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Dresden 1919 Die Geburt einer neuen Epoche von Klier, Freya (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2018
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
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Dresden 1919

Dresden 1919 - die Stadt gleicht einem Brennglas, in dem sich die Lage der entstehenden Weimarer Republik spiegelt: Klassenkämpfer treffen auf Sozialdemokraten und ein kaisertreues Bürgertum. Kriegskrüppel und Schwerverwundete prägen den Alltag ebenso wie eine pulsierende Künstlerszene. Jederzeit droht der Bürgerkrieg. Aus historischen Zeugnissen und den Erinnerungen beteiligter Akteure formt Freya Klier ein beeindruckendes Panorama der damaligen Jahre und spannt den Bogen in unsere Zeit, indem sie Parallelen zur Gesellschaft heute zieht. 'Über dem Europa des Jahres 1919 liegen Hunger und eine tiefe Erschöpfung - sowohl auf Seiten der Sieger als auch der Besiegten. Der Habsburger Völkerstaat ist in seine Bestandteile aufgespalten, und Deutschland als dem größten Verlierer des Weltkriegs wird ein Friedensvertrag diktiert, der die Menschen quer durchs Land in Zorn und Depressionen versetzt. Aus dem Osten droht der Bolschewismus, im Westen halten die Siegermächte deutsche Gebiete besetzt. Wie soll das weitergehen? Niemand will die Verantwortung für diesen Krieg übernehmen - am wenigsten jene, die ihn zu verantworten haben.' Freya Klier lässt Menschen zu Wort kommen, die damals hautnah dabei waren: sie zitiert aus den Tagebüchern von Käthe Kollwitz und Victor Klemperer, sie zeichnet Erinnerungen von Erich Kästner, Ernst Toller, Oskar Kokoschka und Marie Stritt auf. Die zwölfjährige Jüdin Johanna Lindemann schildert beeindruckend, was Kinderarmut in der Kriegs- und Nachkriegszeit bedeutete. Noch weiß sie nichts von dem dramatischen Schicksal, das sie erwartet. Vieles von dem, was nach Ende des Ersten Weltkriegs geschieht, läuft in Dresden zusammen. In den Metropolen der anbrechenden Weimarer Republik sind die Stimmungen sehr unterschiedlich. Nur im Vergleich mit den Ereignissen in München, Berlin oder Köln lässt sich die Umbruchzeit im Elbetal des Jahres 1919 beschreiben. Wieso sind die Freikorps hier nicht so brutal wie im Ruhrgebiet oder in Bayern? Wieso verläuft die Revolution fast friedlich, ebenso die Ausrufung des Freistaates? Dresden wird zum Zentrum der Reformpädagogik. In keiner anderen Stadt gründen sich im Jahr 1919 so viele Vereine wie in der sächsischen Hauptstadt. Alle handeln aus derselben Motivation: Sie wollen die Welt verändern. Und 'kaum wahrgenommen in der Welt des patriotischen Rauschens macht sich eine Generation starker Frauen auf den Weg, um ein gesamtdeutsches Frauenwahlrecht zu erkämpfen - an ihrer Spitze die Schauspielerin Marie Stritt. Sie agieren aus der bürgerlichen Mitte heraus, ohne aggressive Ausfälle gegen das männliche Geschlecht. Sie bekommen großen Zulauf und sind auf Anhieb erfolgreich, wie die Wahlen zur Nationalversammlung zeigen.' Im Jahr 2019 feiert der Freistaat Sachsen mit der Hauptstadt Dresden seinen 100. Jahrestag. Am Beispiel dieser Stadt erzählt Freya Klier auf beeindruckende Weise von dem schwierigen Wandel des Kaiserreichs in die Weimarer Republik, in dem sie einen neuen Blick auf die Geschehnisse der Jahre 1918-1920 wirft.

Freya Klier, geb. 1950 in Dresden, arbeitete als Schauspielerin und Theaterregisseurin, 1980 war sie Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung. 1988 wurde sie zusammen mit anderen Bürgerrechtlern verhaftet und unfreiwillig ausgebürgert; seitdem Arbeit als Regisseurin und Autorin. Freya Klier hat viele Preise und Ehrungen erfahren, unter anderem erhielt sie das Bundesverdienstkreuz (2012). 2016 wurde ihr der Franz-Werfel-Menschenrechtspreis in der Frankfurter Paulskirche überreicht. Zuletzt bei Herder erschienen: 'Wir letzten Kinder Ostpreußens. Zeugen einer vergessenen Generation' (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 02.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451813238
    Verlag: Verlag Herder GmbH
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Dresden 1919

Krieger

Woran fehlt es den Europäern am beginnenden 20. Jahrhundert? An nichts, was einen Krieg rechtfertigen würde. Die industrielle Revolution hat sie wirtschaftlich stark gemacht, und auch kulturell ist Europa hoch entwickelt, bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Länder. Doch statt zusammenzuarbeiten, wirkt jeder gegen jeden. Nationalismus, Militarismus, Neid und verhängnisvolle Allianzen verwandeln den alten Kontinent in ein gewaltiges Pulverfass. Das explodiert im Sommer 1914. Beteiligt werden sein: Der Zweibund Deutsches Reich und Österreich-Ungarn, Frankreich, England, Russland. Kurz nach der Nachricht von der russischen Generalmobilmachung richtet am 31. Juli 1914 Kaiser Wilhelm II. in der Reichshauptstadt die Worte an sein Volk:

"An mein Volk!

Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand."

Die Deutschen brechen, nach einem quälenden Hin und Her der internationalen Politik, in einen erlösenden Jubel aus. Als der Kaiser tags darauf die Mobilmachung Deutschlands verkündet, versammeln sich spontan 50 000 Menschen vor dem Berliner Stadtschloss und lauschen andächtig seinen Worten:

"In dem jetzt bevorstehenden Kampfe kenne ich in meinem Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche. Und welche von den Parteien auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen mich gewandt haben, ich verzeihe ihnen allen. Es handelt sich jetzt nur darum, daß alle wie Brüder zusammenstehen."

Das reißt mit, die Worte des Kaisers erzeugen ein lange nicht gekanntes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Großstädte Deutschlands versinken in einem patriotischen Freudentaumel - wenn auch nicht gerade in Ostpreußen, welches unmittelbar an den Kriegsgegner Russland grenzt, oder im Elsass, das mit dem Kriegsgegner Frankreich fast verwoben ist. Vor allem Bürgerliche sind mitgerissen, Studenten und Gymnasiasten, Professoren, auch viele Künstler und Theologen. Nicht mitgerissen von den ersten Begeisterungsstürmen sind zunächst die Arbeiter - ihnen dämmert, sie könnten das Kanonenfutter sein, wie in allen Kriegen. Doch als der Auszug der ersten Soldaten aus den Kasernen in Richtung Front einsetzt, weht auch in den meisten Arbeitervierteln die schwarz-weiß-rote Fahne, erklingen auch hier patriotische Lieder.

Aus Bayern laufen Züge aus, geschmückt mit Bierflaschen und Rettichen. Sitzt der Student Ernst Toller in einem solchen Zug? Ernst Toller aus der Provinz Posen meldet sich 1914 freiwillig als Soldat. Seit Februar 1914 studiert er an der "Ausländeruniversität" im französischen Grenoble - nun aber, mit Kriegsausbruch, setzt er sich sofort in einen Zug nach Deutschland. Er ist nicht der einzige Patriot im Abteil:

"Als der Zug in Lindau, auf deutschem Boden, einläuft, singen wir wieder 'Deutschland, Deutschland über alles'", wird Toller sich später in seinen Memoiren "Eine Jugend in Deutschland" erinnern.

"Wir winken den bayrischen Landwehrmännern zu, die den Bahnhof bewachen, jeder von ihnen ist das Vaterland, die Heimat; wenn ihre Vollbärte wedeln, hören wir die deutschen Wälder rauschen ...

Ich habe die Stimmen der Menschen noch im Ohr, die schrien, daß Frankreich angegriffen sei. Jetzt lese ich in deutschen Zeitungen, daß Deutschland angegriffen wird, und ich glaube es. Französische Flieger, sagte der Reichskanzler, haben Bomben auf bayrisches Land geworfen, Deutschland wurde überfallen, ich glaube es.

An den Bahnhöfen schenkt man uns Karten mit dem Bild des Kaisers und der Unterschrift: 'Ich kenne keine Parteien mehr'.

Der Kaiser kennt keine Parteien mehr, hier steht es schwarz auf weiß, das Land kennt keine Rassen mehr, alle sprechen eine Sprache, alle verteidigen eine Mutter, Deutschland."

Im August 1914 ist es nicht leicht, Soldat zu werden, die Kasernen quellen bereits über von Freiwilligen. Und s

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