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Talleyrand Virtuose der Macht 1754-1838 von Willms, Johannes (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.02.2013
  • Verlag: C. H. Beck Verlag
eBook (ePUB)
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Talleyrand

"Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen" - so ließ der wohl berühmteste Diplomat der Weltgeschichte einmal den spanischen Gesandten wissen, als dieser ihn an ein nicht eingehaltenes Versprechen erinnerte. Johannes Willms geht in seinem neuen Buch dem rätselhaften Genie jenes Mannes nach, der es mit unnachahmlicher Geschmeidigkeit verstand, in sechs verschiedenen Regimen sechsmal eine führende Rolle einzunehmen und das vollständig besiegte Frankreich ohne die geringste Gebietsabtretung durch den Wiener Kongress zu lotsen. Talleyrands Opportunismus mit seinen geradezu mythischen Dimensionen hat ihm bis heute bei den Historikern eine schlechte Presse und heftige moralische Verurteilungen eingetragen. Anders als das gängige Bild vom skrupellosen Verräter portraitiert Willms' neue Biographie Talleyrand erstmals jenseits aller Klischees als Phänotyp seiner Zeit - einer Epoche gewaltiger sozialer und politischer Umbrüche, von der seine hochadlige Gesellschaftsschicht besonders stark betroffen war.
Johannes Willms ist Historiker und Leitender Redakteur der "Süddeutschen Zeitung". Er hat vielbeachtete Werke vor allem zur französischen Geschichte vorgelegt, darunter Biographien Napoleons, Balzacs und Stendhals.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 12.02.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406650666
    Verlag: C. H. Beck Verlag
    Größe: 5971kBytes
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Talleyrand

Erstes Kapitel

Der Klumpfuß ist das Schicksal

D as Porträt Talleyrands, das Benjamin Constant im Januar 1815 entwarf, beginnt mit der Feststellung: "Was den Charakter von M. de Talleyrand entschied, waren seine Füße. Sobald seine Eltern erkannten, dass er hinkte, fassten sie den Entschluss, ihn für den geistlichen Stand zu bestimmen, während sein (jüngerer) Bruder der künftige Chef der Familie sein sollte. Verletzt, aber in sein Schicksal ergeben, nahm M. de Talleyrand das Priestergewand wie eine Rüstung an und warf sich auf diese Laufbahn, um daraus irgend einen Gewinn für sich herauszuschlagen."[ 1 ]

Benjamin Constant übernahm damit eine Deutung, die grundlegend ist für die Legende, mit der Talleyrand zeitlebens seine Kindheit umgab. Talleyrand war davon überzeugt, dass die in den ersten Jahren gemachten Erlebnisse einen unauslöschlichen Einfluss auf sein weiteres Leben ausgeübt hatten, wie er Claire de Rémusat gegenüber bemerkte. "Verriete ich Ihnen, wie meine Jugend verlief, würden Sie sich weit weniger über viele Dinge wundern."[ 2 ] Schon vor der Darstellung in seinen Memoiren, mit deren Aufzeichnung er im Sommer 1812 begann,[ 3 ] hatte er wiederholt Vertrauten vom Unglück seiner frühen Jugend erzählt. So etwa Etienne Dumont, dem Sekretär Mirabeaus, mit dem er während seines Aufenthalts in London 1792 Umgang pflegte.[ 4 ] Damals wie später stufte Talleyrand die Verkrüppelung seines rechten Fußes als das schicksalhafte Verhängnis ein, das sein Leben wie nichts sonst beeinflusst habe. Diese Behinderung sei die Ursache dafür gewesen, dass die Eltern ihm als Kind nur mit Gefühlskälte und Ablehnung begegneten, ihn seiner Vorrechte als Erstgeborener beraubt und für die Priesterlaufbahn bestimmt hätten, für die er keinerlei Berufung empfunden habe.

Seine Schilderung einer von Lieblosigkeit gekennzeichneten Kindheit schloss Talleyrand mit einem Eingeständnis, das an die Empathie appellierte und das eine plausible Deutung seiner charakterlichen Entwicklung liefern sollte. "Sie sehen, dass ich in dieser Situation nur die Wahl hatte, entweder vor Kummer zu sterben oder mich derart zu betäuben, dass ich kein Empfinden mehr dafür hatte, was mir vorenthalten wurde. Ich entschied mich also für die Betäubung, aber ich will Ihnen gerne zugeben, dass ich mich damit irrte. Vielleicht wäre es besser gewesen, zu leiden und mir damit meine Fähigkeiten zu empfinden, zu bewahren. Tatsächlich hat mich diese seelische Unbekümmertheit, die Sie mir vorwerfen, selbst oft angewidert. Ich habe die anderen nicht wirklich geliebt. Aber das gilt auch für mich selber, denn ich habe niemals ein ausgeprägtes Interesse für mich empfunden."[ 5 ]

In den Memoiren beschied sich Talleyrand bei der Schilderung seiner Kindheit damit, diese geradezu lakonisch abzuhandeln. Vor allem das verschaffte der Legende seines von Lieblosigkeit bestimmten Aufwachsens den Anschein einer Stimmigkeit, die fast alle Biographen für bare Münze nahmen. Sie wähnten, darin den Schlüssel für das Rätsel dieses höchst widersprüchlichen und wechselvollen Lebens zu erkennen. Das dürfte den Absichten Talleyrands entsprochen haben. Im Juli 1830, als die von ihm maßgeblich initiierte bourbonische Restauration in Agonie lag, eröffnete er einem Besucher, dem Baron Vitrolles, den bislang verschwiegenen Plan, seine Memoiren vorzulegen, wobei er ihm die Frage stellte: "Ist Ihnen, wenn Sie die unterschiedlichen Epochen durchmustern, aufgefallen, dass man immer auf einen Mann trifft, der, dank einer besonderen Übereinstimmung zwischen seinem Charakter und dem seiner Ze

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