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Was ist Vertrauen? Ein interdisziplinäres Gespräch

  • Erscheinungsdatum: 09.01.2014
  • Verlag: Campus Verlag
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Was ist Vertrauen?

Vertrauen ist ein ebenso alter wie alltäglicher Begriff. Vertrauen sei gut, Kontrolle jedoch besser, verkündeten die bolschewistischen Revolutionäre. In der aktuellen Schuldenkrise ist davon die Rede, dass man Banken und Staaten nicht mehr vertrauen könne und Vertrauen zurückgewonnen werden müsse. Was aber ist Vertrauen? Wie lässt es sich theoretisch erklären und empirisch erforschen? Historiker, Politikwissenschaftler und Juristen erörtern diese Fragen aus interdisziplinärer Perpektive. Sie zeigen in ihren Beiträgen, dass Vertrauen das Fundament sozialer Beziehungen ist, weil es Menschen Sicherheit gibt und Gesellschaften stabilisiert.

Jörg Baberowski ist Professor für Geschichte Osteuropas an der HU Berlin.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 154
    Erscheinungsdatum: 09.01.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593422381
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 1483kBytes
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Was ist Vertrauen?

Erwartungssicherheit und Vertrauen: Warum manche Ordnungen stabil sind, und andere nicht
Jörg Baberowski
Als nach dem Ende der Sowjetunion Reporter aus Deutschland die Kohlegruben in Donezk besuchten, wollten sie von den Arbeitern wissen, wie sie über die Meinungsfreiheit dächten, die Michail Gorbatschows Reformen ihnen beschert hatten. Natürlich erwarteten die Männer und Frauen aus dem Westen, dass die Arbeiter ihnen bestätigten, was sie für selbstverständlich hielten: dass die Macht des freien Wortes über die Finsternis der Diktatur gesiegt hatte. Zwar war die alte Ordnung zerfallen, und ihre Rituale wirkten nun seltsam fremd. Aber die Arbeiter empfanden das Ende der Sowjetunion als tiefe Verunsicherung. Die Inflation hatte die Währung entwertet, in den Geschäften gab es nichts zu kaufen, und von der Arbeit in den Kohlegruben und Stahlwerken konnten sie nicht mehr leben. Auf den Straßen regierte das Faustrecht und in der Politik übernahm die Mafia, wofür einst die Kommunistische Partei zuständig gewesen war. Er jedenfalls brauche seinen Mund nur zum Essen, antwortete ein Arbeiter auf die Frage, was ihm die Meinungsfreiheit gegeben habe.
Wenige Jahre nach dem Ende der Sowjetunion war der Glaube an die Beherrschbarkeit der Welt erschüttert. Niemand mochte den Versicherungen der politischen Führung noch glauben, die von freier Marktwirtschaft und freien Wahlen sprach, aber nur den Mangel und das Chaos verwaltete. Das Vertrauen darauf, auch am nächsten Tag noch Arbeit und Brot, Sicherheit und Ordnung zu haben, war zerstört. Als die alte Ordnung zerfiel, hofften auch die Arbeiter in den Kohlegruben von Donezk, dass alles besser werden würde. Die Enttäuschung aber tauchte das Leben in der Diktatur in helles Licht. "Wir müssen alles auf neue Weise tun", sagte eine Arbeiterin, die vom amerikanischen Historiker Lewis Siegelbaum im Jahr 1992 befragt wurde. "Wir sind jetzt wie blinde Welpen." Was im Westen für eine Errungenschaft gehalten wurde, empfanden die Arbeiter aus Donezk als Verhöhnung und Demütigung. Die Diktatur hatte über die Demokratie, das Verlangen nach Ordnungssicherheit über die Freiheit gesiegt.
1. Stabilität und Erwartungssicherheit
Nur vor dem Hintergrund überwundener Unsicherheit wird das Leben in seiner Stabilität wahrnehmbar und erfahrbar. In den Zeiträumen des Übergangs scheidet sich Altes von Neuem, und es ist zu erwarten, dass Menschen, die eine Krise hinter sich gelassen haben, sich noch an sie erinnern und über die Stabilisierung ihres Lebens anders sprechen als all jene Menschen, für die das Leben in stabilen Verhältnissen eine Selbstverständlichkeit ist. Die einen werden die Stabilisierung sozialer Verhältnisse zum Gegenstand ihrer Selbstvergewisserung machen, die anderen werden, was für sie eine Selbstverständlichkeit ist, nicht als Herausforderung begreifen, auf die sie eine Antwort geben müssen.
Veränderungen operieren mit schon Vorhandenem. Alles Neue muss sich zum Alten in Beziehung setzen, und deshalb kann der Wandel nicht von seiner Deutung getrennt werden. Es kann keine Stabilisierung geben, die nicht auch in den Köpfen und Herzen von Menschen als Stabilisierung wahrgenommen wird. Wenngleich Menschen nur selten eine Verfügungsgewalt über das Geschehen besitzen, das sie mitreißt und an einen Ort stellt, haben sie dennoch die Entscheidung darüber in der Hand, wie sich ihr Leben verändert. Wie sich der Wandel vollzieht, hängt davon ab, ob man ihn auffängt, steuert und für eigene Zwecke nutzbar macht, ob man Veränderungen aushält, weil man den Institutionen und Regelsystemen vertraut, die eine Gesellschaft zusammenhalten, oder ob man an Herausforderungen zerbricht, weil es keine sozialen Mechanismen gibt, die es Menschen ermöglichen, Veränderungen auszuhalten oder als Lebensgewinn zu begreifen. Wer Teil einer Misstrauensgesellschaft ist, Krieg und Zerstörung erlebt hat, wird Veranderungen anders bewältigen als jemand, der in ein

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