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Weggesperrt Warum Tausende in der Schweiz unschuldig hinter Gittern sassen von Strebel, Dominique (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.01.2013
  • Verlag: Beobachter-Edition
eBook (ePUB)
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Weggesperrt

Wer nicht "recht tat", wurde eingesperrt - ohne Gerichtsurteil. Die Beobachter-Spurensuche zu den administrativ Versorgten - einem dunklen Kapitel Schweizer Geschichte. Die 17-jährige Ursula Biondi muss ihr Baby in einem Gefängnis zur Welt bringen, und nur dank ihres erbitterten Widerstands kommt es nicht zur Zwangsadoption. Als der Beobachter diesen Fall aufdeckte, meldeten sich Dutzende weiterer Opfer - Frauen und Männer: Sie alle waren ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis oder in eine Arbeitsanstalt gesteckt worden, administrativ versorgt, wie das damals hiess. Tausende waren betroffen, so schätzt man heute. Behördliche Stempel wie "Unsittlicher Lebenswandel", "Liederlichkeit" oder "arbeitsscheu" genügten für eine Einweisung; wer sich nicht benahm wie erwartet, wurde ohne gerichtliches Urteil eingesperrt. Eine gängige Praxis bis 1981. Die Beobachter-Spurensuche gibt den Betroffenen ein Gesicht, dokumentiert ihren Weg zur Rehabilitierung und fragt, wie sich die Ungerechtigkeiten wiedergutmachen lassen. So entsteht das Bild eines dunklen Kapitels Schweizer Geschichte, das noch nicht lange der Vergangenheit angehört.

Dominique Strebel ist Jurist und hat bis Juni 2012 als Redaktor beim Beobachter gearbeitet. Heute ist er Studienleiter am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 15.01.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783855697113
    Verlag: Beobachter-Edition
    Größe: 3442 kBytes
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Weggesperrt

Einleitung

Warum Sie dieses Buch lesen müssen, wieso ein Blankocheck für Gerechtigkeit nichts taugt und weshalb "Lamentos" von ehemaligen Opfern einen Sinn haben.

"Solche Zustände! Hier in der Schweiz? Undenkbar!"

Ach Gott, Schicksalsgeschichten! Diese ewigen Lamentos von ehemaligen Opfern. All die Geprügelten, Missbrauchten, Verdingten, die in grauer Vorzeit einmal von bösen Behörden drangsaliert wurden. Deckel drauf, Schwamm drüber, Blick nach vorn.

Es gibt genug aktuelle Probleme. Die Gesellschaft muss die Jugendgewalt in den Griff kriegen, diese 14-Jährigen zähmen, die wahllos Leute verprügeln. Und den Lehrern den Rücken stärken, die überfordert sind mit Schülern, die zu Hause weder Anstand noch Respekt lernen. Und die Sozialversicherungen und die Sozialhilfe müssen auch reformiert werden. Wieso brauchts da ein Buch über "administrativ Versorgte"?

Weil sich die Behörden von damals mit den genau gleichen Problemen herumgeschlagen haben. Ihr Rezept hiess: administrative Versorgung. Bis 1981 wurden auffällige Jugendliche schon in Gefängnisse und geschlossene Heime eingewiesen, bevor sie überhaupt eine Straftat begehen konnten. Das war die damalige Präventivlösung für Jugendkriminalität.

Disziplinprobleme in der Schule? Wer damals auffällig tat und vielleicht auch zu Hause mit den Eltern Probleme hatte, kam nicht selten zur Erziehung ins Gefängnis.

Überschuldete Sozialversicherungen? So weit liess man es früher gar nicht kommen. Wer arm war, war selber schuld. Wer keine Stelle hatte, kam in eine Arbeitserziehungsanstalt. Fertig. Basta. Administrativ versorgt.

Diese Entscheide durften Schreiner, Hausfrauen oder Lehrer fällen. Am Feierabend als Gemeinderäte, in Vormundschaftsbehörden. Als demokratisch gewählte Stimme des Volkes. Und kein Gericht redete drein. Da faselte man noch nicht von Grundrechten, von Rechtsstaat und so.

"Läck, war ich geschockt", schrieb eine 20-jährige Leserin, als der Beobachter vor zwei Jahren über diese Praxis berichtete. "Solche Zustände? Hier in der Schweiz? Undenkbar!"

Ja, solche Zustände hier in der Schweiz - und zwar nicht im fernen Mittelalter, sondern noch vor weniger als 30 Jahren. Tausende unschuldige Männer und Frauen wurden von Armeninspektoren, Vormundschaftsbehörden oder Jugendämtern in Gefängnisse und andere geschlossene Anstalten gesteckt, weil sie als liederlich, arbeitsscheu oder schwererziehbar galten. Straftaten hatten die Weggesperrten keine begangen.

Diese Menschen sind heute zwischen 45 und 65 Jahre alt. Sie sind erfolgreiche Informatikdozentinnen wie Ursula Biondi, Druckerinnen wie Gina Rubeli oder selbständige Baumaschinenmechaniker wie Christoph Pöschmann. Und sie melden sich in diesem Buch zu Wort. Sie klagen an. Sie wollen eine Entschuldigung dafür, dass man sie ins Gefängnis geworfen hat, ohne dass sie je straffällig geworden wären. Und sie wollen, dass man das Stigma "Straftäterin/Straftäter" für immer von ihnen nimmt.

Damals faselte man noch nicht von Grundrechten, von Rechtsstaat und so.

Die Schreiner, Hausfrauen und Lehrer, die sie damals in Anstalten versorgt haben, leben ebenfalls noch, auch wenn sie heute zwischen 75 und 95 Jahre alt sind. Fragt man sie, weshalb sie unschuldige Jugendliche zur Erziehung ins Gefängnis gesperrt haben, schütteln sie den Kopf. Sie sehen kein Unrecht in ihren Entscheiden. Das war halt damals so. Und richtig: Die Gesetze gaben ihnen das Recht zu solchen Zwangsmassnahmen. Alles legal.

In diesem Buch treffen beide Seiten wieder aufeinander. Administrativ Versorgte berichten, wie es ihnen ergangen ist. Und Behördenvertreter versuchen zu erklären, weshalb sie vor 30 oder 40 Jahren so entschieden haben.

Und das vorneweg: Einen einfachen "Schuldigen" findet man nicht. Aber die Spurensuche fördert Erschreckendes zutage: Frauen und Männer, die ohne gültigen Rechtstitel ins Gefä

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