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Deutsche Nullen Sie kamen, sahen und versagten von Jungen, Oliver (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.03.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Deutsche Nullen

"Too big to fail", sagen die Amerikaner. Da können sie von uns noch etwas lernen. Schließlich haben sich die Deutschen als Virtuosen des pompösen Untergangs einen Namen gemacht. Die Geschichte der Weltgeistpächternation zeigt, dass ein Vorhaben gar nicht groß genug sein kann, um mit Glanz und Gloria an die Wand gefahren zu werden. In diesem Buch verneigen sich Oliver Jungen und Wiebke Porombka vor den Koryphäen unter den Versagern. Von Kaiser Wilhelm II. über Joachim von Ribbentrop und Egon Krenz bis hin zu Rudolf Scharping und Thomas Middelhoff bieten sie wertvolles Grundlagenwissen zur Geschichte der deutschen Null. Das Motto lautet: Wir müssen sie feiern, wie sie fallen. Das sind wir unserer Geschichte schuldig.

Oliver Jungen und Wiebke Porombka sind ständige Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und arbeiten als Kritiker u.a. für Deutschlandfunk, WDR, ZEIT Online und diverse Jurys. Sie haben Bücher veröffentlicht über Grammatiktheorie und Stil, Fankultur, Frankfurt am Main, Urbanität und Literatur der Weimarer Republik.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 15.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406683244
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2806 kBytes
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Deutsche Nullen

VORWORT

Heldentum ist keine Kunst. Schwert in die Hand, Pferd unter den Hintern, ab ins Nirwana. Helden gab es zu allen Zeiten in allen Kulturen, und zwar eher zu viele als zu wenige. Helden sind so etwas wie die Mückenplage der Menschheitsgeschichte. Wo es leuchtet, schwirren sie herum. Und wenn man sie zu fassen sucht, greift man ins Leere. Nichts an Helden ist individuell, alles übermenschlich, typisiert, langweilig. Ihr Ruhm ist eingefroren in Legenden, die Nachgeborene legitimatorisch vor sich hertragen. Das Missverhältnis von nationaler Aufladung und internationaler Austauschbarkeit all der edlen, identitätsstiftenden Recken wirkt im besten Falle komisch. Wie viel interessanter ist die andere Seite!

Nieten gab es freilich ebenfalls zu allen Zeiten. Dichter, die keine einzige Zeile zustande bringen, Henker, die sich ins eigene Bein hacken, das allein ist noch nicht bemerkenswert. Auf die Dimension der Niederlage kommt es an, Size does matter. Bauherren sind gemeint, die bei Bezug eines Märchenschlosses, das ihren gesamten Etat verschlungen hat, bemerken, dass die Fundamente nicht tragen; Tüftler, die das Rad neu erfinden, aber diesmal in eckig; Karrieristen, die sich aus einem Fettnapf nur durch einen beherzten Sprung in den nächsten retten. Den Koryphäen unter den Versagern also wollen wir in diesem Buch ein Denkmal setzen, einfach deshalb, weil sie es verdient haben. Denn da ist etwas in ihrem Scheitern, das sie aus der Masse der simplen Luschen ebenso heraushebt wie aus der Schar der strahlenden Sieger: ästhetische Vollendung, radikale Individualität, Charakter.

Dabei haben wir keine vergleichende Kulturgeschichte des Verlierens im Sinn. Dieses Feld überlassen wir gerne klugen Geisteswissenschaftlern. Nein, hier geht es um hemmungslose Panegyrik. Wir feiern sie mit allem gebotenen Enthusiasmus, die visionären Nulpen und wüsten Stümper, die vom Erfolg Gehörnten und vom Misserfolg Verwöhnten, all die tragischen Gestalten, die ihr Leben lang auf den Kairos gewartet und ihn dann verschlafen haben, und auch jene, die im genau richtigen Moment am richtigen Ort waren, nur um ihr weltumstürzlerisches Projekt mit voller Kraft gegen die Wand zu fahren.

Nebenbei mag dies ein Beitrag sein zur Beantwortung der immer noch durch Europa gespensternden Frage: Was ist deutsch? Die überragenden Großnullen nämlich wollen den Verfassern geradezu als Personifikationen jenes überlangen deutschen Jahrhunderts erscheinen, das spätestens mit der Reichsgründung von 1871 begann (wir berücksichtigen auch den Vorlauf) und vielleicht erst in unseren Tagen mit "Dieselgate" endet. Wäre eine so grandios idiotische, kolossal fatale Überheblichkeit, wie sie der Volkswagenkonzern zu Beginn des dritten Jahrtausends an den Tag gelegt hat, in irgendeinem anderen Land denkbar? Die Sturmtruppe des Klimaschutzes trickst beinhart die Umwelt aus - eine fast schon geniale Selbstversenkung. Vermutlich aber handelt es sich nur um das letzte Aufbäumen jenes Großnullentums, das uns, die wir nun allmählich (endlich? leider?) stinknormal werden, in der Vergangenheit ausgezeichnet hat. Die Deutschen, da ließen sie sich ein sattes Säkulum lang nichts vormachen, waren schließlich Virtuosen des pompösen Untergangs. Es fällt nicht schwer, darin die Folge einer heftigen Idealismus-Infektion zu sehen. Die Besessenheit von einer Idee, und sei sie noch so hirnrissig, verlieh den Vorzeigeknallchargen der Weltgeistpächternation nahezu unbegrenzte Energie, schenkte ihnen eine Ausstrahlung, die das Fußvolk einfach mitriss. Umso gewaltiger waren die Zusammenbrüche. Nur selten ist zuletzt noch etwas von dieser alten Grandezza aufgeblitzt, etwa in den Badehosen-Knutschfotos von Rudolf Scharping oder im fulminanten Handstand-Überschlag eines Thomas Middelhoff. Die kümmerlichen Blindgänger der Gegenwart stolpern eher über Anrufbeantworter oder Doktorarbeiten.

Es ist gar nicht so leicht, festzustellen, wo, wann und warum

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