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Geschichte erklären Grundprobleme und Grundbegriffe von Schnepf, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.06.2011
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
eBook (PDF)
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Geschichte erklären

Erklären ist eine im Alltag wie in der Geschichtswissenschaft bestens eingeübte Praxis. Doch die Kriterien für gute und schlechte Erklärungen werden selten explizit gemacht. Dabei gibt es einen Überfluss konkurrierender Erklärungsansätze und Theorien. Dieser irritiert und nährt zugleich den Verdacht, es sei müßig, nach der wahren Erklärung eines historischen Ereignisses oder der Objektivität geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis zu fragen. Aber kann man einfach auf den Wahrheitsanspruch von Erklärungen verzichten? Robert Schnepf entwickelt in seinem Buch Argumente für die Unverzichtbarkeit eines solchen Wahrheitsanspruchs, und er zeigt Kriterien auf, mit denen man gut begründet zwischen guten und schlechten Erklärungen unterscheiden kann.

Dr. Robert Schnepf ist außerplanmäßiger Professor am Seminar für Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 189
    Erscheinungsdatum: 16.06.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783647310169
    Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
    Größe: 1070kBytes
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Geschichte erklären

" 4. Probleme des Erklärens und die Notwendigkeit der Geschichtsphilosophie (S. 117-118)

Erklärungen sind offensichtlich eine komplexe Sache: Sie benennen Bedingungen für das zu Erklärende, wobei Bedingungen unterschiedlichen Typs möglich sind und die Tragfähigkeit wie auch der Wert der Erklärung von diesem Typ abhängen; sie behaupten etwas über mögliche Alternativen und unmögliche Weltverläufe, indem sie die Notwendigkeit des zu Erklärenden einsichtig machen; sie sind zu ihrer Stützung auf gut bestätigte Gesetzeshypothesen angewiesen; zugleich erklärt man niemals direkt das zu Erklärende, sondern immer nur unter einer bestimmten Beschreibung, so dass nur die Züge des zu Erklärenden erklärt werden, unter denen es beschrieben wird; deshalb hängt die Qualität einer Erklärung auch von der Qualität der vorausgesetzten Beschreibung ab; diese Beschreibungen gestatten die Aufspaltung des zu Erklärenden in Teilereignisse oder Strukturen, aber auch seine Integration in umfassendere Ereignisse oder Strukturen, weshalb Erklärungen auf Mikro- wie auf Makroebenen auftreten und Mikro- wie Makrogesetze (bzw. entsprechende Hypothesen) erfordern; schließlich gehen in die Beschreibung wie auch in die Analyse des zu Erklärenden Begriffe und Voraussetzungen ein, die scheinbar selbst gar nicht mehr empirisch überprüft werden können, sondern gleichsam als "Paradigmen" fungieren.

Diese Komplexität zeichnet selbst Erklärungen im Alltag aus, auch wenn uns das nur selten auffällt, weil es uns so selbstverständlich ist. Genauso wenig fällt auf, dass wir über völlig verschiedene Ansatzpunkte verfügen, Erklärungen argumentativ anzugreifen oder zu verteidigen. Sie ergeben sich daraus, dass Erklären schon aufgrund seiner kontextinvarianten Charakteristika eine überaus komplexe Tätigkeit ist.

Die Überzeugungskraft einer Erklärung hängt davon ab, wie gut bestätigt die impliziten Gesetzeshypothesen sind; sie hängt weiterhin davon ab, wie scharf und akzentuiert die zugrunde gelegten Beschreibungen sind; wie überzeugend die Aufspaltung in Teilereignisse oder wie gelungen umgekehrt die Integration von Teilereignissen in übergreifende Ereignisse ist; und schließlich davon, ob das in der Beschreibung, der Analyse und/oder der Integration vorausgesetzte "Paradigma" oder die "absolute Präsupposition" geteilt oder abgelehnt wird.

Auch wenn das Erklären eine im Alltag fest verankerte und gut eingeübte Praxis ist, machen die Versuche, dieses implizite Wissen zu explizieren, überdeutlich, dass es ohne ein gerüttelt Maß an Theorie nicht geht. Die Überlegungen sind damit an einen Punkt gekommen, der bei vielen eher Schrecken auslöst: Es geht um die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft. In dieser mit viel Aufwand betriebenen Debatte möchte ich die Position plausibel machen, dass geschichtswissenschaftliche Erklärungen selbstverständlich theoriebedürftig sind, und zwar aus denselben Gründen und in demselben Ausmaß, in dem auch die trivialsten Erklärungen im Alltag so theoriebedürftig sind, dass wir es gar nicht erst bemerken.

Dass die Geschichtswissenschaft der Theorie bedarf, meint aber nicht, dass sie sich reflexartig an bestimmten vorgefertigten Theorien zu orientieren habe, weder an Theorien andererWissenschaften (wie der einen oder anderen soziologischen Theorie), noch an einer besonders ausgefeilten Theorie wissenschaftlichen Erklärens (etwa derjenigen Hempels). Das hieße, die Tragfähigkeit solcher Theorieangebote gewaltig zu überschätzen. Vielmehr geht es darum,

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