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Deutschland, deine Kanzler Die ZEIT-Serie von ZEIT, DIE (eBook)

  • Verlag: epubli
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Deutschland, deine Kanzler

"Auf den Kanzler kommt es an", warb 1969 der CDU-Mann Kurt Georg Kiesinger. Viel half es ihm nicht. Und doch hatte er recht: Wer die Bundesrepublik verstehen will, muss ihre Regierungschefs kennen. Nicht weil alles an ihnen läge, nein. Die Kanzler gestalten zwar ihr Land, aber sie spiegeln auch Entwicklungen, die nicht in ihrer Macht liegen. Sie machen nicht nur Geschichte, sie werden auch von der Geschichte gemacht. In den ZEIT-Artikeln in diesem E-Book blicken Historiker, Biografen und Publizisten noch einmal auf die Amtsinhaber seit Adenauer - und auch auf ihre Vorläufer, die Weimarer Kanzler - zurück und fragen: Wie hat sich ihr Bild mit der Zeit verändert? Was bewegte sie? Was haben sie bewegt? Und worauf kam es dabei wirklich an? DIE ZEIT ist mit über 500 000 verkauften Exemplaren die größte Qualitätszeitung Deutschlands. Die Wochenzeitung steht für gründlich recherchierte Hintergrundberichte und meinungsstarke Kommentare. Gegründet 1946 in Hamburg, erscheint DIE ZEIT jede Woche donnerstags - mit Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Bildung Gesellschaft, Reisen und Geschichte. Herausgeber ist Josef Joffe. Seit 2004 ist Giovanni di Lorenzo Chefredakteur.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 100
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783745050967
    Verlag: epubli
    Größe: 404kBytes
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Deutschland, deine Kanzler

Ohne Kampf ist ihm langweilig

Konrad Adenauer gilt seinen Kritikern als autoritär und kleingeistig. Dabei war er im Grunde ein Revolutionär

Von Paul Nolte

DIE ZEIT, 31.8.2017 Nr. 36

Geliebt wird er nicht. Das Bild Konrad Adenauers ist facettenreich und widersprüchlich, heute wie bei seinem Tod vor 50 Jahren. Da ist die erstarrte Erinnerung, in der Benennung von Straßen und Plätzen und dem Köln-Bonner Flughafen. Da ist die populäre Anerkennung, die dem ersten Bundeskanzler in Umfragen und Sendungen wie der ZDF-Show Unsere Besten regelmäßig den Spitzenplatz sichert. Da sind aber auch die Skepsis, das tiefe Misstrauen, ja die Verachtung, mit der Teile des linken Lagers dem Staatsgründer der Bundesrepublik begegnen: dem restaurativen, dem autoritären, dem klerikal-kleingeistigen Adenauer, dem Kalten Krieger mit seiner ewigen Angst vor dem an der Elbe stehenden "Zoffjetrussen".

Die Asymmetrie ist offenkundig: Trotz der Häme, mit der Adenauer seinem großen sozialdemokratischen Gegenspieler der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, Willy Brandt, entgegentrat, hat das Unionslager viel eher seinen Frieden mit Brandt gemacht als umgekehrt die Sozialdemokraten mit Adenauer. Willy wird geliebt. Adenauer begegnet man mit Respekt.

Sein Bild, seinen Kopf, seine markanten Gesichtszüge kann beinahe jeder abrufen: unverwechselbar auf Fotografien der Nachkriegszeit, auf denen an rundlichen Herren mit spärlichem Haarwuchs, die man leicht verwechseln kann, kein Mangel ist. Hager, vertikal, mit tiefen Altersfurchen; im Greisenalter wächsern: Adenauer, das Indianergesicht.

Dazu passen seine Charakterzüge. Ein Intellektueller war der Jurist und Berufspolitiker gewiss nicht, obwohl die Neugründung der Universität in seiner Heimatstadt Köln nach dem Ersten Weltkrieg zu den größten Leistungen des damaligen Oberbürgermeisters zählte. Aber schlau war er, stets kalkulierend auf seinen Vorteil und das, was er als die Interessen Deutschlands ansah, das die Bundesrepublik für ihn trotz Teilung repräsentierte.

Adenauer war keiner, der auf den schnellen Kompromiss aus war. Demokratie verstand er als Konflikt mit bisweilen harten Bandagen. Das musste die SPD früh und bitter erfahren, als Adenauer sich nach der ersten Bundestagswahl im August 1949 gegen andere Meinungen, auch in seiner eigenen Partei, für die kleine, die bürgerliche Koalition mit der FDP und der Deutschen Partei entschied - die Mehrheit bei der Kanzlerwahl am 15. September erzielte er mit der eigenen Stimme. Die 1966 von Kurt Georg Kiesinger mit Willy Brandt als Außenminister gebildete große Koalition hat er gerade noch erlebt. Er war froh darüber, dass Ludwig Erhard, den er vergeblich als seinen Nachfolger hatte verhindern wollen, das Palais Schaumburg, in dem das Kanzleramt bis 1976 seinen Hauptsitz hatte, wieder verließ. Die spätere Neigung der Berliner Republik zur Konsensdemokratie aber hätte seine Zustimmung nicht gefunden: "Ohne Kampf ist es langweilig." Adenauer, der Taktiker, der Fuchs.

Ein oberflächlicher Mensch war er deshalb nicht. Sein rheinischer Katholizismus, sein christlicher Glaube prägte sein Handeln und sein alltägliches Leben, bis zu den berühmten Worten auf dem Sterbebett: Da gebe es doch nichts "zo kriesche" - zu weinen und zu bejammern. Das zeigt zugleich, bei allen festen Überzeugungen, seine Nüchternheit, seinen erdverbundenen Pragmatismus und seinen nie nachlassenden Sinn für Humor, für Ironie. Adenauer saß der Schalk im Nacken; man spürt das sofort, wenn man in seinen Aufzeichnungen, Reden, Briefen blättert. Doch ein kumpelhafter Humor, der auf schnelle Verbrüderung zielt, war seine Sache nicht, und als rheinische Frohnatur wird man ihn nicht bezeichnen können.

Adenauer studierte und sammelte erste berufliche, aber auch politische Erfahrungen im wilhelminischen Kaiserreich. Als Kind erlebte er noch Bismarck als Reichskanzler. Seine sozialen Umgangsf

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