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Bürgerinnen im Kaiserreich Biografie eines Lebensstils von Schraut, Sylvia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.06.2013
  • Verlag: Kohlhammer
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Bürgerinnen im Kaiserreich

Wer kennt heute noch typische Bürgerinnen des Wilhelminischen Zeitalters? Hedwig Heyl (1850-1934), die 'beste Hausfrau der Nation', Franziska Tiburtius (1843-1927), die erste promovierte Ärztin Berlins, oder Lily Braun (1865-1916) - sie forderte die Vergesellschaftung der Hausarbeit - sind heute fast vergessen. Doch die Entwicklung Deutschlands zum modernen urbanen Industriestaat und die Ausgestaltung des deutschen Sozialstaatsmodells wären ohne ihre Beteiligung nicht erfolgt. Es sind die weiblichen Angehörigen des Bürgertums in ihrer Gesamtheit, um die es im Folgenden gehen wird. Ihr Lebensstil war von großer Ausstrahlungskraft und so erhielt das 19. Jahrhundert den Beinamen 'das bürgerliche Jahrhundert'. Professorin Dr. Sylvia Schraut lehrt und forscht an der Universität der Bundeswehr München und an der Universität Mannheim.
Professorin Dr. Sylvia Schraut lehrt und forscht an der Universität der Bundeswehr München und an der Universität Mannheim.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 06.06.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170233140
    Verlag: Kohlhammer
    Größe: 3458kBytes
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Bürgerinnen im Kaiserreich

Eine bürgerliche Kindheit

Es ist ein Mädchen

Müller, Müller, mahl' er!

Die Jungen kosten 'nen Taler,

Die Mädchen kosten 'nen Taubendreck,

Die schuppt man mit den Beinen weg.

Müller, Müller, mahl' er!

Die Mädchen kriegen 'nen Taler,

Die Jungen kriegen 'n Reiterpferd,

Das ist wohl tausend Taler wert

(Kinderreim nach Hedwig Dohm, 1902, 14).

Kinder machten (und machen) nicht nur im 19. Jahrhundert aus einem Paar eine Familie. In einer vor 1871 gegründeten bürgerlichen Familie kamen durchschnittlich etwa sechs Kinder zur Welt, von denen allerdings nicht alle erwachsen wurden. Hohe Säuglingssterblichkeit, lebensbedrohende ansteckende Erkrankungen, die heute als "Kinderkrankheiten" ihren Schrecken verloren haben, oder Seuchenzüge wie die Pocken forderten ihre Opfer. Erst allmählich setzten sich Bestrebungen durch, den eigenen Kindersegen bewusst einzuschränken. Die hohen Summen, die investiert werden mussten, um den Kindern standesgemäße Ausbildungen zu erwerben, ließen im letzten Drittel des Jahrhunderts das Bürgertum in Sachen Geburtenplanung zum Vorreiter werden. Doch für die übergroße Mehrheit der Bürgerinnen war es selbstverständlich, mit mehreren Geschwistern, wenn nicht gar in einer ganzen Geschwisterschar aufzuwachsen. In den Jugenderinnerungen verklärten sich die ersten Lebensjahre nicht selten zu einem fröhlichen, lauten und sorgenfreien Leben im Freien. Ich schaue in den Spiegel , erinnert sich die 1843 geborene, auf einem Gutshof auf Rügen aufgewachsene Franziska Tiburtius, und frage mich, ob ich das wirklich bin, jenes kleine braune Ding mit den fliegenden Zöpfen, wehendem Kleidchen und flinken Beinen, das wie ein getreuer Pudel hinter einer ganzen Schar Knaben und Mädchen herläuft, die über den Gutshof rasen, schreien, raufen, auf die Strohmiete klettern, hinunterrutschen, Versteck spielen. [...] (Ich) musste allerhand kleine Dienste tun, Kaninchen füttern, wenn die Großen nicht Zeit und Lust dazu hatten, musste Steine und Sand in der Schürze herbeitragen, zum Bau der großen Festung, die von den Jungen auf der Wiese hinter dem Garten errichtet wurde, musste auf passen, ob Herr Dalmer, der Hauslehrer, schon vom Ufer zurückgekommen war, weil man dann zum Unterricht anzutreten hatte, - und war froh, 'dabei' zu sein (Tiburtius, 1929, 21). Auch Elisabeth Kühne, die 1850 geborene Juristentochter, erinnert sich an sorgliche Überwachung bei denkbarster Bewegungsfreiheit, innige Verbundenheit mit Garten, Wiese, Wald, mit Blumen und Tieren. Eine drei Jahre ältere Schwester; der ein Jahr ältere Bruder [...] unzertrennlicher Kamerad in Schutz und Trutz, zu Friedenstaten und auf oft sehr energischen Kriegspfaden (Simon, 1928, 11). Und in ihren publizierten Kindheitserinnerungen schreibt sie: Wenn ich mir meine Kindheit vergegenwärtige und die der Großstadtkinder damit vergleiche, so kann ich mir nicht vorstellen, was aus mir geworden wäre ohne die Bewegungsfreiheit der köstlichen kleinen Ackerbürgerstadt und ohne die Beziehung zur Natur (Gnauck-Kühne, 1909/10, 126). Sie erwähnt aber auch die mütterlichen Stockhiebe, die Streitigkeiten zwischen den Geschwistern schlichten sollten. Und es ist merkwürdig, wie beredt ein stummer Stock sprechen kann (ebd. 128).

Ein naturnahes relativ freies Leben in ländlicher Umgebung genossen städtische Bürgerkinder seltener. Hier war der Erziehungsstil strenger und artete nicht selten in Drill aus. Das Kinderleben spielte sich unter Beobachtung der Kindermädchen und Gouvernanten fern von den Erwachsenen ab. Doch die mütterliche und väterliche Kontrolle war allzeit spürbar. Kinder im Hause sollten am besten unsichtbar, vor allem aber unhörbar se

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