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Zwischen zwei Feuern Antisemitismus, Judenverfolgung und Pogrome während des Russischen Bürgerkriegs von Prodanov, Denis (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2020
  • Verlag: StudienVerlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 30.11.2020 per Download lieferbar

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Zwischen zwei Feuern

Die jüdische Bevölkerung des Russischen Kaiserreichs war bereits vor dem Russischen Bürgerkrieg jahrhundertelang Marginalisierung, Anfeindung und Verfolgung ausgesetzt. Doch insbesondere während des Bürgerkriegs kam es im Russischen Kaiserreich zu Pogromen und Übergriffen gegenüber Jüdinnen und Juden. Die sowjetische Regierung setzte nur zögerlich Schritte, um Antisemitismus und Pogrome einzudämmen. Nicht nur die Mehrheitsbevölkerung, auch das neue Regime und die Armeen waren stark antisemitisch geprägt. Während sich Jüdinnen und Juden einerseits mit grausamen Übergriffen durch weiße Truppen ebenso wie durch Zivilistinnen und Zivilisten konfrontiert sahen, wurden sie andererseits auch durch das neue System angefeindet. Schutz fanden sie nirgends: Die jüdische Gemeinde fand sich zwischen zwei Feuern wieder.

Denis Prodanov, geboren 1979 in Moskau, studierte Soziologie und lebt seit 2003 in Wien. Er war in der Behindertenarbeit und Obdachlosenbetreuung tätig und betreut aktuell Personen, die von Menschenhandel betroffen sind.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 92
    Erscheinungsdatum: 30.11.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783706560962
    Verlag: StudienVerlag
    Größe: 454 kBytes
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Zwischen zwei Feuern

Einleitung

Dieses Buch befasst sich mit einem Thema, das in der sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsschreibung bislang weitgehend ignoriert wurde: Antisemitismus, Judenverfolgung und Pogrome zu Zeiten des Russischen Bürgerkriegs. Antisemitismus stellt auch heute in vielen europäischen Staaten, doch insbesondere in Russland ein unbequemes Thema dar.

Antisemitismus ist seit Jahrhunderten in der russischen Mehrheitsgesellschaft verankert, unter anderem durch aktive Unterstützung durch die Russisch-Orthodoxe Kirche. Bereits im Mittelalter kam es zu Übergriffen. Die Jahrhunderte der Zarenherrschaft gingen einher mit grausamer Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Im Gegensatz zur gängigen Geschichtsschreibung haben die Bolschewiken mit ihrer Machtergreifung 1917 nicht genug gegen den grassierenden Antisemitismus an allen Fronten des Kriegs und in allen Bevölkerungsschichten getan. Auch die Rote Armee und das Regime der Bolschewiken setzten dem Antisemitismus in der Gesellschaft kein Ende, wenn dieser auch im Vergleich zur aktiven Judenverfolgung durch das Weiße Lager das geringere Übel war. Jüdinnen und Juden sahen sich während des Bürgerkriegs, der zwischen 1917 und 1922 das Land verwüstete, also von beiden Seiten des politischen Spektrums Verfolgung ausgesetzt und beklagten fehlenden Schutz. Sie hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera, waren gefangen zwischen zwei Feuern.

Die Februarrevolution 1917 folgte auf 300 Jahre Herrschaft der Zarenfamilie Romanow. Die Revolution war die Konsequenz der volatilen Lage im Land, einer unzufriedenen Bevölkerung, die mit der Misere des Ersten Weltkriegs zu kämpfen hatte, mit einer Wirtschaftskrise, mit Nahrungsmittelunsicherheit und mit der durch den Krieg ausgelösten Flüchtlingskrise. Zehntausende Menschen flohen von den Frontgebieten im Westen in den Osten.

Im Februar 1917 wurde im damaligen Petrograd (danach Leningrad, heute Sankt Petersburg) Zar Nikolaus II. gestürzt und die gesamte Zarenfamilie festgenommen. Der Volksaufstand, der dazu führte, war ein Ergebnis von Armut, Unzufriedenheit und Hunger in der Bevölkerung. Seit 1906 waren bereits vier Dumas eingesetzt worden, die aus Volksabgeordneten bestanden, sich jedoch als handlungsunfähig erwiesen, weil die Zarenfamilie sie nicht agieren ließ. Die Enttäuschung darüber ließ die Menschen zu Zeiten der vierten Duma endlich auf die Straße gehen.

Nach der Revolution sollte bis zum Herbst 1917 eine Interimsregierung an der Macht bleiben, um das Land zu verwalten. Für den Herbst 1917 waren demokratische Wahlen geplant, woraufhin die russische konstituierende Versammlung (das Parlament) die Macht übernehmen sollte. Die Übergangsregierung bestand nach dem Umsturz hauptsächlich aus Abgeordneten demokratischer Parteien, die bereits der vierten Duma vor dem Umsturz angehört hatten. Jedoch konnte die Übergangsregierung, die anfänglich über massiven Rückhalt im Volk verfügte, die volatile Lage im Land nicht entschärfen und der sich verschlimmernden humanitären Katastrophe nicht entgegenwirken. Die Lage verschlimmerte sich. Bald folgte ein Finanzkollaps. Armut, Bauernaufstände und Hungersnöte setzten der Bevölkerung ebenso zu wie Chaos und Gewalt, die Deserteure von den Fronten des Ersten Weltkriegs in die Gesellschaft zurückbrachten.

So spekulierten ab Frühling 1917 die Bolschewiken mit der Schwäche der Interimsregierung. Der größte Fehler der Übergangsregierung war, sich nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückzuziehen. Alle aus der Kriegsbeteiligung entstehenden Probleme waren also relativ einfach der Übergangsregierung in die Schuhe zu schieben. Nachdem diese zuerst sehr beliebt gewesen war, verlor sie sukzessive an Rückhalt in der Bevölkerung, obwohl ihre Politik zunehmend linksgerichteter gestaltet war. Die Sympathien, die zuerst noch bei der Übergangsregierung gelegen hatten, flogen nun den Bolschewiken zu.

Während des Oktoberputsches 1917 stürzten diese die Regierung. Wochen

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