichte der Romvölker in den sechshundert Jahren ihrer Anwesenheit in Europa, kommt man immer wieder zu dem Befund, dass ihre Verfolgung und Vernichtung die Mehrheitsbevölkerung ebenso wenig "gestört" hat wie die Rostocker Biedermänner und -frauen ihr möglicher Verbrennungstod nach der Brandstiftung der Jugendlichen in den Asylantenheimen. Doch aus welchen Quellen speist sich die instinktive Verachtung der ihnen völlig unbekannten Menschen? Ließ sich nicht im gleichen Zeitraum beobachten, wie der Flamenco die Tanzstudios und Volkshochschulkurse eroberte und Künstler wie die Gipsy Kings Welterfolge feierten? Und hätten nicht deren muntere Lieder, ohne dass dies den Beteiligten aufgefallen wäre, auf den 10 Grillfesten am Rande der Menschenjagd in Lichtenhagen zur Anfeuerung und Steigerung der Stimmung dienen können? Eine schnelle und einfache Erklärung des Nebeneinanders von Faszination und Verachtung konnte ich nicht finden: weder mit Hilfe der soziologischen und psychologischen Theorien über Fremde und Fremdheit noch über die auf den ersten Blick sich aufdrängende Analogie zum Antisemitismus. Ohne den Umweg über die Geschichte des Verhältnisses der Romvölker zu den anderen Völkern Europas seit ihrer Einwanderung im 14. und 15. Jahrhundert, ohne den Versuch, diese dunkle Seite der Entwicklung Europas hin zur Moderne auszuleuchten, musste jede Erklärung unzureichend bleiben – erst recht im Angesicht der folgenden Vorfälle in Rumänien, Italien, Frankreich, Ungarn, der Slowakei und im Kosovo. Rasch stellte sich heraus, wie bruchstückhaft, ungenau und von Vorurteilen beladen das wenige, das wir über die Vergangenheit der Romvölker wissen, zu diesem Zeitpunkt war. Wohl oder übel musste der Staub der Archive und Bibliotheken aufgewirbelt werden, um am Ende nach einer langen Zeitreise wieder bei den Siedlungen, Dörfern und Stellplätzen heutiger

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