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Kurier der Erinnerung Das Leben des Jan Karski von Kijowska, Marta (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.07.2014
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Kurier der Erinnerung

Jan Karski war einer der wichtigsten Kuriere der polnischen Untergrundbewegung im Zweiten Weltkrieg. 1942/43 versorgte er die Alliierten mit detaillierten Informationen über das Schicksal der Juden in Polen. Doch seine Hoffnung, sie zu einem Eingreifen zu bewegen, erfüllte sich nicht. 2011 erschien sein noch im Krieg verfasster 'Bericht an die Welt' erstmals auf Deutsch und erregte großes Interesse. Jetzt legt Marta Kijowska die erste deutschsprachige Biografie vor, die sein ganzes Leben erzählt, auch die frühen Jahre und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Jan Karski wurde 1914 in Lodz geboren und hatte eine Diplomatenkarriere vor sich, als die Wehrmacht Polen überfiel. Unter der deutschen Okkupation wurde er zu einem der aktivsten Mitglieder der polnischen Untergrundbewegung und zu einem ihrer wichtigsten Kuriere. Im Herbst 1942 wurde er auf einer speziellen Mission in den Westen geschickt. Er sollte die polnische Exilregierung und die Alliierten über die Arbeit des Untergrunds, aber auch über das Schicksal der polnischen Juden informieren. Um einen möglichst glaubwürdigen Bericht zu liefern, ließ er sich vorher ins Warschauer Ghetto und in ein Transitlager im Osten Polens einschleusen. Doch seine Versuche, die Welt zu alarmieren, blieben ohne Wirkung: Er wurde zwar in London u.a. von Außenminister Anthony Eden und in Washington sogar von Präsident Franklin D. Roosevelt empfangen, doch entweder schenkte man seinem Bericht keinen Glauben oder man blieb gleichgültig. Schockiert und enttäuscht, wollte Karski über seine Erlebnisse nie wieder sprechen. Er ließ sich in Washington nieder, wo er viele Jahre an der Georgetown University lehrte. Erst Ende der 70er Jahre gelingt es Claude Lanzmann ihn für seinen Dokumentarfilm 'Shoah' vor die Kamera zu holen. Erneut betätigt Karski sich als Kurier, diesmal als Kurier der Erinnerung. Marta Kijowska, geboren 1955 in Krakau, lebt seit Jahren in München. Sie studierte Germanistik, war Redakteurin von 'Kindlers Literatur Lexikon', arbeitet als Journalistin für Zeitungen und Hörfunk und als Übersetzerin aus dem Polnischen. Sie veröffentlichte u.a. die Biographien Andrzej Szczypiorskis (Der letzte Gerechte, 2003) und Stanislaw Lec' (Die Tinte ist ein Zündstoff, 2009) sowie den Essayband Krakau. Spaziergang durch eine Dichterstadt (2005).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 382
    Erscheinungsdatum: 04.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406660740
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 5732 kBytes
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Kurier der Erinnerung

2

NACH LEMBERG

1931 - 1936

Lemberg ist immer eine Reise wert: Dieser Meinung ist man in Polen heute, und umso mehr war man es damals, als die Stadt noch polnisch und nicht "mit der Asche sowjetischer Hässlichkeit bestreut" (Adam Zagajewski) war. Dieser Meinung war auch Jan, als er im September 1931, zusammen mit seiner Mutter, nach Lemberg zog, wo sein ältester Bruder Karriere machte. Marians politische Standhaftigkeit hatte sich gelohnt: Nachdem Jó;zef Piłsudski infolge des Staatsstreichs von 1926 erneut Staatsoberhaupt geworden war - drei Jahre zuvor hatte er sich aus dem politischen Leben zurückgezogen - , legte er besonderen Wert darauf, Menschen um sich zu haben, denen er vertrauen konnte. Dies galt für alle Stufen der staatlichen Hierarchie, zumal es ihm bewusst war, dass seine Politik der Sanacja - einer grundlegenden Reformierung des Landes, die auch eine moralische "Sanierung" der Gesellschaft beinhalten sollte - nicht immer auf Zustimmung, geschweige denn auf Begeisterung stieß.

Mit gutem Grund: Die Proklamierung der Zweiten Polnischen Republik (1918) lag zwar schon einige Jahre zurück, doch von vollkommener Stabilität war das Land noch weit entfernt. Und Piłsudskis Visionen, die er mit sehr autoritärem Führungsstil durchzusetzen versuchte, entsprachen nicht immer der innenpolitischen Realität. Die Parteienlandschaft war zersplittert, die wirtschaftliche Situation schwierig und die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung, die aus Polen, Litauern, Russen, Ukrainern, Weißrussen, Deutschen und Juden bestand, ließ alte Konflikte aufleben und neue Spannungen entstehen. Ein Unruheherd besonderer Art waren die östlichen Grenzgebiete, wo Marian Kozielewski nun mit polizeilichen Maßnahmen an der "Sanierung" des Landes mitwirken durfte - zunächst als Chef mehrerer Kommissariate in der Provinz und dann als Kommandant der Polizei des gesamten Lemberger Bezirks.

Marian Kozielewski um 1930

Als Jan also im Oktober 1931 sein Studium an der Lemberger Jan-Kazimierz-Universität antrat, waren es nicht nur seine Leistungen und sein gesellschaftliches Talent, die ihn bald aus der Menge der Studenten hervorhoben, sondern auch das Etikett "Bruder des Polizeichefs". An seinem eigenen Karrierewunsch hatte sich nichts geändert, und auch das machte die Lemberger Universität für ihn zu einem optimalen Studienort: Sie war soeben zu einer neuen Brutstelle der polnischen Diplomaten geworden. Zu Beginn des akademischen Jahres 1930/31 wurden dort nämlich an der juristischen Fakultät drei neue Studiengänge eröffnet, u.a. ein Studium der Diplomatie. Zugelassen waren alle Absolventen des allgemeinen Jurastudiums, aber auch diejenigen, die es, ab dem zweiten Studienjahr, als Parallelstudium zu Jura oder einem anderen Fach betreiben wollten. Jan wählte den zweiten Weg: 1931 wurde er Jurastudent, ein Jahr später schrieb er sich an der Diplomatenschule ein. Eine bessere Entscheidung hätte er kaum treffen können: Leiter der Schule war Professor Ludwik Ehrlich, ein international hochgeschätzter Spezialist für Völkerrecht. Unter den Lehrern waren viele Diplomaten und Politiker, die für eine natürliche Verbindung zu den Warschauer Regierungskreisen sorgten. Und die Tatsache, dass es die einzige Schule dieser Art in Polen und eine der wenigen in Europa war, gab ihr zusätzlich einen elitären Charakter.

Auch die Universität selbst genoss einen ausgezeichneten Ruf. Durch den ständigen Ausbau der einzelnen Fakultäten war sie damals nicht nur die drittgrößte (nach Warschau und Krakau), sondern auch eine der modernsten Universitäten des Landes. Zu ihrem Lehrkörper

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