text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Mein Vaterland zertrümmert 1918-Kriegsende und Neuanfang in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen von Walterskirchen, Gudula (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.03.2018
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Mein Vaterland zertrümmert

1918 war ein Jahr der Umwälzungen und Emotionen. Wie haben Zeitzeugen es erlebt? In authentischen Berichten kommen Adel, Bürgertum und Arbeiterklasse zu Wort. Sichtbar werden die höchst unterschiedlichen Bewertungen jenes Umbruchs, der für die einen den Untergang ihres Vaterlandes und ihren persönlichen Zusammenbruch, für die anderen einen hoffnungsvollen Neubeginn bedeutete: Trauer um Alt-Österreich und Monarchie, Hass auf Adel und Habsburger, Schock wegen des verlorenen Krieges, Verbitterung und Resignation, Freude über das Kriegsende, Hoffnung auf bessere Zeiten. Gudula Walterskirchen lässt anhand von bisher unveröffentlichten Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen ein Jahr der großen Zäsur wieder lebendig werden. Gudula Walterskirchen, geboren 1967, studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Graz und Wien. Die Historikerin und freie Journalistin war politische Redakteurin der 'Presse', schreibt Sachbücher, zudem Satire und Belletristik. Seit vielen Jahren zählt die österreichische Adelsgeschichte zur ihren Spezial gebieten, zuletzt erschienen 'Der Franzi war ein wenig unartig' (2013) und 'Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics' (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 20.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701745715
    Verlag: Residenz Verlag
Weiterlesen weniger lesen

Mein Vaterland zertrümmert

Kapitel 2

Die Not an der Heimatfront

Kriegswaisen, Hunger und Heimweh - das Leid der Kinder

Mit der Kriegserklärung an Serbien und der Mobilmachung begann auch für die Kinder in Österreich-Ungarn eine schwere Zeit. Sie mussten von ihren Vätern Abschied nehmen, spürten die Bedrohungen des Krieges, ohne den Zusammenhang recht zu verstehen, und lebten in beständiger Angst. Bald bekamen sie selbst die Auswirkungen der Mangelwirtschaft zu spüren, litten Hunger, mussten sich nächtelang um Lebensmittel anstellen und konnten immer seltener in die Schule gehen. Schon bald nach Kriegsbeginn schnellte die Kindersterblichkeit hoch, von 1000 Babys starben 160 bei oder kurz nach der Geburt. Kinderkrankheiten wie Masern oder Scharlach rafften die geschwächten Kinder dahin. Und gegen Kriegsende führte die sogenannte "Spanische Grippe" auch bei Kindern zu einem Massensterben.

Viele Kinder wurden wegen Unterernährung und Lungenkrankheiten ins Ausland, vornehmlich in die Schweiz, verschickt. Es gab auch immer mehr Kriegswaisen, die in Heimen untergebracht werden mussten. Dieses ganze Kriegselend schildern, stellvertretend für das Trauma einer Generation, zwei Kinder in ihren Tagebüchern. Es sind seltene zeitgeschichtliche Dokumente, die teilweise in der Zeit und teilweise nach dem Krieg geschrieben wurden. Sie geben einen unmittelbaren und besonders berührenden Einblick in das Zeitgeschehen und die Gefühle der Menschen, die diese Zeit mitmachen mussten.

Martha Siedler, später verheiratete Rimser, geboren 1906 in Wien, war bei Ausbruch des Krieges acht Jahre, ihre Schwester Roserl sechs Jahre alt. Ihr Schicksal zeigt besonders anschaulich die Tragik der Kriegsjahre. Martha Siedler hat ihre Erlebnisse in Tagebüchern festgehalten oder unmittelbar nach Kriegsende aufgezeichnet. 19

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als gerade bei der Schreckenszeit, im ersten Kriegsjahr 1914, anzufangen. Das, was unsere kleinen Herzen vorher schon in Anspruch nahm, war nur Schönes, Heiteres. Der gute, oft strenge Vater ging zufrieden seiner Arbeit nach und sorgte treu für seine Familie. Die liebe Mutter hatte genug zu tun, in der Haushaltung und mit der Erziehung ihrer beiden "Wildlinge", wie sie uns oft nannte. Aber sie war doch immer wieder glücklich und zufrieden, wenn wir beide ins Zimmer hereingestürmt kamen, mit wichtigen Schulnachrichten.

Eines Tages war ich besonders froh, so bald wie möglich in die Nähe der Mutter zu kommen, denn ich hatte schreckliche Angst. Auf der Straße standen Männer, Frauen, Kinder und die alten Leutchen beisammen und sprachen von nichts anderem als vom "Krieg". Daheim angekommen, fand ich die Mutter ganz allein bei der Nähmaschine sitzen und die Zeitung lesen, in der die Mobilisation in alle Welt hinaus geschrieben war. Auf meine vielen Fragen, wie das alles sei und ab wann unser Vater auch fortgehen müsse, gab die Mutter geduldig Antwort, sie war vielleicht froh, dass ich sie um vielerlei fragte, damit sie auf etwas anderes zu denken käme. Mein Namensfest am 29. Juli wurde ganz vergessen. Umsonst freute ich mich auf schöne Sachen und auf den Spaziergang, den wir meistens alle machten. Ich getraute mich nicht, irgendetwas darüber zu sagen, denn etwas weit Wichtigeres, überaus Trauriges erfüllte die armen Herzen meiner lieben Eltern. Ach, der Krieg, überall nur das Wort Krieg, wie Blei lag es auf den Gemütern, sogar wir Kleinen fürchteten uns und das Singen und Lachen hat für einige Zeit aufgehört, obwohl wir es noch nicht verstanden haben.

In unseren Zimmern war alles durcheinander, Koffer und Kisten standen herum und da wurde beraten zwischen Vater und Mutter, was einzupacken. Und wir, Rosl und ich, wussten nicht, was machen, wie verscheuchte Vögel standen wir herum und weinten, denn dass die Tränen der

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen