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Blut und Eisen Wie Preußen Deutschland erzwang von Jahr, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.10.2020
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Blut und Eisen

Was am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles inszeniert wurde, war die wohl folgenreichste machtpolitische Revolution des 19. Jahrhunderts: die Gründung des deutschen Kaiserreiches. Während jahrhundertelang eine lose verbundene Ansammlung von Staaten der Mitte Europas ihr Gesicht gegeben hatte, war nun ein Nationalstaat entstanden, der durch seine Lage, Größe und wirtschaftliche Stärke den Kontinent nachhaltig veränderte. Wie konnte damals gelingen, woran zuvor Generationen gescheitert waren? Christoph Jahr erzählt die dramatischen Ereignisse neu, durch die Preußen Deutschland erzwang, und zeigt, wie die Reichsgründung bis heute fortwirkt.
«Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden ..., sondern durch Eisen und Blut.» So begründete Otto von Bismarck am 30. September 1862 im preußischen Abgeordnetenhaus die Notwendigkeit erhöhter Militärausgaben. Zehn Jahre später hatten die Waffen gesprochen - im Krieg gegen Dänemark 1864, im innerdeutschen Krieg zwischen Österreich und Preußen 1866 und schließlich im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Christoph Jahr lässt die Geschichte der Reichsgründung lebendig werden und zeigt, wie groß die Widerstände waren - von Außen, aber auch im Inneren. Dabei verbindet er die Ereignisgeschichte mit den großen Trends der Zeit und die Perspektive von oben mit den Erfahrungen von unten. Ob überzeugungstreue Liberale, entschiedene Konservative oder preußenkritische Süddeutsche: die zynische Machtpolitik Bismarcks fand viele Kritiker. Nichts war alternativlos und alles hätte anders kommen können. Doch die Art und Weise, wie Preußen Deutschland erzwang, hatte Konsequenzen, die bis heute spürbar sind.

Christoph Jahr lehrt Geschichtswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Er publiziert regelmäßig zu historischen Themen in der Neuen Zürcher Zeitung und anderen überregionalen Zeitungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 16.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406755439
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 4903 kBytes
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Blut und Eisen

«Ich erwachte aus meiner Vertiefung»

Zur Einleitung

Am Vormittag des 18. Januar 1871 war der Maler so sehr von der äußeren Erscheinung des sich vor ihm entfaltenden Spektakels gebannt, dass er beinahe dessen Höhepunkt verpasste. Ich «sah, daß König Wilhelm etwas sprach und daß Graf Bismarck mit hölzerner Stimme etwas Längeres vorlas, hörte aber nicht, was es bedeutete, und erwachte aus meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von Baden neben König Wilhelm trat».[1] Der Künstler, der König und Kanzler sprechen sah, sie aber nicht sprechen hörte, war Anton von Werner, dem wir das bis heute erinnerungsprägende Bildnis der Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles verdanken. In Schulbüchern hundertfach reproduziert, ist es die Ikone der Reichsgründung. Bärtige, uniformgeschmückte Männer haben, so sagt dieses Bild, zu Wege gebracht, woran Generationen davor gescheitert waren. Wo jahrhundertelang eine lose verbundene Ansammlung von Staaten, Stätchen und Städten der Mitte Europas ihr Gesicht gegeben hatte, war beinahe über Nacht ein Nationalstaat entstanden, der durch seine Lage, Größe und wirtschaftliche Stärke den Kontinent nachhaltig veränderte. Doch es waren nicht nur eine Handvoll adliger Männer in Uniform, die die Reichsgründung vollbracht hatten. Jene, die auf dem Werner'schen Bild fehlen, die Frauen, die Zivilisten, die Politiker, die Dichter, die Friedfertigen, die Machtlosen und die Armen: Sie fehlten nicht in der Geschichte selbst. Dieses Buch bringt ihre Stimmen zu Gehör.

Abb. 1: Die «Kaiserproklamation» am 18. 1. 1871, gemalt von Anton von Werner: Ein Propagandabild prägt das Geschichtsbewusstsein. Was wird gezeigt, was nicht, wer fehlt?

Von Werners Gemälde lieferte die Bildikone der Reichsgründungszeit. Otto von Bismarcks donnernde Worte aus seiner ersten Rede als preußischer Ministerpräsident am 30. September 1862 vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses sind so etwas wie die Sprachikone dieser Zeit. Nicht durch Reden würden «die großen Fragen der Zeit entschieden», hatte er den Abgeordneten entgegengeschleudert, «sondern durch Eisen und Blut». Schon die Zeitgenossen machten daraus häufig «Blut und Eisen», und heute ist diese sprachlich gefälligere Version bekannter als Bismarcks ursprüngliche Worte.[2] Doch die deutsche Nationalstaatsgründung, so gewalttätig sie verlief, war keineswegs nur aus «Blut und Eisen» modelliert. Ohne die großen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, die Industrialisierung, die neuen technischen Erfindungen, den Nationalismus als vorherrschende Gesellschaftsideologie und soziale Praxis, ist nicht zu verstehen, was vor 150 Jahren geschah.

Vordergründig entschieden die großen Männer; so wurde die Geschichte lange erzählt. Doch es ist eine alte Erkenntnis des Zeitgenossen der Reichsgründung, Karl Marx, dass Menschen ihre Geschichte machen, freilich nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter vorgefundenen Umständen. Die Reichsgründungszeit war ein Abschnitt der Geschichte, in dem sich diese vorgefundenen Umstände in hohem Tempo veränderten, sich jahrzehntelang abzeichnende Umwälzungen in oft dramatischen, gewaltsamen Ereignissen verdichteten.

Und die Öffentlichkeit war dabei, denn Kriegsberichterstatter, Korrespondenten, Maler, Zeichner und die ersten Photographen hielten ihre Eindrücke fest; in schnell geschriebenen Tagesberichten und eilig aufs Papier geworfenen Skizzen, in kunstvoll komponierten Reportagen und Historiengemälden und in grobkörnigen Photographien. Viele bekannte Chronisten werden uns durch diese Jahre begleiten. Das «einfache Volk» hatte es schwer, seine Meinung kundzutun; doch sooft es geht, soll es hier ebenfalls zu Wort kommen. Die An

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