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Vilnius Geschichte und Gedächtnis einer Stadt zwischen den Kulturen

  • Erscheinungsdatum: 04.10.2010
  • Verlag: Campus Verlag
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Vilnius

Litauens Hauptstadt Vilnius wurde im 20. Jahrhundert zum Brennpunkt sozialer und nationaler Revolutionen, von Kriegen und Besatzungen. Insbesondere seit der politischen Unabhängigkeit im Jahr 1991 begann sich die Stadt neu in Europa zu verorten und ihre Geschichte neu zu entdecken. Bereits seit Jahrhunderten ist die Stadt ein Erfahrungsraum verschiedener Kulturen. Spuren vergangener Lebenswelten und Identitäten zeigen sich bis heute in der Vielfalt der städtischen Architektur und Topografie. So gibt es neben dem litauischen das polnische und das jüdisch-jiddische, das russische und das weißrussische Vilnius: Orte, die von verschiedenen nationalen und konfessionellen Gruppen in Besitz genommen wurden. Die Autorinnen und Autoren des Bandes nehmen uns mit auf eine Entdeckungsreise und zeigen uns Vilnius in seiner historischen und kulturellen Vielfalt. Anschaulich vermitteln sie, wie sehr Gegenwart und Zukunft der Stadt mit den historischen Erfahrungen verwoben sind.

Martin Schulze Wessel ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Irene Götz ist dort Professorin für Europäische Ethnologie. Ekaterina Makhotina, M. A., ist Historikerin am Collegium Carolinum in München.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 248
    Erscheinungsdatum: 04.10.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593415673
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 5203 kBytes
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Vilnius

" IV. Spuren und Leerstellen der sowjetischen Ära in Vilnius (S. 155-156)

Nataliya Aleksenko, Carol Marmor

Geht man aus der Altstadt von Vilnius zum Fluss Vilnia, kommt man zur Grünen Brücke (Zaliasis tiltas). Schon aus der Entfernung fallen die vier massiven Skulpturen auf, die auf beiden Seiten jede Ecke der Brücke schmücken. Es sind vier verschiedene zentrale Motive des sozialistischen Realismus: Auf der einen Seite des Flusses tragen ein Bauer und eine Bäuerin, voller Zuversicht in die Zukunft blickend, ein Bündel Getreide. Gegenüber stehen Arbeiter, welche die Industrie symbolisieren sollen. Auf der anderen Seite des Flusses stehen zwei Soldaten der Roten Armee.

An der vierten Ecke der Brücke wird der herausragenden Bedeutung von Erziehung, die im sozialistischen Staat einen "neuen Menschen" hervorbringen sollte, durch eine Lehrerin und einen Lehrer gehuldigt. Die Grüne Brücke schlägt an der Stelle einen Bogen über den Fluss, an der auch die allererste Brücke in Vilnius im 16. Jahrhundert gebaut wurde. Seit 1991 drängt Litauen als unabhängiger Staat und inzwischen auch als EU-Mitglied in eine moderne, marktwirtschaftlich orientierte Zukunft. Heute verbindet die Brücke die Altstadt mit einem Stadtviertel, das von gläsernen Bürotürmen geprägt ist (Abb. 58).

Die neue Skyline von Vilnius macht die Entwertung der sowjetischen Vergangenheit augenfällig. Alle politischen Revolutionen und Umbrüche erfordern eine Neubewertung der Vergangenheit. So grenzte man sich auch in Litauen nach der Erringung der Unabhängigkeit von der sowjetischen Vergangenheit ab und definierte dadurch die neue demokratische, nationale Ordnung. In der Stadt waren jedoch die Spuren von fünf Jahrzehnten der Zugehörigkeit zur sowjetischen Hemisphäre nicht einfach zu löschen: Was sollte mit den Denkmälern, Museen und Gedenkstätten, aber auch mit den Verwaltungsgebäuden, Kulturzentren und Wohnhäusern aus der Sowjetzeit geschehen? Zu den vielfältigen architektonischen Facetten von Vilnius gehören nicht nur die barocken Kirchen und Bürgerhäuser, sondern auch Straßenzüge, Theater, Restaurants mit unverkennbar sowjetischer Ästhetik.

Die materielle Kultur der Stadt ist nur die sichtbare Oberfläche, an der die Kontinuitäten und Brüche der litauischen Identitätsfindungen sichtbar werden. Auch die Erzählungen über die Vergangenheit der sowjetischen Zeit unterliegen der Neubewertung. Für die Umdeutung der Zeitgeschichte bedeutete vor allem die öffentliche Diskussion des Hitler-Stalin-Paktes vom 23. August 1939 eine Zäsur, denn mit diesem Pakt hatten die beiden Diktatoren Ostmitteleuropa unter sich aufgeteilt. Litauen sollte wie die anderen baltischen Staaten für 40 Jahre unter sowjetische Herrschaft fallen.

In sowjetischer Zeit war die öffentliche Diskussion über den Pakt mit seinen "geheimen Zusatzprotokollen" nicht möglich, stand die Geschichte der Komplizenschaft von Hitler und Stalin doch im Widerspruch zur offiziellen Geschichtserzählung über die "brüderliche Hilfe" des Sowjetstaates für Litauen. Mit der Intervention der Roten Armee, so wollte es der sowjetische Geschichtsmythos, wurden nicht nur die NS-Invasoren ferngehalten, sondern auch ein nationales Wunschziel der Litauer erfüllt: Nach der Eroberung des polnischen Wilnos durch die Rote Armee im September 1939 wurde die Stadt aufgrund des sowjetisch-litauischen Beistandspakts vom 10. Oktober 1939 an Litauen übergeben."

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