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Räume des Schreckens Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine 1905-1933 von Schnell, Felix (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2012
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
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Räume des Schreckens

Wie verhalten sich Menschen, wenn der Staat sein Gewaltmonopol nicht durchsetzen kann, wenn gewohnte Ordnungen zusammenbrechen und die Möglichkeit, sich etwas mit Gewalt zu nehmen, eine Option, wenn nicht für jedermann, so doch für viele wird? Wenn also Gewalträume entstehen, in denen nur das Recht des Stärkeren gilt? Felix Schnell untersucht diese Kultur der Gewalt am Beispiel der Ukraine zwischen 1905, dem Jahr der ersten Russischen Revolution, und 1933, als die sowjetische Herrschaft gefestigt und die Kollektivierung der Landwirtschaft abgeschlossen war. Seine Analyse des Gewalthandelns der militanten Banden und ihrer Anführer offenbart, dass für dessen Entstehung weniger politische Ideologien als vielmehr Möglichkeiten und Anforderungen im Ausnahmezustand ausschlaggebend sind. Gewalt, so Schnell, ist viel mehr als ein Instrument, mit dem man tötet, verletzt oder sich fremdes Gut aneignet. Sie folgt eigenen Logiken, ist ein Mittel der Machtdemonstration und Kommunikation innerhalb der militanten Gruppe; sie stiftet Gemeinschaft und Identität und gibt Orientierung im Ungewissen.

Felix Schnell, PD Dr.phil., geboren 1970, Osteuropahistoriker, lehrt als Privatdozent an der Humboldt- Universität zu Berlin.

Produktinformationen

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Räume des Schreckens

Voraussetzungen

Herrschaft unter staatsfernen Bedingungen

Das Russische Kaiserreich war ein Vielvölker-Imperium, dem ein moderner Kopf auf einem vormodernen Körper saß. Seit Peter I. (1689-1725) bemühten sich verschiedene Herrscher, vor allem Katharina II. (1762-1796) und dann Alexander II. (1855-1881), aus Russland einen modernen europäischen Staat zu machen, der erfolgreich den Status einer Großmacht beanspruchen konnte. Moderner wurde Russland in diesen zweihundert Jahren schon, aber sicher nicht modern - vor allem nicht seine überwiegend ländliche Bevölkerung. Und selbst wenn man den Blick auf das urbane Russland richtet und von erbeuteten europäischen Territorien und ihren Städten, wie zum Beispiel Warschau, einmal absieht, dann blieb St. Petersburg im Grunde bis zuletzt die einzige europäische Stadt - selbst Moskau behielt bis ins 20. Jahrhundert viel von seinem "altrussischen" Charme. 9

Im Zentrum des Reiches residierte der Zar mit einer Bürokratie, die mit gewissen Abstrichen als modern bezeichnet werden kann, und beanspruchte, das Reich auf der Grundlage von Gesetzen zu regieren. Mit der Schaffung eines unabhängigen Justizwesens war überdies im Jahre 1864 im Ansatz eine Art Gewaltenteilung geschaffen worden. Sie wurde dann freilich schon bald nach ihrer Einführung aufgeweicht und 1881 halboffiziell suspendiert, weil die Regierung in der Praxis mit ihren eigenen Neuerungen nicht zurechtkam. 10 Überhaupt erwies sich vieles, was auf dem Papier stand, im Herrschaftsalltag schon auf der zweiten Ebene der kaiserlichen Verwaltung in den Gouvernements als nicht praktikabel. Ob die Gouverneure als Exponenten einer rational-bürokratischen Herrschaft effektiv auftreten konnten, hing im Wesentlichen von den persönlichen Eigenschaften der Amtsinhaber ab. Meistens aber ließen schon die Umstände vor Ort ein solches Modell nicht zu. So waren die Gouverneure in der Regel keine modernen Verwalter, sondern tendenziell hilflose Statthalter der Zarenmacht, die mit beschränkten und unzureichenden Mitteln zu große Ansprüche verwirklichen sollten. Der Beamtenstab war für die Größe der Herrschaftseinheiten sowohl in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht reichlich bescheiden und auch die Polizeikräfte verloren sich in der Weite des Landes wie Erbsen auf einem Fußballfeld. Der übertragene absolute Herrschaftsanspruch konnte im Alltag vor Ort nur mithilfe einer Vielzahl von Kompromissen und Arrangements mit dem eigenen Apparat, aber auch mit lokalen Honoratioren realisiert werden. 11

Letztlich lebte die Autorität der kaiserlichen Verwaltung vor allem vom Glanz der Monarchie, die in vielfacher Weise lokal repräsentiert wurde. Verzierte Steingebäude, goldbetresste Uniformen, Orden oder Amtsketten und andere ikonografische Elemente bildeten einen Popanz, der wirkte, solange der Glaube an den "guten Zaren" nicht erschüttert war. 12 In gewisser Weise war diese Repräsentation hohl, weil der Verwaltung in vielerlei Hinsicht die Möglichkeiten fehlten, positiv gestalterisch zu regieren. So blieben Verbesserungen der Lebensbedingungen und Wohlfahrtsmaßnahmen vor allem den Selbstverwaltungen ( zemstvo ) oder adliger Großzügigkeit überlassen. 13 Die Beamten des Zaren dagegen traten weniger durch konkrete Taten hervor als vielmehr dadurch, dass sie ökonomische und gesellschaftliche Aktivitäten nicht behinderten. Dies mag nach heutigem Verständnis negativ klingen, war angesichts der Verhältnisse aber mehr oder weniger normal. Man muss bedenken, dass die meisten zarischen Untertanen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts keine andere Form der Regierung kannten und in der Regel nichts anderes als das Gewohnte von ihr erwarteten.

Repression war beileibe nicht die einzige Tätigkeit der zarischen Verwaltung, bildete aber einen großen Teil davon. Diese wiederum bezog sich vor al

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