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Die Welt beobachten Praktiken des Vergleichens

  • Erscheinungsdatum: 10.12.2015
  • Verlag: Campus Verlag
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Die Welt beobachten

Von der Entdeckung und Erforschung der einen einzigen Welt am Beginn der europäischen Moderne bis zur statistischen Vermessung und Vereinheitlichung von Wirtschafts- und Universitätssystemen: Die Praxis des Vergleichens hat sich in zunehmendem Maße als vorherrschendes Instrument zur Erfahrung und Herstellung von Weltwissen und -bewusstsein etabliert. Dieser Band versammelt Grundlagentexte zu einer bislang kaum ausgearbeiteten Theorie und Praxis des Vergleichens und erprobt die Geschichtsschreibung einer durch Vergleiche entstandenen, umkämpften Weltgesellschaft: am Beispiel der Weltreiseliteratur, der im 19. Jahrhundert erstmals zu beobachtenden Weltkriege und der Herausbildung des globalen Kapitalismus. Angelika Epple ist Professorin für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. Walter Erhart ist dort Professor für Germanistische Literaturwissenschaft.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 382
    Erscheinungsdatum: 10.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593432465
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 3303 kBytes
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Die Welt beobachten

Die Welt beobachten - Praktiken des Vergleichens
Angelika Epple/Walter Erhart

Auf seiner zweiten Südseereise (1772-1775) wurde Kapitän James Cook nicht nur vom preußischen Naturforscher Johann Reinhold Forster und dessen siebzehnjährigem Sohn Georg Forster begleitet, sondern auch von dem Maler William Hodges. Die Britische Admiralität hatte das Unter-nehmen finanziert, und Hodges sollte die während der Reise angefertigten Skizzen nach seiner Rückkehr zu Ölgemälden für eine Ausstellung in der Londoner Royal Academy ausarbeiten. Die dazugehörigen Stiche waren für die Bebilderung des offiziellen Reiseberichts vorgesehen. Als die großen weltumspannenden Forschungs- und Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts dem europäischen Publikum präsentiert werden sollten, kam den Schriftstellern und Malern eine ganz besondere Rolle zu: Ihnen oblag es, die auf den Reisen erstmals beobachtete außereuropäische Welt detailliert darzustellen - als greifbar gemachtes Erlebnis für die Zuhausegebliebenen, als Einladung, die unbekannte Welt so zu sehen, wie sie wirklich war.
Hodges' Stiche und Ölgemälde hatten eine prägende Wirkung auf die europäische Imagination des Pazifiks, insbesondere jenes paradiesischen Ortes, der von dem französischen Weltreisenden Louis-Antoine de Bou-gainville 1768 entdeckt worden war und im 20. Jahrhundert noch in den Gemälden Paul Gaugins seine fortgesetzte Faszination entfaltete: Tahiti. Im Jahr 1776 beendete Hodges die Arbeit an dem unter dem Kurztitel 'Tahiti Revisited' bekannt gewordenen Gemälde 'A View taken in the bay of Oaite Peha [Vaitepiha] Otaheite [Tahiti]'. Den von weichem Son-nenlicht beschienenen Frauen im Fluss hat er dabei noch eine als Bildsäule drapierte Totemfigur hinzugefügt, die, neben den Badenden postiert, an griechisch-antike Statuen erinnert. Hodges erzeugte damit den Eindruck einer vom europäischen Kontakt noch unberührten Natur sowie einer gänzlich fremden Kultur, zugleich stilisierte er die Szene als einen locus amoenus, der in einer vertrauten Bildersprache Anklänge an die Antike mit der europäisch-männlichen Sehnsucht nach verführerischen, sich wie Nymphen darbietenden weiblichen Naturwesen kombinierte. Der dargestellte Ort, immerhin einer der betriebsamen Hauptanlegeplätze der europäischen Ankömmlinge, zeigt sich auf dem Gemälde von allen Spuren der Seefahrt und des Kulturkontakts gereinigt, gleichzeitig aber wurde die auf solche Weise als ursprünglich vorgeführte Welt einem vorgängigen interpretativen Rahmen eingefügt: Erkennbar ist eine Bucht auf Tahiti, aber auch eine europäisch-antike Phantasie; die dargestellten Südseefrauen sind tätowiert, aber hellhäutig; die Landschaft ist pazifisch, aber gerahmt von durchaus alpin anmutenden Bergen. Die Welt beobachten heißt hier eben auch, sie der europäischen Vorstellungsart anzugleichen, sie dadurch erst vergleichbar zu machen. Auf diese Weise wird das von Hodges präsentierte Wissen über die noch unbekannte südpazifische Welt mit vorgefertigten (Vergleichs-)Maßstäben versehen, die einerseits eine neue Sicht auf die europäischen Sehnsüchte eröffneten, andererseits aber auch die Insel Tahiti bereits im Moment ihrer Entdeckung (um-)interpretierten.
Das Vergleichen des Fremden, Anderen, Neuen, so machen die Bei-spiele deutlich, orientiert sich an bekannten Mustern, wiederholt, variiert oder transformiert sie. Es ist dadurch eng mit dem je spezifischen histori-schen Kontext verbunden, innerhalb dessen verglichen wird. Das Verglei-chen ist keine aus sich zu bestimmende, rein individuelle Tätigkeit, viel-mehr ist es eingebettet in soziale Praktiken, die bestimmte Vergleiche nahe legen und andere verhindern. Die Beispiele zeigen nicht nur die prägende Wirkung vorgängiger Praktiken, sondern sie zeigen auch, wie die Beteiligten die Praktiken des Vergleichens selbst verändern, indem sie neue Arten und Weisen des Vergleichens erproben. Dabei können ganz neue Vergleichsgegenstände erzeugt werd

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