text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

'Ich war mit Freuden dabei.' Der KZ-Arzt Sigbert Ramsauer. Eine österreichische Geschichte von Rettl, Lisa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.05.2014
  • Verlag: Milena Verlag
eBook (ePUB)
18,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

'Ich war mit Freuden dabei.'

'Die Juden mögen wir nicht', schwadronierte Sigbert Ramsauer, ehemaliger SS-Arzt im KZ am Loiblpass, amnestierter Kriegsverbrecher und praktischer Arzt in Klagenfurt, Anfang der 1990er Jahre in einem TV-Interview. Und zu seiner Rolle im NS-Getriebe erklärte vor laufender Kamera freimütig: 'Ich war mit Freuden dabei!' Mit der Biografie des bis dato wenig bekannten österreichischen KZ-Arztes folgen die ZeithistorikerInnen Lisa Rettl und Peter Pirker einer Spur, die über den Vernichtungskrieg in Polen und der UdSSR durch die verschiedenen Konzentrationslager des Deutschen Reiches mäandert, nach Großbritannien führt und sich schlussendlich zu einem zutiefst österreichischen Stück Geschichte verdichtet: Sie manifestiert sich im Umgang mit NS-Tätern und ihren Opfern, im umfassenden Be- und Verschweigen, in der breiten gesellschaftlichen Hilfe für Kriegsverbrecher und letztlich auch in der zögerlichen strafrechtlichen Verfolgung. Dank großer Akribie und außergewöhnlichem Quellenreichtum zeichnen Rettl und Pirker nicht nur den Lebensweg Ramsauers nach, sie skizzieren darüber hinaus einen bislang in der Zeitgeschichte unbearbeiteten Themenkomplex: den britischen Militärgerichtsprozess von 1947, Kärntens größten Kriegsverbrecherprozess. Mit dem aktuellen Titel der Zeitgeschichte-Reihe schlägt der Milena Verlag ein neues Kapitel auf: Nicht der Verfolgten, Widerständigen und Ermordeten wird hier gedacht, sondern die 'Normalität' eines Kriegsverbrechers aufgezeigt, und einmal mehr der Umgang der Zweiten Republik mit den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges.

Lisa Rettl lebt und arbeitet als freiberufliche Zeitgeschichtlerin und Ausstellungskuratorin in Wien. Zu ihrer mehrfach ausgezeichneten Arbeit gehören der österreichische Widerstand, Erinnerung & Gedächtnis und österreichische Minderheitenpolitik als Forschungsfelder. Zahlreiche Publikationen, Lehrtätigkeit an der Universität Klagenfurt. Als Kuratorin vielfältige Ausstellungstätigkeiten, zuletzt: 'Wir gehörten hierher'. Über die Jüdische Familie Scharfberg in Eisenkappel', zusammen/stöße. erinnerungssplitter einer grenzregion (beide Bad Eisenkappel, 2008). Mitglied des Kuratorenteams der 2009 in Wien gezeigten Ausstellung 'Was damals Recht war.' Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht. 2009 in Zusammenarbeit mit Jenny Gand erster biografischer Dokumentarfilm Wilde Minze. Peter Pirker studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Ethnologie an der Universität Wien. 2000-2006 Journalist (u.a. APA und Ö1), 2006-2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter des FWF-Projekts 'Die Austrian Section des britischen Kriegsgeheimdienstes SOE' am Institut für Staatswissenschaft der Uni Wien; Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien; Co-Kurator der Ausstellung 'Was damals Recht war... Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht'. Zahlreiche Publikationen und biographische Forschungen zu Exil, Widerstand, Geheimdiensten, Erinnerungskultur; Herbert-Steiner-Anerkennungspreis 2009

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 28.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783902950178
    Verlag: Milena Verlag
    Serie: Revisited Bd.5
    Größe: 3151kBytes
Weiterlesen weniger lesen

'Ich war mit Freuden dabei.'

