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Rituale von Stollberg-Rilinger, Barbara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2013
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (ePUB)
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Rituale

Rituale sind allgegenwärtig. Amtseinsetzung und Friedensschluss, Taufe, Hochzeit und Beisetzung, Denkmalsturz und Erinnerungsfeier - Ritualen kommt eine elementare, sozial strukturbildende Funktion zu. Mehr noch als für die Gegenwart gilt das für frühere Epochen. Seit die Geschichtswissenschaft im Zuge des 'cultural turn' dieses Thema für sich entdeckt hat, sind immer mehr historische Phänomene durch die 'ritualtheoretische Brille' betrachtet worden. Das Studienbuch gibt einen hervorragenden Überblick über die wichtigsten Theorien und Kontroversen der historischen Ritualforschung und die Vielzahl der rituellen Phänomene in der Geschichte.

Barbara Stollberg-Rilinger ist Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 294
    Erscheinungsdatum: 02.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593421605
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 4056 kBytes
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Rituale

2. Rituale als historische Phänomene - zentrale Themenfelder
Die Allgegenwart ritueller Phänomene quer durch alle Epochen und Gesellschaften macht es unmöglich, eine systematische Klassifikation vorzunehmen. Es lassen sich ganz unterschiedliche Kriterien denken, nach denen sich das schier grenzenlose empirische Material ordnen ließe. So könnte man unterscheiden zwischen monarchischen und republikanischen Ritualen, zwischen zyklischen und akzidentellen, sakralen und profanen, geheimen und öffentlichen, affirmativen und destruktiven Ritualen und so fort. Die allermeisten dieser Unterscheidungen ergeben wenig Sinn, weil ein und dasselbe Ritual oft beide Seiten umfasst. Zum Beispiel: Ein Huldigungsakt der städtischen Bürgerschaft gegenüber einem neuen König verbindet gerade die monarchische und die kommunale Sphäre; eine mittelalterliche Kaiserkrönung ist sakral und profan, politisch und religiös zugleich; ein Hinrichtungsritual als Herrschaftsakt kann in ein Ritual der Rebellion umschlagen. Eine gewisse Ambivalenz, das hat vor allem Victor Turner gezeigt, ist gerade ein zentrales Charakteristikum des Rituellen: Durch ein und denselben Akt werden Kontinuität und Wandel, Ordnung und Unordnung, Struktur und Anti-Struktur zugleich zum Ausdruck gebracht. Ein und dasselbe Ritual kann ganz verschiedene Funktionen und Bedeutungsdimensionen haben und lässt sich daher ganz unterschiedlich kategorisieren: Zyklische Jahresrituale können beispielsweise zugleich Opferrituale, Erinnerungsrituale, Bußrituale und Gemeinschaftsrituale sein. In der Sphäre dynastischer Herrschaft werden alle Rituale des Lebens- und des Jahreszyklus zu elaborierten Ritualen der Herrschaftsrepräsentation: Hochzeit, Taufe, Beisetzung, Oster- und Weihnachtsfest usw. Auch alltägliche Verrichtungen können, wenn sie die Herrscherfamilie betreffen, zeremonialisiert und zu großen rituellen Akten ausgestaltet werden, vom morgendlichen Aufstehen über die Mahlzeiten bis zum Schlafengehen. Ein einzelner ritueller Akt wie etwa die Begrüßung des Herrschers bei seinem Einzug in die Stadt kann zu einem unendlich verfeinerten und elaborierten Ritual ausgeschmückt werden; ebenso kann der gleiche Akt in einem anderen Kontext nur ein einzelnes Element unter vielen sein. Der Eid, der Kuss, der Kniefall, das Sitzen auf dem Thron, das gemeinsame Mahl, die Prozession - all das sind Grundbausteine, die auf unterschiedlichen Ebenen und zu unterschiedlichen Anlässen immer wieder vorkommen, sei es als Einzelakte, sei es als Elemente in einer komplexen Ritualsequenz.
Kurzum: Jede mögliche Klassifikation von Ritualen nach einem einheitlichen Kriterium (etwa: Form, Funktion, Anlass usw.) wird der historischen Vielfalt nicht gerecht (vgl. Harth/Michaels 2003). Für die Gliederung des Stoffes nach großen Themenfeldern, wie sie im Folgenden vorgenommen wird, heißt das: Ein Anspruch auf systematische Ordnung wird damit ausdrücklich nicht erhoben. Die Gliederung ist vielmehr rein pragmatisch und richtet sich im Wesentlichen danach, was in der historischen Forschung bisher bevorzugt behandelt worden ist. Da keine erschöpfende Übersicht über alle Aspekte der historischen Ritualforschung quer durch alle Epochen und Regionen gegeben werden kann, muss eine Auswahl getroffen werden. Ein gewisser Schwerpunkt liegt auf der europäischen Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Das geschieht zum einen aufgrund der begrenzten Kompetenz der Verfasserin, lässt sich aber auch damit rechtfertigen, dass diese vormodernen Epochen bisher bevorzugte Bereiche der historischen Ritualforschung waren - auf die Gründe ist schon hingewiesen worden. Zum anderen werden einzelne paradigmatische Studien herausgegriffen und exemplarisch etwas eingehender behandelt. Ergänzend kann auf das ausführliche Literaturverzeichnis und weitere Beispielfälle auf der Online-Plattform verwiesen werden.
2.1 Alltägliche Interaktionsrituale
Auch jenseits der "großen" öffentlichen Rituale im

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