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Der letzte Palast von Prag Ein legendäres Haus und die Stürme des 20. Jahrhunderts von Eisen, Norman (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.11.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Der letzte Palast von Prag

Norman Eisen war US-Botschafter in Prag. Und liebte das Palais, das er bewohnen und in dem er arbeiten durfte. Der jüdische Industrielle Otto Petschek ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Palais in Prag bauen - nicht ahnend, welch unterschiedliche Menschen es später noch bewohnen würden. Etwa die mondäne Shirley Temple, die in ihrer zweiten Karriere als Botschafterin in die Tschechoslowakei entsandt wurde. Oder Rudolf Touissant, der als Statthalter von Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs in diesen Mauern mit sich rang, als er die Order erhielt, angesichts der herannahenden Roten Armee die Stadt zu zerstören. Norman Eisen erzählt mit viel Charme die Geschichte dieses Hauses, das den Ersten und Zweiten Weltkrieg ebenso überdauerte wie die Ära des Kommunismus, den Prager Frühling und die Rückkehr der Demokratie - deren Bestand heute wieder gefährdet ist. Die großartige Erzählung eines Gebäudes, in der sich die die Geschichte dieser einzigartigen Stadt und ganz Europas im 20. Jahrhundert spiegelt.

Norman Eisen, geboren 1960 als Sohn einer Holocaust-Überlebenden, studierte unter anderem an der Harvard Law School. 2009 wurde er von Barack Obama zum Special Counsel for Ethics and Government Reform in the White House ernannt. Von 2011 bis 2015 war er US-Botschafter in Prag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 592
    Erscheinungsdatum: 02.11.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843722612
    Verlag: Ullstein
    Originaltitel: The Last Palace
    Größe: 6306 kBytes
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Der letzte Palast von Prag

Kapitel 1

Der Goldene Sohn der Goldenen Stadt

Prag, Tschechoslowakei, Frühjahr 1924

Es war kurz vor Sonnenaufgang auf einem Hügel mit Blick über die Altstadt, etwas nördlich der Prager Burg, als ein einundvierzig Jahre alter Mann1 in seinem kleinen, aber eleganten Haus erwachte. Es war eine der kleinen Villen, die im Vorort Bubenec verstreut lagen; vor nicht allzu langer Zeit noch ganz ländlich, war dieses Viertel nun zu einem der vornehmsten der Stadt geworden. Der Mann glitt mit seinen Füßen in die Hausschuhe, steckte seine Arme in einen Morgenrock und band den Gürtel zu. Er bewegte sich vorsichtig, um seine Frau nicht zu wecken, deren schlanke Gestalt sich unter der Bettdecke abzeichnete. Behutsam öffnete er die Terrassentür und trat ins Freie.

Otto Petschek begrüßte jeden Morgen die aufgehende Sonne, die jetzt den Horizont noch nicht durchbrochen hatte. Sein Butler, der einen Frack mit gestreifter Weste trug, würde sich im weichen blauen Licht zu ihm gesellen und mit seinen weiß behandschuhten Händen Kaffee servieren. Auch heute füllte er mit geübter Hand eine Tasse, reichte sie Otto und ging wieder ins Haus. Otto spürte die Hitze des Kaffees durch das feine Meissner Porzellan mit seinem komplizierten Muster aus rosa Blüten und goldenen Blättern. Dieses Service war ein Geschenk an seine Frau Martha gewesen. Nach elf Jahren Ehe2 und vier gemeinsamen Kindern liebte es Otto noch immer, ihr Gesicht aufleuchten zu sehen, wenn er ihr schöne Dinge mitbrachte.

Otto nippte an seinem Kaffee und genoss den Ausblick. Obwohl er nahe dem Zentrum von Prag wohnte - eine über ein ganzes Jahrtausend hinweg gewachsene Stadt, in der ständig neue Bauten eingefügt und übereinandergeschichtet worden waren -, hatte sich direkt hinter seinem Haus ein Stück Wildnis3 erhalten. Über Jahrzehnte hinweg hatten seine Eltern und dann er selbst unzählige Grundstücke aufgekauft und sie zu einer einzigen weitläufigen, fünf Morgen (ca. 20 000 Quadratmeter) großen Parzelle zusammengefügt.4

Otto vertiefte sich in das Profil des Geländes. Zum Teil war es von der Dunkelheit verschleiert, die noch den Boden erfasste, doch er kannte es auswendig, praktisch bis zum letzten Blatt. Jahre hatte er damit verbracht5, jeden einzelnen Bereich abzuschreiten; hatte den Besitz an Wochenenden besucht, Familienfeiern abgehalten, sogar Martha dort den Heiratsantrag gemacht. Alte Bäume ragten in die Höhe, hoch und wild gewachsen. Hecken verliefen zwischen ihnen, dazu Blumenständer und Rasenstreifen. In der Ferne hörte Otto das Geklapper der Pferdehufe; die ersten Fuhrwerke lieferten ihre Waren aus - Eis und Milch für die Nachbarn.

In seinem Rücken, hinter diesem noch ungestalteten Land, lag in östlicher Richtung das Herz von Prag: das Stadtzentrum, in dem Otto geboren worden war; die Synagoge, in der er seine Bar Mitzwa erhalten hatte; die Schulen, in denen er ausgebildet wurde; das Geschäft, das er mit aufgebaut hatte. Er war ein typischer Bürger6 der tschechoslowakischen Hauptstadt, dennoch blickte er allmorgendlich auch in Richtung Westen: nach Deutschland, der Sprache und Kultur wegen; nach Frankreich, der Kunst und Architektur wegen; nach England, dessen geschäftlichen Scharfsinn er bewunderte; und über den Atlantik hinweg zu den Vereinigten Staaten, deren Energie er begrüßte. Er war dankbar für die Rolle, die die USA bei der Erschaffung des gerade flügge werdenden tschechoslowakischen Staates und bei der Verankerung einer neuen europäischen Nachkriegsordnung eingenommen hatte. Im Dunst vor der Morgendämmerung konnte er sich, wenn er die Augen zusammenkniff, die Krümmung der Erde unterhalb seines weitläufigen Landbesitzes vorstellen und diesen Bogen nachzeichnen, der ihn mit allen Nationen verband, die er bewunderte.

Wie gewöhnlich hörte Otto innerl

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