Kindheit und Jugend in Klagenfurt

Sigbert: alter dt. männl. Vorname (ahd. sigu "Sieg"+ ahd. beraht "glänzend") 1

Sigbert Hans Ramsauer wurde am 19. Oktober 1909 in Klagenfurt als einziges Kind von Maria Ramsauer (geb. Lendorfer) und Regierungsrat Christian Ramsauer geboren und in der röm. kath. Kirche von St. Egid in Klagenfurt getauft. 2 Seine Mutter Maria Lendorfer, die in verschiedenen Akten als "Private" geführt wird, tritt in den erhaltenen Quellen kaum hervor. Über sie ist lediglich bekannt, dass sie die Tochter eines k.k. Steuerbeamten in Eisenkappel war. Der Vater Christian, aus Abtenau bei Salzburg stammend, wird im Trauungsbuch als "Besitzersohn" geführt. Zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes arbeitete er als k.k. Regierungs-Concipist 3 , als beamteter Bezirkskommissär im Agrarwesen der noch bestehenden Monarchie. In der Qualifikationsbeschreibung seines Vorgesetzten wird er 1914 als aufstrebender Beamtentypus beschrieben: Ihm wird tadelloses, ausgezeichnetes, fleißiges und gewissenhaftes Verhalten beschieden, "sehr gewandt und energisch, für den Dienst vorzüglich geeignet", ebenso wird er wärmstens für einen Leitungsposten empfohlen. 4

Das soziale Umfeld der Ramsauers kann in den frühen Kindheitsjahren Sigberts als kleinbürgerlich mit zunächst stabilen, geordneten ökonomischen Verhältnissen bezeichnet werden. Auf die politische Gesinnung des Elternhauses lassen die Quellen zu diesem Zeitpunkt noch keinen eindeutigen Rückschluss zu, das politische Klima innerhalb der Familie dürfte jedoch nach verschiedenen Indizien großdeutsch und antisemitisch geprägt gewesen sein. Darauf deutet nicht zuletzt das berufliche Umfeld Christian Ramsauers mit seinem Naheverhältnis zum nationalliberalen Kärntner Bauernbund hin, in dessen Leitsätzen grundsätzlich "die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf die Finanzwirtschaft und auf die wirtschaftliche, kulturelle wie sittliche Entwicklung des Volkes" gefordert wurde. Der Bauernbund bediente sich in der Zwischenkriegszeit, ähnlich den Großdeutschen, einer völkisch-nationalistischen Ideologie, "die in wesentlichen Elementen die ideologisch-propagandistischen Kernpunkte des Nationalsozialismus antizipierte". 5 In parteipolitischem Kontext deutet ein späterer Brief von Christian Ramsauer – zumindest für die frühen 1920er Jahre – auf ein Naheverhältnis zu Arthur Lemisch und dessen Deutschliberaler Partei hin, später dürfte auch er sich der NSDAP zugewandt haben.

Maturajahrgang 1929 des Bundesgymnasiums in Klagenfurt mit Sigbert Ramsauer, mittlere Reihe, 8. von links.

Wohnhaft in der Radetzkystraße 16, im bürgerlichen Bezirk Kreuzbergl in Klagenfurt, besuchte Sigbert mit Unterbrechungen das Klagenfurter Bundesgymnasium am Völkermarkter Ring, wobei er aus nicht näher geklärten Gründen die 6. Klasse in einem Bundesrealgymnasium in Graz absolvierte. 6 In der 7. Klasse wurde er im Klagenfurter Gymnasium wieder als Privatist der 7b geführt, 7 ehe er im Juni 1929 maturierte.

Mit der nationalsozialistischen Bewegung kam Ramsauer nach eigenen Aussagen bereits sehr früh in Kontakt: "[...] mit den Juden haben wir weiter kein b'sonderes Verhältnis g'habt, aber schon als Mittelschüler, im zarten Alter von ungefähr 14 Jahren, bin ich mit dem Hakenkreuz gangen, weil es war so "in", sagen wir, in Klagenfurt." 8 Über seinen näheren Freundeskreis liegen keine Informationen vor, allerdi

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen