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Die Protokolle der Weisen von Zion Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung von Benz, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
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Die Protokolle der Weisen von Zion

Vor mehr als 100 Jahren behauptete der zaristische Geheimdienst, an die Mitschriften des zionistischen Weltkongresses von 1897 gekommen zu sein. In 24 Protokollen hätten die Juden dort Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft skizziert. Daß es sich dabei um ein Konstrukt des Antisemitismus handelt, ist schon oft wissenschaftlich bestätigt worden. Warum jedoch dieses Pamphlet mehr denn je ein zentrales Referenzdokument des Antisemitismus darstellt, ist schwieriger zu beantworten. Der Autor geht der Frage nach, welche Bedürfnisse nach Welterklärung die 'Protokolle' erfüllen, wie Legendenbildung funktioniert und welchen 'Sinn' Mythen stiften.

Wolfgang Benz ist Prof. em. der Technischen Universität Berlin; er leitete bis März 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406693373
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 4340 kBytes
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Die Protokolle der Weisen von Zion

2. Das "auserwählte Volk" und die Wurzeln der "jüdischen Weltverschwörung"

Juden waren seit der Spätantike Objekte christlicher Mission. Wegen ihrer Verweigerung gegenüber der Heilslehre des Neuen Testaments wurden sie als Feinde wahrgenommen, deren Verstocktheit gebrochen werden sollte. Ihr Anspruch, das auserwählte Volk zu sein, machte die Anhänger des Alten Testaments noch suspekter. Judenfeindliche Phantasien, nach denen sich die Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft über alle Grenzen hinweg zum Kampf gegen die Christen verschworen hätten und nach der Weltherrschaft strebten, gehen bis ins Mittelalter zurück.

Im 12. Jahrhundert findet sich z.B. bei Thomas von Monmouth die Vorstellung, alljährlich bestimmten Rabbiner durch das Los den Tod von Christen. Die Legenden von Ritualmorden, Brunnenvergiftung, Hostienfrevel usw., die immer wieder zum Anlass von Judenverfolgungen wurden, basieren auf Verschwörungsmythen. Sie bilden immer noch den durch Tradition überlieferten Hintergrund judenfeindlicher Ressentiments und daraus abgeleiteter Erklärungsmuster. Überlieferte Mythen lassen sich auch leicht aktualisieren und zur Erklärung für beliebige Ereignisse verwenden. Vor der Kamera des "Spiegel TV" erläuterte im Sommer 2006 ein 17-jähriger Kurde aus Bonn die Gründe für die Entstehung des Libanonkriegs: "Es war erstmal so, dass die Juden ein Kind oder so vergewaltigt haben". Dann berichtet er, er wisse aus sicherer Quelle, dass Juden auch schon mal Sechsjährige in einem Kindergarten systematisch erschossen hätten: "Nur die Lehrerin haben die leben lassen, damit die psychisch krank wird". Der 17jährige verfügt offenbar über ein geschlossenes Weltbild, in dem Juden die Rolle von Schurken haben.

Die mittelalterliche, religiös begründete Dämonisierung des Judentums war eine der Wurzeln des Ressentiments, das Juden als eine geschlossene, zentral gelenkte Gemeinschaft ("Weltjudentum") in der Wahrnehmung des modernen Rassenantisemitismus verankerte, den Juden Herrschaftspläne unterstellte und damit Feindschaft gegen sie begründete. In der nationalsozialistischen Ideologie wurde die Wahnvorstellung vom Kampf des Judentums gegen Deutschland und die germanische "Rasse" propagiert und von vielen geglaubt. Wie unsinnig die Konstrukte vom Weltjudentum und von jüdischer Weltverschwörung sind, geht schon daraus hervor, dass antisemitische Propaganda sowohl die angebliche Erfindung und Durchsetzung des Bolschewismus als auch den Kapitalismus, die Beherrschung der Börsen und Banken, als jüdische Machenschaften anprangert, um das Zerrbild des Juden als Bolschewisten und das entgegengesetzte Zerrbild vom Juden als Plutokraten oder Finanzmagnaten zur Hetze gegen die Juden zu instrumentalisieren. Die jahrhundertelange Diasporaexistenz der Juden in vielen Ländern, ihre Bewahrung der kulturellen und religiösen Eigenart haben sicherlich solche Vorstellungen gefördert, die dazu dienten, die Juden zu Fremden, zu Feinden und Schuldigen zu stempeln.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts behauptete der französische Jesuit Augustin Barruel, "die Juden" erstrebten die Weltherrschaft. Die Obsession, Juden als organisierte, durch Religion und Kultur eng verbundene Gemeinschaft gierten nach Macht und Herrschaft, hat sich im 19. Jahrhundert, mit dem Wandel vom Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus, gefestigt und verstärkt. Das vermeintlich organisierte "internationale Judentum" wird als machtvolle Lobby, als Finanzen und Politik bewegende überstaatliche Kraft konstruiert und, gespeist aus spiritueller und ethnischer Eigenart, als stereotype Imagination wahrgenommen. Diese Vorstellung ist immer noch aktuell und stets revitalisierbar. So äußerte im Interview mit einer deutschen Tageszeitung im September 2005 der spätere polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski die Gewissheit: "Die Juden sind zu einem der mächtigsten Völker der Welt aufgestiegen. Natürlich haben die Juden be

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