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Für Kaiser, Reich und Vaterland Jüdische Soldaten. Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. von Berger, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.10.2015
  • Verlag: Orell Füssli
eBook (ePUB)
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Für Kaiser, Reich und Vaterland

'Alle Bewohner des Staats sind geborene Verteidiger desselben!' Mit diesen Worten begründete Gerhard von Scharnhorst 1807 seinen 'Entwurf der Verfaßung der Reserve Armee', in dem er die Grundzüge der 1814 eingeführten Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen skizzierte. Mit 'Alle Bewohner des Staates' waren auch die jüdischen Glaubens gemeint. Ein gesellschaftspolitisches Novum mit weitreichenden Konsequenzen für die in Preußen lebenden Juden, die damit aus ihrer Jahrhunderte währenden gesellschaftlichen Isolation heraustraten. In Österreich wurde die Wehrpflicht für Juden bereits 1788 eingeführt und wenig später auf alle habsburgischen Länder ausgedehnt. Wie in Preußen ergab sich die Beteiligung am Heeresdienst als logische Konsequenz aus der Erlangung bürgerlicher Rechte und den damit verbundenen Pflichten. Ein bedeutender Schritt zur Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung im Rahmen der Reform- und Toleranzpolitik Kaiser Joseph II. Dieses Buch ist die erste umfassende historische Darstellung jüdischer Soldaten in den Armeen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Ihre Geschichte erzählt von der Überwindung des Antisemitismus, der Emanzipation des jüdischen Bürgertums und der Begründung des modernen Zivilstaates.

Michael Berger ist Hauptmann des Heeres und ist Historikeroffizier und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Potsdam, dem jetzigen Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw). Darüber hinaus ist er Vorsitzender des 2006 gegründeten Bundes jüdischer Soldaten. Er lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 23.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783280039076
    Verlag: Orell Füssli
    Größe: 1563kBytes
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Für Kaiser, Reich und Vaterland

Grußwort des Bevollmächtigten des Landes Baden-Württemberg beim Bund

Nachdem Leutnant Josef Zürndorfer 1915 mit seinem Flugzeug abgestürzt war, entdeckten seine Angehörigen folgenden Eintrag in seinem Testament: "Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten." Wie Zürndorfer sahen viele junge Deutsche jüdischen Glaubens zu Beginn des Ersten Weltkriegs ihre Chance, durch militärisches Engagement gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Der Historiker Golo Mann stellte gar fest, dass es "nichts deutscheres" gegeben habe, als die jüdischen Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkrieges.

Ohne Zweifel hat die nationale Begeisterung jüdischer Soldaten und Offiziere für Respekt und Anerkennung bei vielen ihrer nicht-jüdischen Kameraden gesorgt. Geholfen hat dieser Respekt, diese Anerkennung indes niemandem; die ersehnte Gleichberechtigung blieb vollständig aus.

Mehr noch: Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, setzten sie alles daran, die jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für ihr Land, für Deutschland, gefallen waren, aus dem Gedenken auszuschließen. Ein Jude - ein Bürger zweiter Klasse - war weder Deutscher noch Held. Dass sich Juden mit ihrem Land identifizierten und tapfer in der deutschen Armee kämpften, passte nicht in das Propagandabild, das die Nazis zeichneten: Juden? Das waren feige, schmächtige Drückeberger - weder fähig noch würdig für Deutschland zu kämpfen. Und je länger das Regime existierte, je lebensbedrohlicher die Lage für die deutschen Juden wurde, desto mehr mussten sich die jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs widerlegt, gedemütigt und betrogen fühlen - betrogen um die eigene Biographie.

Selbst die höchsten militärischen Auszeichnungen, die jüdische Soldaten zwischen 1914 und 1918 erhalten haben, hatten auf ihre Deportation und Vernichtung in Nazi-Deutschland - wenn überhaupt - nur aufschiebende Wirkung.

Die Tatsache, dass im Ersten Weltkrieg auch jüdische Soldaten für ihr Vaterland ins Feld gezogen und gefallen sind, ist noch immer vielen Menschen unbekannt. Ich bin sogar versucht zu sagen, es ist für viele Menschen auch heute noch nicht zu verstehen.

"Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben!" Mit diesen Worten begann Gerhard von Scharnhorst, der Leiter der Militärreorganisationskommission der preußischen Armee, 1807 seine "Denkschrift über die Bildung einer Reservearmee", die die Grundzüge der ab 1814 eingeführten Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen skizzierte. Diese für jedermann geltende Wehrpflicht ist heute eine staatspolitische Selbstverständlichkeit für jeden Bürger in Deutschland. Damals hingegen handelte es sich um ein gesellschaftspolitisches Novum mit weitreichenden Konsequenzen für die große jüdische Gemeinschaft in Preußen.

In Scharnhorsts Überlegungen zählte damals weder die Herkunft noch die Religion, um diese Dienstpflicht am Staat vollziehen zu können. Er bezog bei seinen Überlegungen unterschiedslos alle Staatsbürger und damit erstmalig auch die Bürger jüdischen Glaubens in eine militärische Dienstpflicht gegenüber dem Staat mit ein. Für die in Preußen lebenden jüdischen Bürger bedeutete dies in der Folge, dass sie aus einer jahrhundertelangen gesellschaftlichen Isolation heraustraten und zumindest in diesem Bereich des öffentlichen Lebens den übrigen Staatsangehörigen gleichgestellt werden konnten.

Dennoch galt Scharnhorsts Diktum vorerst nur auf dem Papier. Der in Deutschland latent vorhandene Antisemitismus verhinderte nach wie vor die volle Gleichberechtigung und Gleichbehandlung jüdischer Soldaten. So blieb ihnen auch weiterhin der Zugang in die Laufbahn der Offiziere versagt.

1812 folgte mit dem "Edikt zur Emanzipierung des Judentums" im Rahmen der von den preußischen Staatsministern Karl Reichsfreiherr vom und zum

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