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Mein Vater, der Deserteur Eine Familiengeschichte von Freund, René (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.09.2014
  • Verlag: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
eBook (ePUB)
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Mein Vater, der Deserteur

Paris, August 1944. Die Stadt ist von Hitlers Wehrmacht besetzt, doch die Tage der deutschen Herrschaft sind gezählt. Gerhard Freund ist achtzehn, als er zur Wehrmacht eingezogen wird; Mitte August 1944 soll seine Einheit an der Schlacht um Paris teilnehmen. Der junge Soldat erlebt die sinnlose Brutalität des Kampfes und desertiert. Er wird von der Résistance festgenommen und von amerikanischen Soldaten vor der Erschießung gerettet. Mehr als sechzig Jahre später liest René Freund das Kriegstagebuch seines verstorbenen Vaters, stöbert in Archiven, spricht mit Zeitzeugen und fährt nach Paris, auf der Suche nach einem schärferen Bild von seinem Vater - und der eigenen Familiengeschichte.

René Freund, geboren 1967, lebt als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. Er studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Völkerkunde und war von 1988 bis 1990 Dramaturg am Theater in der Josefstadt. Im Deuticke Verlag sind bisher erschienen: Liebe unter Fischen (2013), seine Familiengeschichte Mein Vater, der Deserteur (2014), Niemand weiß, wie spät es ist (2016) und zuletzt Ans Meer (2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 29.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783552062696
    Verlag: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
    Größe: 5365 kBytes
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Mein Vater, der Deserteur

1944

Freitag, 11 . August

18 Uhr Abschied von zu Hause, 23 Uhr Abfahrt Wien,

Westbahnhof

Der Krieg hat meinen Vater umgebracht, behauptet seine Schwester, meine Tante. Sie sieht ihn als Gefallenen, gestorben für Führer, Volk und Vaterland, 34 Jahre nach Kriegsende. Es waren die Entbehrungen, sagt meine Tante. Und die Angst. Mein Vater war ein unruhiger Mensch. Und er konnte keinem Genuss widerstehen. Die tägliche Rindsbouillon. Innereien. Würste. Fettes Fleisch. Wein. Fernet. Und "Falk", achtzig Zigaretten täglich. Und die Medikamente. Die Ärzte haben deinen Vater auch umgebracht, sagt meine Tante. Und der Krieg. Aber natürlich hat er sich selbst umgebracht, "weil es muss ja keiner".

Muss keiner?

Mein Vater musste Soldat werden. Musste er? Geboren am 5. September 1925, erst bei der HJ , dann beim Reichsarbeitsdienst, ein großer, schlanker, blauäugiger Junge. Vier Tage vor seinem vierzehnten Geburtstag konnte dieser hübsche Junge im Radio Adolf Hitlers Worte hören: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen." Jene Umkehrung der Tatsachen, die den verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte einleitete. Zur Ausbildung eingezogen 1943, mit achtzehn Jahren. An die Front geschickt im August 1944. Zwischen Musterungspapieren und Marschbefehlen finde ich ein Gedicht, das er von seiner Mutter zum Abschied bekommen hat. Schon deren Vater war Dichter gewesen. Offensichtlich hat man in diesem Familienzweig Sorgen und Kummer stets literarisch verarbeitet. Das Gedicht der Mutter meines Vaters ist datiert: "Wien, 30. VII . 1944". Die Schrift ist gut zu lesen:

"Mein armer Sohn, Du musst hinaus

Ins Feindesland, ins Schlachtgebraus.

Doch orgelt wild der Tod Dir dort sein Lied,

So denk daran, dass irgendwie Dein Vater mit Dir zieht.

Er, der den Tod schon überwunden,

Er ist bei Dir in jenen Stunden,

Er wird mit seinem Rat Dir gegenwärtig sein.

Lass Deines Vaters Stimme bei Dir ein.

Du weißt, was er einst fühlte und auch litt,

An seiner Bürde trägst auch Du noch mit.

Ringst Du blutig um Dein Leben,

Möge Gott Gelingen geben!

Und Du weißt den Sinn zu deuten,

Um Dein Menschtum musst Du streiten!

Sieg ist, was Du selbst Dir abgerungen!

Deiner Eltern Liebe hält Dich eng umschlungen!

Gedenke auch Du öfter Deiner

Mutter –"

Gymnasiast Gerhard Freund
2010

Die Internet-Plattform WikiLeaks veröffentlicht geheime Dokumente über amerikanische Kriegsverbrechen im Irak. Die Weltöffentlichkeit scheint überrascht. Ich greife wie so oft in das Regal hinter mir und nehme einen Band der zehnteiligen Werkausgabe von Kurt Tucholsky zur Hand. Tucholsky hat immer schon alles gewusst.

In Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und als Warnung vor dem Zweiten schrieb Kurt Tucholsky in der Glosse "Der bewachte Kriegsschauplatz" die berühmt gewordenen Sätze: "Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder."

Dieser Satz "Soldaten sind Mörder" des ehemaligen Soldaten Tucholsky führte nicht nur 1931 zu einem Prozess, er beschäftigte so oder in Abwandlungen die bundesdeutschen Gerichte bis in die neunziger Jahre. Ich fand diesen Satz immer unbestechlich richtig, einleuchtend und wahr. Doch mein von meinem Vater geprägter

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