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12 Tage und ein halbes Jahrhundert Eine Geschichte des deutschen Kaiserreiches 1871-1918 von Nonn, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2020
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook
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12 Tage und ein halbes Jahrhundert

Im Jahr 1871 wurde der deutsche Nationalstaat begründet. In den darauf folgenden fünf Jahrzehnten entstand das moderne Deutschland. In seinem anschaulich geschriebenen Buch zeigt Christoph Nonn die Janusköpfigkeit des deutschen Kaiserreiches, das sowohl Wegbereiterin des Dritten Reiches als auch unserer heutigen Demokratie war, und erzählt ausgehend von zwölf Tagen die Geschichte eines halben Jahrhunderts.
Versailles, 18. Januar 1871: Im Spiegelsaal des berühmten Schlosses der französischen Könige wird das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Seine Entwicklung war geprägt von immenser wirtschaftlicher Dynamik bei weitgehendem politischem Stillstand, demokratischen Lernprozessen und autoritärer Verkrustung, bahnbrechenden Sozialreformen und heftigsten sozialen Konflikten. In zwölf Kapiteln, die jeweils von den Ereignissen eines bestimmten Tages ausgehen, beleuchtet Christoph Nonn diese faszinierend bunte Epoche und lässt die Menschen lebendig werden, die sie gestalteten und durchlebten. So etwa der Künstler Anton von Werner, der die Kaiserproklamation gleich mehrfach malte, Julie Bebel, die selbstbewusst in der Politik wie in der gemeinsamen Drechslerwerkstatt an die Stelle ihres Manns August trat, wenn der wieder einmal im Gefängnis saß, oder der Schuster Wilhelm Voigt, der als «Hauptmann von Köpenick» eine Stadt zum Narren hielt und damit eine Nation zum Lachen brachte.

Christoph Nonn lehrt Neueste Geschichte an der Heinrich- Heine-Universität Düsseldorf.

Produktinformationen

    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 686
    Erscheinungsdatum: 17.09.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406755705
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 4602 kBytes
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12 Tage und ein halbes Jahrhundert

MARPINGEN, 3. JULI 1876

Margaretha Kunz (sitzend links), Susanna Leist (sitzend rechts) und Katharina Hubertus (stehend) 1876

Gretchen Kunz sieht die Muttergottes

Es war ein heißer Tag, aber im kühlenden Schatten der Bäume ließ es sich aushalten. Unten im Tal schwitzten die Kuhbauern bei der Heuernte. Wer von den Dorfbewohnern kräftig genug dazu war, schwang eine Sichel. Die anderen sammelten das geschnittene Heu oder versorgten die Tiere. Anfang Juli wurde jede Arbeitskraft gebraucht in Marpingen, einem Dorf dreißig Kilometer nördlich von Saarbrücken. Nur die Kinder, die zu klein waren, um bei der Arbeit zu helfen, schickte man in den oberhalb des Dorfes gelegenen Härtelwald. Dort sollten sie Heidelbeeren sammeln.

Auf der Suche nach Beeren streiften am späten Nachmittag des 3. Juli drei acht Jahre alte Mädchen durch den Härtelwald. Susanna Leist, Katharina Hubertus und Margaretha Kunz, genannt Gretchen, waren Freundinnen. Die drei hatten einander beim Beerensammeln aus den Augen verloren, als Glockengeläut sie aufschreckte: das abendliche Angelusläuten, das der Westwind von der Dorfkirche aus in den Wald hinaufwehte. Höchste Zeit, nach Hause zu kommen. Eilig griffen die drei ihre Körbe mit den gepflückten Heidelbeeren und machten sich auf den Heimweg.

Zwischen Marpingen und dem Härtelwald lag eine Wiese mit hochaufgeschossenem Gras und Wildblumen, umwuchert von dichten Büschen. Hinter dem Tal stand die Sonne schon tief am Abendhimmel und schien den Mädchen ins Gesicht, als sie getrennt voneinander aus dem Wald traten. Immer noch begleitet vom Läuten der Glocken aus dem Dorf, machten sie sich daran, die verwilderte Wiese zu durchqueren. Da durchbrach ein lauter Ruf von Susanna das Glockengeläut. Gretchen und Katharina liefen zu der Freundin.

Als die drei einige Minuten später vor Susanna Leists Elternhaus eine Gruppe von Dorfbewohnern trafen, wirkten sie verängstigt und aufgeregt. «Wir mussten schrecklich ausgesehen haben», erinnerte Gretchen sich später. Die Kinder erzählten, zuerst Susanna und dann auch die beiden anderen hätten eine in Weiß gekleidete weibliche Gestalt gesehen, die ein Kind auf dem Arm trug. Susanna war so aufgeregt, dass sie nicht ins Bett gehen wollte. Gretchen betete viel und schlief schlecht. Katharina träumte von der weiß gekleideten Frau.

Die Aussagen über die ersten Reaktionen der erwachsenen Zuhörer auf die Geschichte der Mädchen sind widersprüchlich. In späteren Verhören unterstellten preußische Staatsbeamte den Eltern, sie hätten ihre Kinder angeregt, die Vision von der Frau in Weiß auszuschmücken, wenn nicht diese den drei ganz eingeflüstert, und damit ungesetzliche «Zusammenrottungen» der Marpinger Dorfbevölkerung provoziert. Dass die Eltern bestritten, sich auf diese Weise strafbar gemacht zu haben, ist wenig überraschend. Gretchens verwitwete Mutter und Susannas Vater erklärten in den Verhören, die Geschichte von der Erscheinung der weiß gekleideten Frau anfänglich für «dummes Zeug» gehalten zu haben. Die Eltern von Katharina sagten ebenfalls aus, sie hätten ihrer Tochter das Erzählen solcher «Märchen» zunächst verboten.

Andere Quellen zeichnen jedoch ein abweichendes Bild. Gretchen Kunz widersprach in einer späteren Erklärung den Angaben der Erwachsenen deutlich: «Anstatt uns zu beruhigen, glaubte man sofort.» Insbesondere Susanna Leists Mutter tat danach noch mehr als das. Frau Leist gehörte zu der Gruppe von Dorfbewohnern, die den drei Kindern vor Susannas Elternhaus am Abend des 3. Juli zuerst begegneten. Gretchen zufolge soll sie den Mädchen, nachdem diese von der weiß gekleideten Frau mit dem Kind erzählt hatten, dort gesagt haben: «Geht morgen wieder in den Wald, betet, und wenn ihr sie dann wieder seht, fragt wer sie sei. Gibt sie euch die Antwort: Ich bin die unbefleckt Empfangene, dann ist es die Muttergottes.»[1]

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