text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Otto von Freising Ein Intellektueller im Mittelalter von Ehlers, Joachim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2013
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
24,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Otto von Freising

Als Bischof Otto von Freising 1158 im Alter von kaum 46 Jahren starb, hatte er - auch für einen Menschen im Mittelalter - seinen Lebensweg zeitig abgeschritten. Er war als fünfter Sohn des Markgrafen Leopold III. von Österreich und der Agnes, Tochter Kaiser Heinrichs IV., zur Welt gekommen. Als Enkel und Neffe von Kaisern, Halbbruder eines Königs, Bruder von Herzögen und eines Bischofs gehörte er zur Spitze der Gesellschaft - und ein Spitzenamt in dieser Gesellschaft sollte er nach dem Willen seiner Familie auch dereinst bekleiden. So schickte man ihn zum Studium nach Paris, damit er dort jene Techniken erwerben sollte, derer man bedurfte, wenn man die weltlichen und geistlichen Angelegenheiten der Zeit beherrschen wollte. Paris aber glich damals einem intellektuellen Laboratorium. Hier begannen die Schulen, das aus der heidnischen und christlichen Antike überlieferte Wissen systematisch zu organisieren, Curricula für Studien zu entwickeln und damit der gelehrten Arbeitsweise einer ganzen Epoche die Basis zu schaffen: dem scholastischen Denken, das im 13. und 14. Jahrhundert seine größte Wirkung entfalten sollte. Unter diesen mannigfaltigen Einflüssen entwickelte sich Otto zu einer Persönlichkeit von markanter Eigenständigkeit und suchte für sich den Weg des Geistes und des Gebets in einem französischen Zisterzienserkloster, bevor er als Bischof und Reichsfürst einer der großen philosophisch-theologischen Schriftsteller des Mittelalters wurde. Joachim Ehlers läßt in seinem faszinierenden Buch die Welt des Hochmittelalters wiedererstehen und macht uns vertraut mit den intellektuellen und politischen Konfliktlinien, die sich in der Persönlichkeit Ottos von Freising kreuzten. Joachim Ehlers lehrte bis zu seiner Emeritierung Mittelalterliche Geschichte an der Freien Universität Berlin. Europäisches Früh- und Hochmittelalter, Geschichte Frankreichs sowie Vergleichende europäische Bildungs- und Gesellschaftsgeschichte bilden Schwerpunkte seiner Forschungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 383
    Erscheinungsdatum: 02.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406654794
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 5307 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Otto von Freising

D ER M ANN UND SEINE Z EIT

I n der von Konkurrenzneid zerfressenen Adelsgesellschaft des Hochmittelalters hatte der Bischof Otto von Freising niemals ein entsprechendes Problem. Dort, wohin andere neidvoll aufblickten, war er durch Geburt schon angekommen: Enkel Kaiser Heinrichs IV. und Neffe Kaiser Heinrichs V., Halbbruder König Konrads III. und Onkel Kaiser Friedrich Barbarossas, Bruder zweier Herzöge von Bayern und eines Bischofs von Passau, Schwager des Herzogs von Böhmen und einer Nichte Kaiser Manuels I. von Byzanz. Man hatte ihn für ein hohes Amt in der Reichskirche bestimmt, aber er wehrte sich lange dagegen, letztlich erfolglos.

Wehrlos gegen moderne Mißdeutungen hinterließ er auch seine Werke, "Die Geschichte der zwei Staaten" und "Die Taten Kaiser Friedrichs", das erste angeblich eine geschichtstheologisch bestimmte Universalchronik mit pessimistischer Tendenz, das zweite ein vermeintlich so hoffnungsfroher Lobpreis der durch Barbarossa eingeleiteten Zeitenwende, daß der Autor den Widerspruch zwischen beiden Konzeptionen ungelöst habe stehenlassen müssen. Dennoch sei er nicht nur ein großer Historiograph gewesen, sondern auch ein dem Sinn des Geschehens unermüdlich nachspürender bedeutender Geschichtsphilosoph. Eine genaue Lektüre der Texte zeigt freilich, daß von beidem keine Rede sein kann. Otto suchte nicht nach dem Sinn der Geschichte, denn er kannte ihn schon und hatte längst anthropologische Begründungen dafür, als er auf Bitten eines Freundes daranging, dieses Wissen am Objekt empirisch und im einzelnen anschaulich zu demonstrieren. Er schrieb demnach nicht Geschichte, sondern bemächtigte sich des historischen Materials für die Erläuterung einer philosophischen Theorie. Wir werden das im einzelnen noch sehen und dabei feststellen, daß auch das Buch von den Taten Kaiser Friedrichs nicht historiographischen Neigungen des Autors entsprungen ist, sondern der in Todesgewißheit gesteigerten Sorge um seine einzige irdische Geliebte, seine Freisinger Kirche, die er schutzlos zurücklassen würde und dem Wohlwollen des Kaisers empfehlen mußte.

Beide Bücher antworteten auf klare Einsicht in die komplexe Struktur von Welt und Gesellschaft mit ihren zutiefst widersprüchlichen Forderungen an den kontemplativen Geist in hoher politischer Position. Das Reich, zu dessen fürstlicher Elite Otto gehörte, trieb einer Legitimitätskrise entgegen, denn in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts erlebte das lateinische Europa einen intellektuellen, spirituellen und mentalen Umbruch, wie es ihn seit der christlichen Spätantike nicht mehr gegeben hatte. Er brachte Zweifel an den geltenden Traditionen und Autoritäten des Glaubens, des Rechts, der politischen und gesellschaftlichen Ordnung mit sich, ein deutliches Bewußtsein von Unsicherheit und Inkohärenz der Fundamente vertrauter Überzeugungen. Dieser irritierende Prozeß hatte in der Mitte des 11. Jahrhunderts mit der Frage begonnen, welche Bedeutung im Hinblick auf das Begreifen Gottes, der Trinität und der zentralen Heilswahrheiten dem Gesetz vom zu vermeidenden Widerspruch als der wichtigsten logischen Regel zukäme, ob die durch Boethius vermittelte aristotelische Dialektik, also die formale Logik, auf die Glaubenswahrheiten anwendbar sei oder nicht. Daraus entwickelte sich eine breite öffentliche Debatte mit erheblichen politischen Implikationen, ein zerklüftetes Massiv von Kontroversen, die immer weitere Kreise um das Verhältnis von Autorität und Dialektik, kirchlichem Lehramt und autonomer Vernunft zogen. Parallel dazu und mit der philosophischen Frage ebenso vielfältig wie kompliziert verbunden, entfalteten sich dynamische Programme zur Neudefinition und Neuordnung des Verhältnisses von geistlicher und weltlicher Gewalt, zur Reinigung der kirchlichen Hierarchie von säkularen Mißbräuchen und zur Erneuerung der Christenheit. Die Konsequenzen dieser Bewegung werden etwas

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen