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Gefühlspolitik Friedrich II. als Herr über die Herzen? von Frevert, Ute (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.11.2012
  • Verlag: Wallstein Verlag
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Gefühlspolitik

Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen am 24. Januar: die Anfänge moderner Gefühlspolitik im aufgeklärten Absolutismus. Durch Liebe, nicht durch Furcht und Gehorsamszwang sollte der König regieren. So bestimmte es die (früh)moderne Staatstheorie. Schon Friedrich II. von Preußen (1712-1786) wusste, dass es nicht ausreicht, über die Körper der Untertanen zu herrschen. Auch ihre Herzen wollen erobert werden. Doch die Geschichtsschreibung berichtet, dass Friedrich der Große weder mild noch sanft mit seinen Untertanen umging. Ute Frevert analysiert das Herrschaftsverständnis Friedrichs ebenso wie dessen gefühlspolitische Praktiken. Sie zeigt, mit welchen Mitteln der aufgeklärt-absolutistische König die Zustimmung und Zuneigung derjenigen suchte, die seiner Herrschaft unterworfen waren. Dieses Interesse machten sich die Untertanen zunutze: Sie stellten Bedingungen, formulierten Erwartungen und reagierten enttäuscht, wenn der König darauf nicht einging. Die Historikerin zeigt, dass Herrschaftskommunikation in zwei Richtungen verläuft, und das nicht erst in der heutigen Mediengesellschaft. Im 18. Jahrhundert entdeckt Frevert die Ansätze einer Gefühlspolitik, die ihre Spuren in der Moderne hinterlassen haben.

Ute Frevert, geb. 1954, Historikerin. Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Berlin. Professuren an der Yale University sowie an den Universitäten Bielefeld, Konstanz und Berlin. Veröffentlichungen u.a.: Emotions in History - Lost and Found (2011), Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland (2001); 'Mann und Weib, und Weib und Mann'. Geschlechter-Differenzen in der Moderne (1995); Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft (1991). Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. 1998 erhielt sie den Leibniz-Preis der DFG.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 152
    Erscheinungsdatum: 26.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835322387
    Verlag: Wallstein Verlag
    Größe: 2785 kBytes
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Gefühlspolitik

II. Formierungen des Gemüts: Die Gefühlserziehung eines Königs

In den Briefen über Don Carlos erläuterte Schiller 1788, es sei ihm darum gegangen, "einen Fürsten aufzustellen, der das höchste mögliche Ideal bürgerlicher Glückseligkeit für sein Zeitalter wirklich machen sollte". Was er nicht zeigen wollte und konnte, war, wie der Fürst zu diesem Zweck erzogen wurde und wie er "Hand anleg[te]", denn das hätte die "engen Grenzen eines Trauerspiels überschritten". 24 Da die Grenzen eines Buches weiter gefasst sind, kommen hier zunächst die Gefühlserziehung des preußischen Königs und dann die Praktiken zur Sprache, die seine Gefühlspolitik kennzeichneten. Ob sie allerdings tatsächlich dazu dienten, Schillers "Ideal bürgerlicher Glückseligkeit" zu verwirklichen, wird sich zeigen.
Honnêteté

Das 18. Jahrhundert trägt nicht nur den Beinamen der Aufklärung. Es gilt auch - und wusste sich dadurch der Aufklärung verpflichtet - als pädagogisches Jahrhundert. Erziehung und Bildung hatten nicht nur auf dem Papier und in den Köpfen maßgeblicher "Erneuerer" einen hohen Stellenwert, sondern auch in der Praxis, bis hinunter zu den Elementarschulen in Stadt und Land. 25 Erzogen wurden die Kinder der Bauern und Bürger, aber auch und vor allem die Zöglinge des Adels und die Sprösslinge aus fürstlichem Haus. Schon in jungen Jahren kamen Letztere in die Obhut sorgfältig ausgewählter Erzieher, die sie auf ihre Rolle als künftige Monarchen vorbereiteten.

Als der preußische König Friedrich Wilhelm I. seinen sechsjährigen Sohn Friedrich 1718 dem Feldmarschall von Finckenstein und dem Oberst von Kalckstein überantwortete, gab er ihnen eine Instruktion mit auf den Weg, die die Ziele und Methoden der Prinzenerziehung exakt festschrieb. In weiten Teilen ähnelte sie den Anweisungen, die seine eigene Kindheit und Jugend geprägt hatten, bis in den Wortlaut hinein. Gleich zu Beginn war davon die Rede, wie wichtig es sei, "daß das Gemüth, woraus alle menschliche Handlungen herfließen, der Gestalt formirt werde, daß es von der ersten Jugend an, eine Lust und Hochachtung zur Tugend, hergegen einen Abscheu und Eckel vor die Laster bekomme". Dazu verhelfe "wahre Gottesfurcht" sowie "Begierde zum Ruhme, Ehre und zu der Bravour". Bevor er jene Begierde ausbilde, solle der Kronprinz allerdings "erst den Ruhm, daß er ein honnête homme ist, erwerben". 26

Das Ideal des honnête homme , wie es seit dem 16. Jahrhundert entworfen wurde, erfreute sich in den Kreisen des europäischen höfischen Adels großer Beliebtheit. Wie 1528 in Baldassare Castigliones Buch vom Hofmann ausgewiesen, beinhaltete es eine allgemeine Bildung, Weltgewandtheit, gute Umgangsformen und die Fähigkeit zu geistreicher Konversation. Anstatt dem ritterlichen Heldenideal früherer Zeiten nachzueifern, sollte sich der honnête homme in den schönen Künsten auskennen und geistigen Genüssen frönen, vorzugsweise in ländlicher Abgeschiedenheit und fern von den Intrigen der Hofgesellschaft. Mit dieser Haltung verbanden französische Moralisten wie Michel de Montaigne oder François de La Rochefoucauld eine tiefe, historisch und anthropologisch informierte Skepsis gegenüber den Geltungsgrundlagen von Macht und Gesetz. Weder Vernunft noch Gerechtigkeit, argwöhnten sie, führe Letzteren die Feder, sondern schierer Zufall oder bloße Gewohnheit. Auch die landauf, landab gepriesenen Tugenden seien häufig nichts anderes als verkappte Laster und leiteten sich fast immer aus egoistischen Motiven ab. 27

Es ist unwahrscheinlich, dass Friedrich Wilhelm I. diese skeptischen Reflexionen kannte. Vermutlich brachte er auch für die schöngeistigen Anteile einer Erziehung zur honnêteté wenig Interesse auf. 28 Aber da sie nun einmal zum adligen Bildungsprogramm zählten (und seine Gattin d

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