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Ein König wird beseitigt Ludwig II. von Bayern von Häfner, Heinz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.12.2011
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
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Ein König wird beseitigt

Es gibt wahrscheinlich keinen neuzeitlichen Herrscher, dessen Leben und tragisches Ende von so vielen Legenden umrankt ist, wie Ludwig II. von Bayern (1845-1886). Aus verfassungsrechtlichen Gründen und bislang nur teilweise offengelegten Motiven hatte Prinz Luitpold, der spätere Regent, die bayerische Regierung gewonnen, an einem Entmündigungs- und Absetzungsverfahren gegen den König mitzuwirken. Bernhard von Gudden lieferte das von ihm erwartete Expertenurteil: unheilbare Paranoia, Geistesschwäche und dauernde Regierungsunfähigkeit. Prinz Luitpold ermächtigte den Psychiater, den König festzunehmen und auf Schloss Berg - unbefristet - zu internieren. Zwei Tage später, am 13. Juni 1886, ertrank der König zusammen mit von Gudden im Starnberger See. Im vorliegenden Buch kommt der renommierte Psychiater Heinz Häfner zu dem Schluss, dass der König weder nach den damals geltenden Kriterien noch nach einer mit Mitteln moderner Neurowissenschaft durchgeführten Analyse an einer Geisteskrankheit (Psychose) gelitten hat. Ludwig II. war weder wahnsinnig noch geistesschwach. Das Machtentzugsverfahren, dessen Opfer er wurde, hat Vorbilder und Parallelen im 19. Jahrhundert. Das dafür erforderliche Instrumentarium bot die junge, im 19. Jahrhundert heranwachsende medizinische Disziplin der Psychiatrie. Sie ersetzte mit dieser noch keineswegs besonders humanen Maßnahme die härteren Methoden früherer Tage wie Tötung, Kerker oder Verbannung. 9 Abbildungen können aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht im E-Book angezeigt werden. Heinz Häfner, Dr. med. Dr. phil., Dr. h.c. mult., ist em. Professor für Psychiatrie der Universität Heidelberg und ehem. Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit. Für seine Forschungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 544
    Erscheinungsdatum: 13.12.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406617850
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 5614 kBytes
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Ein König wird beseitigt

1. KAPITEL

Persönlichkeitsbildung

Um die angebliche Krankheit Ludwigs, sein Thronverständnis und Verhalten verlässlich einzuordnen, ist es notwendig, seine familiär-dynastische Herkunft und politische Tradition,[ 1 ] seinen Lebenslauf, seine Persönlichkeit sowie alle relevanten Informationen, die sein Welt- und Selbstverständnis, seine körperliche und seelische Gesundheit betreffen, zu analysieren, soweit es die Quellen zulassen. Dieses Kapitel wird den Versuch unternehmen, zentrale Einflüsse auf Ludwigs Persönlichkeitsentwicklung und seine wesentlichen Persönlichkeitszüge zu skizzieren.
Geburt und Aufwachsen

Ludwig II. wurde am 25. August 1845 in Schloss Nymphenburg als ältester Sohn des bayerischen Königs Max II. (1811 - 1864) und der 1825 geborenen Königin Marie, Tochter des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, geboren (Abb. 1).

Weil er am Geburtstag und zur Geburtsstunde seines darüber hocherfreuten Großvaters, König Ludwigs I., zur Welt gekommen war, bot dieser sich als Taufpate und Namensgeber seines ersten Enkels an.[ 2 ] Die Entbindung soll nach handschriftlichen Aufzeichnungen des Hofarztes Dr. Gietl wegen eines engen Beckens der Mutter sehr schwer gewesen sein und zehn Stunden gedauert haben.[ 3 ] Die ärztliche Betreuung der Schwangeren trug Dr. Gietl den persönlichen Adel durch Ludwig I. ein. Der Säugling gedieh gut, bis er im März 1846 im Alter von sieben Monaten nach seiner Amme, die in wenigen Tagen daran verstarb, an einer akuten eitrigen Meningitis erkrankte.[ 4 ]

Die ausgedehnten narbigen Veränderungen der Hirnhäute über den vorderen Abschnitten des Großhirns, die er davongetragen hatte, waren die Ursache der chronischen Kopfschmerzen, vermutlich auch der Schlafstörungen, unter denen Ludwig lebenslang zu leiden hatte (s. Kapitel 13: "Der Beitrag von Schädel- und Hirnsektion zur Erklärung der Krankheit Ludwigs II.").

1 Die königliche Familie mit den beiden Kindern, Otto und Ludwig, Lithographie von]. Woelffle nach einer Zeichnung von Erich Correns, 1850

Diese Abbildung kann aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht im eBook angezeigt werden.

2 Erbprinz Ludwig mit Bilderbuch, Aquarell von Ernst Rietschel, 1847

Von einzelnen Biographen werden Entwicklung und Persönlichkeit Ludwigs II. aus nicht objektivierbaren psychoanalytischen Interpretationsmustern erklärt.[ 5 ] Davon wollen wir, ohne über ihre Validität zu urteilen, aus Gründen der Methode Abstand nehmen. Wir werden versuchen, unsere Analyse durch beobachtbare und belegbare Fakten zu stützen.

Am 15. November 1845, kaum drei Monate alt, wird Ludwig der Titel Erbprinz zuteil. 1848, im Alter von fast drei Jahren, wird er durch die Abdankung seines Großvaters und die Thronbesteigung seines Vaters Kronprinz.[ 6 ]

Ludwigs Eltern, so wird von mehreren Zeugen, vor allem von dem lange in einer Vertrauensstellung tätigen Kabinettssekretär Franz von Pfistermeister, geurteilt, hätten nicht nur seine und die seines jüngeren Bruders, Prinz Ottos, Erziehung vernachlässigt, sondern auch versäumt, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen - ein Versäumnis, das in vergleichbaren Herrscherhäusern eher die Regel als die Ausnahme gewesen sein dürfte. Ludwig II. soll deshalb als Erwachsener seinen Eltern mit Kälte und Hass gegenübergestanden haben. Ein bildhafter Aspekt dieser Behauptung, "Hass auf die Eltern", wird durch Trauminhalte des Königs begründet, die in das psychiatrische Gutachten über die Regierungsfähigkeit des Königs Eingang gefunden haben (s. Kapitel

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