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Handwerk und Mundwerk von Janich, Peter (eBook)

  • Erschienen: 10.02.2015
  • Verlag: Beck
eBook (ePUB)
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Handwerk und Mundwerk

Bereits die griechischantike Philosophie stellte das Handwerk in der Rangfolge der Wertschätzung weit unter die viel edlere 'reine Theorie'. Seither steht der Theoretiker im Gegensatz zum Praktiker, also zum Arbeiter und Handwerker. Es wirkt das Vorurteil, dass der Handwerker nichts zur theoriefähigen Erkenntnis beitrage. Der Physiker genießt mehr Ansehen als der Ingenieur, und dieser wieder mehr als der Handwerker. Peter Janich unternimmt in diesem spannend geschriebenen Buch eine beeindruckende Forschungsreise durch die Wissenschaftsgeschichte. Ein philosophischer Blick auf die Fächer Geometrie, Physik, Chemie, Lebens- und Kommunikationswissenschaft zeigt, dass diese ihre Gegenstände handwerklicher Herstellung verdanken. Mehr noch, die zweckmäßige Reihenfolge von Schritten im Herstellen gibt dem 'Mundwerk', also der logischen Begriffs- und Theoriebildung, eine eigene Rationalität. Was der Handwerker in das gute Funktionieren seiner Produkte als Zweck investiert, macht am Ende den technischen Erfolg der modernen Naturwissenschaften aus. Das Buch ist anschauliche Wissenschaftsphilosophie und nicht zuletzt eine Ehrenrettung des Handwerks vor seinen Verächtern.

Peter Janich ist emeritierter Professor für theoretische Philosophie an der Philipps-Universität Marburg. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Produktinformationen

    Größe: 3354kBytes
    Herausgeber: Beck
    Untertitel: Über das Herstellen von Wissen
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 372
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783406674914
    Erschienen: 10.02.2015
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Handwerk und Mundwerk

Einführung

1 Banausen und Philosophen

Als Banause möchte niemand gelten. Wer so tituliert wird, hat sich als unwissend oder unqualifiziert in Sachen Kultur oder Kunst (einschließlich der Kochkunst) gezeigt. Und doch kommt das Wort "Banause" vom altgriechischen bánausos und heißt dort einfach "Handwerker". Wie konnte es dazu kommen, dass eine unverdächtige Bezeichnung zum Schimpfwort wurde, das einen ganzen Berufsstand diskreditiert?

Die Antwort findet sich bei Philosophen, genauer bei den altgriechischen Philosophenfürsten Platon und Aristoteles. Sie hatten ein aus heutiger Sicht sonderliches Verhältnis zur körperlichen Arbeit, die man als freier Bürger, als polítes in der (uns immer als Wiege der Demokratie empfohlenen) pólis doch lieber den Frauen, den Sklaven, den Periöken (bäuerlichen Umlandbewohnern) und eben den Banausen, also den Handwerkern überließ. Selbst widmete man sich der Politik, also den Angelegenheiten der pólis , oder man befasste sich mit Wissenschaft und Philosophie, was damals noch weitgehend dasselbe war, oder man zog für seinen Stadtstaat in den Krieg.

Hinter der Geringschätzung des Handwerks stand aber noch ein anderer Gedanke als der einer bestimmten Arbeitsteilung im (Stadt-)Staat, nämlich ein ethischer: Der Handwerker, etwa ein Schreiner, der einen Tisch oder ein Bett herstellt, übt seine Tätigkeit immer um einer anderen Sache willen aus. Er verfolgt einen nicht in der Tätigkeit selbst liegenden Zweck. Es geht ihm etwa um nützliche Möbel. Das heißt, der Sinn seiner Tätigkeit liegt außerhalb dieser. Als ethisch wertvoll galt aber den (in anderen Fragen keineswegs immer gleichgesinnten) Philosophen Platon und Aristoteles nur die Tätigkeit, die um ihrer selbst willen ausgeübt wird - so, wie das Glück im Gegensatz zum Geld nur um seiner selbst, nicht um einer anderen Sache willen angestrebt wird.

Als edelster Gegenstand, der um seiner selbst willen angestrebt wird, galt die Erkenntnis. Und als deren Zugang und Form galt die Theorie, vom altgriechischen Wort theore n (zuschauen) abgeleitet. Der Theoretiker ist also Zuschauer, dem Wortursprung nach bei religiösen Riten (von theós , göttlich), später auch der offizielle Zuschauer bei den klassischen olympischen Spielen, also der Sportfunktionär und Reporter, der seiner Gemeinde vom Verlauf und vom Abschneiden der eigenen Leute berichtete. Schon damals stand der Theoretiker im Gegensatz zum Praktiker oder besser, zum Arbeiter und Handwerker. Zu diesen zählte damals auch der Poet, der als griechischer poiétes und als lateinischer poeta (von griechisch poié ìn , herstellen) nur ein Hersteller von Gedichten und Schauspielen, nicht aber ein Erkennender und Wissender war. Und selbst der heute noch berühmte Archimedes galt wegen seiner handwerklich-technischen Erfindungen wenig und war Wissenschaftler nur als Verfasser einer Theorie (zur Statik und Optik).

Natürlich kann man fragen, wieso und wie sich diese Philosophien in einer Wertschätzungshierarchie wiederfinden konnten, die uns auch noch heute geläufig ist. Hört man sich heute im akademischen Betrieb um, dann gilt der Theoretiker mehr als der Praktiker. Der Physiker ist angesehener als der Ingenieur, und dieser wieder mehr als der Handwerker, dem der Physiker doch seine Geräte und der Theoretiker die Daten des Experimentalphysikers verdanken. Eine groteske Form dieser Hierarchie wird aktuell in der Wertschätzung von Erziehungstheoretikern durch Politiker sichtbar. Als Ratgeber der Politik muss der Erziehungswissenschaftler weder nachweisen, dass er selbst "erziehen", "bilden" oder "ausbilden" kann, noch gar, dass er die angestrebten Inhalte der (Aus-)Bildung selbst beherrscht. Er soll als zuständiger Theoretiker nur sagen, worüber, worin oder wie die zu Belehrenden zu belehren sind.

Tatsächlich waren es nicht etwa Politik oder Ethik, deren Geringschätzung des Hand

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