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Deutschjüdische Glückskinder Eine Weltgeschichte meiner Familie von Wolffsohn, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.05.2017
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Deutschjüdische Glückskinder

Der Bestseller jetzt im Taschenbuch Als Glu ckskinder oder fast Glu ckskinder – denn sie hatten alles verloren außer dem Leben – können die Mitglieder der weitverzweigten Familie Wolffsohn bezeichnet werden, die dem Holocaust entkommen sind, nach Palästina, später Israel, oder in andere Gegenden der Welt. Einige kehrten sogar nach Deutschland zuru ck, trotz allem, so wie Michael Wolffsohns Großvater Karl Wolffsohn mit seiner Frau Recha. Was sie erlebten, wie sie vorher, im Exil und nachher lebten und liebten, wie ihr Erleben Kinder und Kindeskinder prägte, davon erzählt Michael Wolffsohn pointiert und ohne jede Schönfärberei. Michael Wolffsohn , Prof. Dr., geb. 1947 in Tel Aviv, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, die 1939 nach Palästina fliehen musste. Seine Eltern kehrten 1954 nach Deutschland zurück. Von 1981 bis 2012 war er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität München. Michael Wolffsohn veröffentlicht regelmäßig in nationalen und internationalen Medien und hat über 30 Bücher vorgelegt, unter anderem ?Wem gehört das Heilige Land?? (11. Aufl. 2014). Zuletzt bei dtv: ?Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf?, ?Zivilcourage. Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt?. 2017 wurde Michael Wolffsohn als "Hochschullehrer" des Jahres ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 05.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423431668
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 3161 kBytes
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Deutschjüdische Glückskinder

Recha Wolffsohn - die Christjüdin

Wie der Seelenknoten entstand
Recha benahm sich in der Regel sehr damenhaft. Doch eines Tages bewarf sie ihren Sohn Max aus heiterem Himmel mit Gurken. Die hatte er auf dem Tel Aviver Markt gekauft. Hatte Rechas Gurkenkanonade, wie bei Karl Wolffsohns Schlauchaktion, Vorgeschichten? Hatte die Gurkenkanonade einen tieferen Sinn? Ja, auch ihr Seelenknoten war geplatzt. Der Auslöser? Eine der Gurken war verfault. Mehr als eine konnte es nicht gewesen sein. Denn auf dem "Schuck HaKarmel", dem Karmel-Markt, bekam man täglich bestes, frisches, meist auch relativ preiswertes Obst und Gemüse. Man darf sogar annehmen, dass die Ware besser und auf jeden Fall frischer und preisgünstiger war, als einst in den noblen Feinkostläden Berlins, wo Recha bis 1939 eingekauft hatte. Genauer: wo sie hatte einkaufen lassen. Denn meistens erledigte das Personal den Einkauf, allen voran Elli und Paul Pötschner. Er war Familienchauffeur, sie als Hausdame Mädchen für alles. "Gnä' Frau, was darf ich bringen, was soll ich machen? Ja, gnä' Frau, gerne, gnä' Frau."

Sehr gerne mochte Recha zum Beispiel Crêpes Suzettes. Die hatten die beiden in den Goldenen Zwanzigern abends oft in Berlins Feinschmecker-Tempeln verspeist. Eher selten zu Hause, denn abends waren Karl und Recha oft unterwegs. Sie repräsentierten und sie amüsierten sich.

Für die Söhne Willi und Max war das weniger schön. Statt der Mutter kümmerte sich die Nanny, Gouvernante Dada, um die Buben. Dada statt Mama. Eines Morgens, 1924 , wachten Willi und Max auf, und die Eltern waren weg. Ohne ein Wort des Abschieds und ohne vorab etwas zu sagen, waren sie verreist. Über den Atlantik mit der (wie es sich für staatstragende Juden gehörte) " MS Deutschland" in die USA , für vier Monate. Blankes Entsetzen, heiße Wut.

Ja, auch die Legende von der immer fürsorglichen jüdischen Mamme hat ihre Risse. Als Mama Recha über den Großen Teich tuckerte, tröstete Dada die beiden Jungs. Max und Zeew/Willi haben Recha später deswegen oft bittere Vorwürfe gemacht. Dann weinte sie sehr. Das hinderte sie nicht daran, ihre Söhne ihr Leben lang herumzukommandieren. Ich erinnere mich an einen Familiensonntag im Garten des Bungalows am Stölpchensee. Ihr Sohn Willi war ungefähr fünfzig. Er solle ihr die Gartenliege hierher bringen, herrschte sie ihn an. Nein, dorthin. Besser da. Nicht doch da. Dort. Und so weiter und so fort. Willi, der sonst eine mit- und hinreißende große Klappe hatte, folgte seiner Mami wie ein dressiertes Hündchen.

Dada wurde besonders vom anlehnungsbedürftigen Max sehr geliebt. Sie liebte ihn auch. So sehr, dass sie ihm 1938 , nach ihrer eigenen Auswanderung in die Vereinigten Staaten, eine der wenigen, heiß begehrten Einwanderungsgenehmigungen erkämpfte und zukommen ließ. Max, der immer folgsame Sohn, folgte jedoch seinen Eltern nach Palästina. Dada war tief enttäuscht, verletzt und ließ nie wieder von sich hören.

Am Enkelkind, an mir, übte Sabta (Großmutter) Recha tätige Reue, Umkehr, Wiedergutmachung. Sie galt auch mir, doch nicht nur mir. War sie nicht eigentlich an Willi und Max adressiert? Nach dem Tod ihres über alle und alles geliebten Karl, ungefähr von 1958 bis 1966 / 67 , gingen Sabta und ich, Wolffsohn'scher Filmtradition folgend, fast jeden Samstag ins Kintopp. Meistens und am liebsten in den komfortablen Gloria-Palast neben der Gedächtniskirche. Der gehörte Max Knapp, einem früheren Kollegen Karl Wolffsohns, der unbefleckt das Dritte Reich überstanden hatte. In den Gloria-Palast gingen wir auch gerne, weil wir dort den guten alten Paul Pötschner trafen, der als Kartenabreißer seine Rente aufstockte. Karl Wolffsohn und seine "gnädige Frau" hatten ihm diesen Job vermittelt.

Natürlich kaufte Sabta, solange es angeboten wurde, das vierseitige Fil

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