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1920 Am Nullpunkt des Sinns von Martynkewicz, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.11.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
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1920

Die Reise in ein epochales Jahr und in die Vorgeschichte der Goldenen Zwanziger 1920 war ein Jahr, das den Zeitgenossen chaotisch, anarchisch und haltlos erschien. Zugleich war es der Moment für Visionen, Träume und Utopien. Denn der Nullpunkt, nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und vor dem Aufschwung in die Goldenen Zwanziger, liegt zwischen beiden Polen als ein Raum von ungeahnter Kraft. Wolfgang Martynkewicz entwirft ein Schicksalspanorama, das diesen entscheidenden Wendepunkt europäischer Geschichte wieder aufleben lässt - mit eindrücklichen Porträts von Bertolt Brecht, Sigmund Freud, Franz Kafka, Milena Jesenská, Hannah Höch u. v. m. "Mit einem Ruck emanzipierte sich die Nachkriegsgeneration brutal von allem bisher Gültigen und wandte jedweder Tradition den Rücken zu ... und selbstverständlich begann alles mit wilden Übertreibungen." Stefan Zweig Wolfgang Martynkewicz ist freier Autor und Dozent für Literaturwissenschaft an den Universitäten Bamberg und Bayreuth; zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Geschichte der Psychoanalyse; u.a. über Jane Austen, Edgar Allan Poe, Arno Schmidt, Sabina Spielrein, C. G. Jung und Georg Groddeck. 2009 gelang ihm mit 'Salon Deutschland. Kunst und Macht 1900-1945' ein Erfolg bei Presse und Publikum.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 08.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841218063
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 11878 kBytes
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1920

Prolog
Eine babylonische Welt

"Denn ein anderer Rhythmus war in der Welt.

Ein Jahr, was geschah jetzt alles in einem Jahr!"

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
"Abenddämmerung oder Morgendämmerung"

"Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes." 1 Mit diesem Satz beginnt Kurt Tucholskys Essay "Dämmerung", erschienen im März 1920 in der Wochenschrift Die Weltbühne . Tucholsky beschreibt das Lebensgefühl in der Welt von 1920. Das bürgerliche Zeitalter war im Krieg untergegangen, aber man tat so, als sei nichts passiert - business as usual : "Seltsam, dieses Bürgertum. [...] Seltsam dieses starre Festhalten an Formen, die leer sind, an Dingen, die es eigentlich nicht mehr gibt. Vorbei, vorbei - fühlt ihr das nicht?", wundert sich Tucholsky. Äußerlich scheint alles normal, die Menschen arbeiten, gehen ihren Geschäften nach, vergnügen sich: "aber es ist alles nicht wahr". 2

Die Welt ist in Bewegung, "es rumort in der Tiefe, und der Boden schwankt leise". 3 Viele Selbstverständlichkeiten sind dahin - und davon gab es einige: "daß das Vaterland das Höchste ist", "daß die Familie der Endpunkt der Entwicklung", "daß der Kapitalismus notwendig oder gar nutzbringend sei". Alles das ist nun, so Tucholsky, "sehr bestritten". Klarheit herrscht nicht, es gibt keine gemeinsame Basis: "die babylonischen Menschen" sprechen verschiedene Sprachen, sie "sprechen aneinander vorbei, und sie haben weniger gemeinsam denn je". 4

Noch glauben die Menschen allerdings, dass die "gute alte Welt" eines Tages wiederkomme, aber - da ist sich Tucholsky sicher - sie kommt nicht wieder. "Ich fühle nur dumpf, daß da etwas herankriecht, das uns alle zu vernichten droht. Uns: das ist unser altes Leben [...] - uns: das ist unsre alte Welt, an der wir - trotz allem - so gehangen haben." 5

Die Welt war seit August 1914 ins Rollen gekommen - und nun "stürzt" sie. Der Sinn des Lebens ist grundsätzlich in Frage gestellt. Nur nehmen - das ist für Tucholsky das Wahnwitzige - die wenigsten wirklich Notiz davon, krampfhaft hält man an den alten Vorstellungen vom Leben fest. Man spricht über Politik und Kunst, diskutiert über die neuen Romane, besingt die "gute alte Zeit", als wenn nichts wäre - eine gespenstische Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, in der nichts mehr wahr ist, in der alle Gewissheiten zweifelhaft geworden sind.

Doch es gibt auch, folgen wir Tucholsky, Hoffnung, das Alte geht nicht nur unwiderruflich unter, es zeigt sich auch das Neue: "Horcht hin, und ihr hört einen neuen Herzschlag der Zeit." 6 Doch was man da hörte, war nicht frei von Angst - "Angst vor dem Neuen, das keiner kennt". 7

Wie ein Refrain zieht sich eine Frage durch den Text: "Wohin führt das alles?" - "Wohin treiben wir?" 8 Es gibt keinen, der lenkt, keinen, der steuert. Tucholsky beschreibt das Gefühl einer allgemeinen Bodenlosigkeit, es gibt nichts Festes mehr, alles wankt, droht nachzugeben, zu zerfallen, zu sinken. Es gibt keine Richtung, keine Orientierung. "Es dämmert, und wir wissen nicht, was das ist: eine Abenddämmerung oder eine Morgendämmerung." 9

Erkennen wir überhaupt etwas von der Zeit, wenn wir uns in ihrer Gegenwart befinden?, fragt sich Tucholsky: "Was wissen wir von der Zeit? Wir stehen davor wie der Wanderer vor der roten Felswand, viel zu nah, um ihre Struktur, geschweige denn ihre Schönheit zu sehen!" 10

Stefan Zweig hingegen hat die Welt von 1920 als Zeit des Aufbruchs, des neuen Lebens, der Hoffnung und Befreiung, aber auch des Chaos, des Rausches und der Ekstase beschrieben. Anders als Tucholsky, dessen Essay 1920 entstanden ist, blickte Zweig allerdings aus großem zeitlichem Abstand auf die Ereignisse zurück. Seine Erinnerungen schrieb er um 1940, in den letzten Jahren seines Exils. Sie erschi

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