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Geschichte der Schweiz von Reinhardt, Volker (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.07.2014
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Geschichte der Schweiz

Direkte Demokratie und außenpolitische Neutralität, der Zusammenhalt unterschiedlicher Sprachgruppen, wirtschaftliche Modernität, Wohlstand, Weltoffenheit, Sauberkeit: das sind nur einige der Tugenden, für die die Schweiz weltweit bewundert wird. Die Gründe für das "Phänomen Schweiz" werden immer wieder in der geographischen Lage - in der Mitte Europas und doch durch das Hochgebirge abgeschottet - gesucht. Am besten aber lassen sich die Besonderheiten im historischen Rückblick verstehen. Dieses Buch schildert knapp und kenntnisreich die Geschichte der Eidgenossenschaft vom Bundesschluß der "Urkantone" am Vierwaldstätter See im Jahr 1291 über die schrittweise Erweiterung des Bundes, seine Unabhängigkeit vom Deutschen Reich und die Wirren der Napoleonischen Zeit bis hin zur politischen Neutralität, Industrialisierung und allmählichen europäischen Integration der modernen Schweiz. Dabei fragt der Autor immer wieder nach dem Selbstverständnis der Schweiz als auf sich selbst gestellte wehrhafte Nation, für das der Mythos um Rütlischwur und Wilhelm Tell konstitutiv ist und das in den letzten Jahren durch die Offenlegung wirtschaftlicher Verflechtungen mit dem Dritten Reich sowie die zunehmende Einwanderung und europäische Integration in eine Krise geraten ist.

Volker Reinhardt, geb. 1954, ist Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte an der Universität Fribourg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 15.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406671135
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2675kBytes
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Geschichte der Schweiz

1. Apfelschuss und Tyrannenmord - ein produktiver Mythos

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Dies ist der folgenreichste Eid der Literaturgeschichte. Im erhabenen Licht der Morgendämmerung schwören ihn die Landleute von Uri, Schwyz und Unterwalden. Ort des Bühnengeschehens von Friedrich Schillers Wilhelm Tell ist eine stille Wiese an den Gestaden des Vierwaldstättersees, Rütli genannt. Anlass des hier beschworenen Bundes ist nackte Willkür. Im Namen des Hauses Habsburg, das die seit je her freien Bauern unterjocht, rauben, plündern und schänden dessen Handlanger scham- und straflos, allen voran der sadistische Vogt Gessler. Das Ziel der Allianz ist also, heiliges, natürliches Recht wieder in Kraft zu setzen, das von Österreich mit Füßen getreten wurde, und zwar veredelt durch das kostbarste Gut der Zivilisation: Menschlichkeit. Die Freiheit, in der sich diese Humanität entfalten soll, kommt nicht durch Aufbruch in eine voraussetzungslose Zukunft, sondern durch belebende Rückbesinnung auf den Geist der Vergangenheit zustande; der Bund, der im abgeschiedenen Grün des Rütli geschlossen wird, versteht sich als Bekräftigung einer älteren Union. Er kennt am Ende keinen Adel mehr, sondern nur noch Brüderlichkeit. Sie entsteht nicht aus erzwungener Gleichmacherei, sondern aus einem Akt freiwilliger Selbstangleichung der Vornehmen, ist also ebenfalls Wiederherstellung eines älteren, besseren Zustands. Eine klassenlose Gesellschaft aber ist nicht geplant. Wer Hirt war, bleibt es auch nach dem Bundesschluss. Das Recht zum Widerstand, das auf dem Rütli so erhaben beschworen wird, leitet sich daraus ab, dass ein jeder seinen Boden der Natur abgerungen hat und nun kraft natürlichen Rechts sein Eigen nennt; Feudalherren können da nur als Räuber auftreten. Legitim ist allein die Oberhoheit des Reichs, unter der Voraussetzung, dass dessen Oberhaupt, der Kaiser, das Recht schützt - was er im Falle von Uri, Schwyz und Unterwalden schmählich versäumt. So vereinbaren die Verschwörer auf dem Rütli, zum Äußersten getrieben, an Weihnachten die Zwingburgen zu stürmen. Spontane Selbsthilfe oder gar Rache wird ausdrücklich untersagt.

Dennoch wird sie nötig. Denn allzu zahm gebärdet sich in der Folgezeit das Bündnis der Widerstandswilligen. Der einsame Alpenjäger Wilhelm Tell wird vom Landvogt Gessler gezwungen, mit der Armbrust auf einen Apfel zu schießen, den sein kleiner Sohn auf dem Haupte trägt. Der Kunstschuss gelingt zwar, doch wird der Schütze danach von den Mächten des Bösen gefangen gesetzt, ohne dass ihm die Rütlischwörer zur Hilfe eilen. So muss sich der unzähmbare Jäger selbst helfen, bevor er den anderen hilft. Er lauert dem Despoten Gessler in der Hohlen Gasse vor Küssnacht auf und erschießt ihn. Das ist das Fanal zum Aufstand. Überall im Lande fallen die Zwingburgen. Mit der wieder erkämpften Urfreiheit wird die Gemeinde der Brüderlichen in die Geschichte entlassen. Auf der Bühne.

Schillers 1804 uraufgeführtes Schauspiel ist eine späte, doch dafür um so wirkungsvollere Version einer mehr als dreihundert Jahre alten Geschichte. Nach anfänglich offenbar eher spröden Reaktionen in der Eidgenossenschaft wurde das Stück des deutschen Autors zur maßgeblichen Vergegenwärtigung des mythischen Anfangs der Schweizer Nationalgeschichte. Unzählige Schützen-, Trachten- und Gesangvereine, religiöse, politische und

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