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Reise in das Land der Lager von Margolin, Julius (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.11.2013
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Reise in das Land der Lager

1. September 1939. Julius Margolin, Bürger mit polnischem und britischem Pass, der seit kurzem mit Frau und kleinem Sohn in Palästina lebt, hält sich in Lodz auf, als die Wehrmacht sein Land überfällt. Im Auto flieht er nach Osten, vorbei an den Flüchtlingstrecks, die von den Deutschen bombardiert werden. Doch der Schwarzmeerhafen Constanza, wo er sich nach Haifa einschiffen wollte, bleibt unerreichbar: Als die Rote Armee am 17. September in Ostpolen einmarschiert, wird die rumänische Grenze abgeriegelt. Auf seiner Odyssee durch das von Hitler und Stalin eingekeilte östliche Europa wird er Zeuge, wie Juden auf den Marktplätzen die Sowjets als Befreier bejubeln, wie ihre Begeisterung im Laufe des Winters in Entsetzen umschlägt, als die Behörden hebräische Bücher verbieten und schließlich die jüdische Bevölkerung aus der Stadt vertreiben. 1941 wird er verhaftet und in ein Straflager am Weißmeerkanal deportiert. Halbtot, zufällig gerettet, schreibt er 1947 in Israel nieder, was ihm geschah. Doch niemand wollte etwas hören von Lagern im Land der "Befreier vom Faschismus". Erst heute erscheint sein Zeugnis ungekürzt auf Deutsch. Ungewöhnlich ist nicht nur der Horizont des Berichts, der Holocaust und sowjetische Vernichtungspolitik umschließt. Margolin, dessen Buch in Ton und Haltung an Primo Levi erinnert, ergreift den Leser, weil er als Leidender wie als Zeuge auf seine Rechte pocht und sich wie ein Mensch aus einer anderen, besseren Welt verhält. Julius Margolin, 1900 in Pinsk geboren, 1971 in Tel Aviv gestorben, wuchs in Russland auf, studierte Philosophie in Berlin und übersiedelte 1937 nach Palästina. 1941-1945 war er in einem Gulag am Weißmeerkanal inhaftiert. Sein 1947 verfasster Bericht erschien gekürzt: 1949 von Nina Berberova übersetzt in Paris, 1952 in New York auf Russisch, 1965 auf Deutsch. Erst 2010 erschien die erste vollständige Fassung - in französischer Übersetzung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 638
    Erscheinungsdatum: 11.11.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518734926
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Putesestvie v stranu ze-ka
    Größe: 3862 kBytes
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Reise in das Land der Lager

13 1?September 1939

Im Sommer 1939 glaubten wir nicht an einen Krieg. Wir wussten alle, dass er unvermeidlich war. Aber niemand war darauf vorbereitet, dass er morgen beginnen würde. Die Realität hat gezeigt, dass auch die polnische Armee nicht vorbereitet war und die westliche und transatlantische Demokratie ebensowenig. Am allerwenigsten vorbereitet waren die Juden der Stadt ?ó;d? – eine Viertelmillion zum Tod verurteilter Menschen. Wenige Tage vor der Katastrophe lief eine demonstrierende Menge durch die Straßen von ?ó;d?. Auf ihren Transparenten stand: "Keine polnische Staatsbürgerschaft für Deutsche!" Als sie durch die jüdischen Straßen zogen, riefen die Demonstranten: "Juden, ihr seid als nächste dran!" ... Zwei Wochen später war ?ó;d? in deutscher Hand.

Am Vorabend des Krieges erklärten die Polen französischen Korrespondenten, Polen sei stark genug, Deutschland auch ohne die Hilfe der Sowjets entgegenzutreten. Zwei Wochen später hätten sie eine solche Hilfe dankbar entgegengenommen, auf Knien, mit Blumenkränzen und Triumphbögen. Doch es war zu spät. Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee als Hitlers Verbündete in Polen ein.

Im Sommer 1939 glaubten wir nicht an einen Krieg. Tausende von Menschen, die sich nicht in Polen hätten aufhalten müssen, die das Land hätten verlassen können, wenn sie gewollt hätten, blieben aus Leichtsinn. Die Masse der jüdischen Bevölkerung blieb, wo sie war. Auf der einen Seite stand Hitler, auf der anderen die ganze Welt. Dass Deutschland sich zu einem Zweifrontenkrieg entschließen würde, schien unwahrscheinlich.

Erst am Abend des 23. August 1939 war klargeworden, dass es Krieg geben würde. An diesem Abend erfuhr die Welt von Stalins Pakt mit Hitler. Das Gefühl des Entsetzens, mit dem wir diese Nachricht aufnahmen, kann man mit dem Entsetzen von Zoobesuchern vergleichen, vor deren Augen das Tigergehege geöffnet wird. Die hungrigen Raubtiere erheben sich, die Käfigtür steht offen. Genau das war es, was der "Führer der Völker" am 23. August tat: Er ließ ein wildes Tier auf Europa los, er 14 gab der deutschen Armee seinen Segen für ihren Überfall auf Polen. Diesen "weisen Schritt", den käufliche Schreiber umständlich zu rechtfertigen versuchen, haben zig Millionen mit dem Leben bezahlt. Russland hat für das Verbrechen des 23. August mit einem Meer von Blut und unmenschlichem Leiden bezahlt. Dies war nicht der kürzeste Weg zur Vernichtung Hitlers, aber der kürzeste Weg zur Verwüstung Europas. Diese Verwüstung begann im September 1939 mit Stalins Segen. Der "Führer der Völker" konnte mit dem Ausgang seines Spiels zufrieden sein, auch wenn sein ursprüngliches Kalkül nicht aufging. Der "Kampf der Raubtiere", wie die Ereignisse der Jahre 1939/40 in der sowjetischen Presse bezeichnet wurden, musste hastig in einen "großen Krieg zur Verteidigung der weltweiten Demokratie" umbenannt werden. An die Stelle des schadenfrohen Lächelns, mit dem die sowjetische Führung dem Weltenbrand zugeschaut hatte, trat sehr bald ein Ausdruck des Entsetzens. Für uns, für die einfachen Bürger, mit deren Blut auf dem politischen Markt gehandelt wird, war der 23. August 1939 ein dunkler, unheilvoller Tag.

Zwischen dem ersten und dem 17. September erlebten wir ein erschütterndes Schauspiel: den Zusammenbruch Polens. Ein Staat mit einer Bevölkerung von 36 Millionen, eine ganze Welt mit Gut und Böse, mit historischen Traditionen und einer tausendjährigen Kultur stürzte ein wie ein Karten

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