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Die Demagogen und das Volk Zur politischen Kommunikation im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. von Mann, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.12.2009
  • Verlag: Walter de Gruyter GmbH & Co.KG
eBook (PDF)
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Die Demagogen und das Volk

In der athenischen Demokratie des 5. Jahrhunderts besaß jeder Bürger das Recht, in Volksversammlungen zu reden, in der Praxis aber ergriff nur eine kleine Minderheit das Wort. Diese Männer wurden Demagogen genannt. Sie erfüllten als politische Experten eine wichtige Funktion bei der demokratischen Entscheidungsfindung, indem sie das Volk in den Versammlungen mit Informationen versorgten, politische Konzepte vorstellten und alternative Handlungsoptionen aufzeigten. Nach herkömmlicher Forschungsmeinung entstammten die Demagogen lange Zeit der alten Aristokratie; politische Macht habe auch in der Demokratie zunächst noch auf vornehmer Abkunft, Reichtum, überlegener Bildung und adligen Freundeszirkeln beruht. Erst nach dem Tod des Perikles 429 v. Chr. hätten Aufsteiger mit populistischen Methoden Einfluss auf das Volk gewinnen können. In Auseinandersetzung mit dieser Position plädiert der Autor dafür, dass die Auftretensweise der Demagogen auch schon vor dieser angeblichen Zäsur durch eine Inszenierung von Loyalität gegenüber der Polis und dem Volk geprägt war. Zwar besaßen alle Demagogen überdurchschnittliche ökonomische Ressourcen, doch in der politischen Kommunikation betonten sie gerade nicht ihre soziale Überlegenheit, sondern verringerten symbolisch den Abstand zum einfachen Bürger, etwa durch demonstrativen Verzicht auf eine luxuriöse Lebensführung und auf aristokratische Beziehungsnetze. Die politische Ordnung der athenischen Demokratie war eben gerade nicht in die traditionelle Sozialordnung eingebettet, sondern weitgehend von dieser losgelöst. Eine Veränderung trat erst im vorletzten Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts ein, als ein Anspruch auf politischen Einfluss zunehmend mit traditionellen aristokratischen Ressourcen begründet wurde; dieser Prozess führte schließlich zum Umsturz von 411.

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Die Demagogen und das Volk

II.1. Die Reformen des Ephialtes und die "Herrschaft des Areopag" (S. 45)
Die Reformen von 462/61

Im Jahr 462/61 vollzog die athenische Volksversammlung auf Antrag des Ephialtes eine Gesetzesänderung, mit der die Kompetenzen des Areopag beschnitten wurden. Von einigen wird dieses Ereignis als epochaler Einschnitt, als eigentlicher Beginn der Demokratie, als Übergang von der Adels- zur Volksherrschaft betrachtet, während andere darin eher ein Beispiel für die Mechanismen der politischen Auseinandersetzung in der athenischen Demokratie, nicht jedoch einen strukturellen Wandel sehen.

Die Meinungen gehen nicht nur bei der Interpretation, sondern schon bei der Frage nach dem konkreten Inhalt der Reformen auseinander. Welche konstitutionellen Veränderungen auf Antrag des Ephialtes beschlossen wurden, ist den Quellen nicht präzise zu entnehmen. Die äußerst schlechte Überlieferung stellt auch das Hauptproblem bei der Annäherung an die Reformen des Ephialtes dar: Die Texte des 5. Jahrhunderts übergehen das Ereignis schweigend, so daß es keine Quellen gibt, die von den Verfassungsdebatten des 4. Jahrhunderts unabhängig sind. Außerdem weisen die einzigen zusammenhängenden Berichte, enthalten in der aristotelischen "Athenaion politeia" sowie in Plutarchs Kimon-Vita, Widersprüche und offensichtliche Irrtümer auf.

Nach der "Athenaion politeia" stellten die Reformen des Ephialtes die siebte von insgesamt elf metabolai dar, den Wendepunkten der Verfassungsgeschichte Athens von der Gründung bis zum Jahr 404/03. Der Text setzt nach den Perserkriegen eine Phase der Herrschaft des Areopag an, während der die wichtigen Entscheidungen der Polis von diesem Adelsrat getroffen worden seien. Ephialtes habe dem Adelsrat seine wichtigsten Befugnisse genommen und damit die Phase der radikalen Demokratie eingeleitet, die erst mit dem Umsturz von 411 abrupt geendet habe. Die Bewertung dieser Phase fällt sehr schlecht aus: "Unter dieser Verfassung ließ sich die Polis durch die Demagogen und wegen ihrer Seeherrschaft zu den größten Fehlern hinreißen." Problematisch sind bei diesem Text vor allem die Einbindung des Themistokles in die Ereignisse, der 462/61 gar nicht in Athen sein konnte, sowie die Betonung der nichtkonstitutionellen Grundlage des Einflusses seitens des Areopag (s.u.). Auch Plutarchs Kimon-Vita gibt an, der Demos habe auf Antrag des Ephialtes die bestehende Ordnung abgeschafft, den Areopag fast aller seiner Richteraufgaben beraubt und sich selbst an dessen Stelle gesetzt.

In der Biographie des Perikles erscheint dieser als der eigentliche Initiator der Reformen, Ephialtes dagegen lediglich als Handlanger. Daß Ephialtes den Areopag seiner Macht beraubte, ist der Tenor auch der übrigen Quellen. Intensive Diskussionen hat die Frage aufgeworfen, ob und wie die "Eumeniden" des Aischylos dazu herangezogen werden können, Inhalt und Wirkung der Reformen des Ephialtes zu erhellen. Die Forschungskontroverse, ob Aischylos sich in dieser Tragödie eher als Konservativer oder als Reformer zu erkennen gebe, ist sehr alt, die jüngere Forschung hat sich aber, angestoßen vor allem durch provokante Studien von Christian MEIER, anderen Fragen zugewandt. MEIER sieht mit Aristoteles in den Reformen des Ephialtes einen tiefen Einschnitt und interpretiert die Gerichtsszene der "Eumeniden" als Entscheidung des athenischen Volkes zwischen Adelsherrschaft, verkörpert durch die Rachegöttinnen, und Volksherrschaft, verkörpert durch die Entscheidungsgewalt des Areopag. Aischylos habe das welthistorische Ereignis, daß zum ersten Mal die Polis- Ordnung als Ganzes Gegenstand von Politik wurde, in der Tr

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