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De Sade oder Die Vermessung des Bösen von Reinhardt, Volker (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.07.2014
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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De Sade

War der Marquis de Sade (1740-1814) ein Sadist, Verbrecher und Geisteskranker oder ein Aufklärer, ja ein Vorkämpfer gegen Triebunterdrückung und scheinheilige Moral? Der Historiker Volker Reinhardt legt in dieser ersten seriösen De-Sade-Biographie seit mehr als zwei Jahrzehnten das wahre Leben des südfranzösischen Adeligen hinter den zahlreichen Mythen und Bildern frei. Er beschreibt die freigeistige, ausschweifende Jugend des schönen Marquis, seine ersten Experimente mit unschuldigen Opfern, die lange Zeit der Flucht und Gefangenschaft, sein Engagement in der Französischen Revolution und schließlich seine letzten Jahre in einem Irrenhaus. Besonderes Augenmerk gilt dabei den philosophischen Romanen de Sades, in denen Männer und Frauen auf abgelegenen Schlössern sexuelle Konstellationen testen, auf grausamste Weise die moralische Widerstandskraft ihrer Opfer auf die Probe stellen, dabei über die Natur des Menschen räsonieren und so in Wort und Tat das Böse vermessen. Am 2. Dezember 1814 starb de Sade, aber die Erinnerung an ihn ließ sich nicht auslöschen. In einem eindrucksvollen Schlusskapitel zeigt Volker Reinhardt, wie der 'göttliche Marquis' von der Psychoanalyse über Nietzsche und die Kritische Theorie bis hin zu Surrealismus und Existentialismus zu einer Schlüsselgestalt der Moderne geworden ist.

Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Bei C.H.Beck erschienen von ihm u.a. die erfolreichen Biographien 'Alexander VI. Borgia' (2. Auflage 2011) sowie 'Machiavelli oder Die Kunst der Macht' (Paperback-Ausgabe 2014), für die er mit dem Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung ausgezeichnet wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 464
    Erscheinungsdatum: 15.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406665165
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 9598kBytes
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De Sade

EINLEITUNG

Rätsel de Sade

Prophet des Grauens

Eine lieblichere Landschaft muss man lange suchen: Von den sanft geschwungenen Weinbergen beim Dörfchen Gargas aus schweift das Auge in südlicher Richtung über den ebenmäßigen Höhenzug des Lubéron mit seinen immergrünen Steineichen. In seinem Schatten fand der Schriftsteller und existenzialistische Philosoph Albert Camus seine letzte Ruhestätte. Für Camus bewahrt der Mensch seine Würde in seinem aussichtslosen Kampf gegen ein blindes Schicksal. Sein Grab auf dem Friedhof von Lourmarin ist ein Anziehungspunkt für Bildungstouristen. Vorlieben für leichtere literarische Kost führen Besucher in hellen Scharen nach Ménerbes. Die Wohlfühl-Romane des dort zeitweise ansässigen Peter Mayle zeichnen das hinreichend bekannte Bild der Provence aus Lavendelduft, Grillengezirp und Ferienflirts. Ähnliche Angebote machen die Kleinstadt Roussillon mit ihren Ockerbrocken zum Mitnehmen und die Gemeinde Bonnieux mit ihrem Käse- und Gemüsemarkt. Liebhaber des Verwunschenen kommen in Oppède-le-Vieux, dem efeuüberwucherten Ruinenstädtchen am Fuß des "kleinen Lubéron", auf ihre Kosten, in dem die Zeit mit den letzten Auswanderern vor etwa zweihundert Jahren stehen geblieben zu sein scheint. Weiter westlich wird es dann noch viel weihevoller: An der geheimnisvollen Fontaine de Vaucluse, wo ein Fluss aus dem Schoße der Felsen entspringt, grübelte, klagte und dichtete in bukolischer Abgeschiedenheit Francesco Petrarca, mit dem der europäische Humanismus seinen Anfang nahm. Ganz auf den Spuren der antiken Schriftsteller, deren elegantes Latein und Lebensgefühl er sich anzueignen versuchte, bestieg er - in Gedanken oder zu Fuß, diese Kontroverse ist bis heute offen - im April 1336 den fast 2000 Meter hohen Mont Ventoux, dessen kahle Kalkkuppe im Norden die ganze liebliche Szenerie überragt. Im nahe gelegenen Avignon, das Petrarca als Sitz des französisch beherrschten Papsttums und somit als Hort aller Laster brandmarkte, sah dieser - sei es mit irdischen Augen, sei es rein spirituell - am 6. April 1327 Laura, die er als Idealbild holdester und himmlischer Weiblichkeit in seinem lyrischen Werk verklärte.

Neben dem Schloss von Lacoste erinnern zwei Plastiken an dessen berühmtesten Herrn. In dem Gefängnisfenster mit dem schönen Kopf dahinter ist leicht der Marquis de Sade in seinen Kerkern zu erkennen. Das lang geschwungene Horn, das in Hände mündet, verlangt den Besuchern schon mehr ab: Soll es die Kraft des Animalischen zeigen, das in de Sade schlummerte und in seinen mit emsiger Hand niedergeschriebenen Texten bleibenden Ausdruck fand?

So viel Kulturglanz und Harmonie stört nur ein Name: Marquis de Sade! Der 1740 geborene Spross einer provenzalischen Adelsfamilie gilt bis heute als der berüchtigtste Schriftsteller aller Zeiten; auch seine eigene Lebensgeschichte ist reich mit düsteren Fakten und noch viel dunkleren Legenden durchwirkt. Trotzdem oder gerade deshalb haben seine Schriften, die bis vor wenigen Jahrzehnten verboten und nur heimlich, unter dem Ladentisch, erhältlich waren, Literatur und bildende Kunst der Folgezeit, vor allem im 20. Jahrhundert, entscheidend beeinflusst. Obwohl de Sade in Paris zur Welt kam, gehört die liebreizende Landschaft zwischen Avignon und Apt auch zu ihm. Er hat sie sich angeeignet, so wie er Petrarcas Laura zu seiner Lebensbegleiterin machte. Am engsten mit ihm verbunden ist Lacoste. Wer ohne Vorwissen durch die steilen Straßen dieses grauen Dorfes bis zur Hügelkuppe mit den kahlen Mauern des alten Herrensitzes emporsteigt, wird mit befremdlichen Zeichen konfrontiert. Neben dem kürzlich wieder aufgebauten F

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