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Das deutsche Pfarrhaus Hort des Geistes und der Macht von Eichel, Christine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2012
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Das deutsche Pfarrhaus

Eine Pfarrerstochter ist Kanzlerin, ein ehemaliger Pfarrer Bundespräsident. Zufall? Seit Martin Luther den Zölibat verwarf, stieg das deutsche Pfarrhaus zum Paradigma christlichen Zusammenlebens auf. Als Hort der Bildung und Bollwerk gegen säkularen Sinnverlust wurde es auch gesellschaftlich relevant: religiöses Biotop und politischer Gegenentwurf, bürgerliche Enklave und antibürgerlicher Kampfschauplatz. Und nicht zuletzt Heimat so unterschiedlicher Pfarrerskinder wie Albert Schweitzer, Friedrich Nietzsche oder Gudrun Ensslin. Die Geschichte des deutschen Pfarrhauses erzählt von einem geistigen Reizklima mit hohem Wertepotenzial. Glaube, Liebe, Hoffnung, aber auch Kritik, Einspruch und Radikalität das sind offenbar wieder attraktive Optionen in Zeiten des unverbindlichen Pragmatismus. Das deutsche evangelische Pfarrhaus steht singulär in der europäischen Kulturgeschichte. Wohl in keinem anderen Land hat man den Pfarrer und seine Familie derart aufmerksam in den Blick genommen: als Träger der protestantischen Kultur, als geistliches Kraftfeld, als künstlerisches Ferment. Dieses Buch ist ein Streifzug durch die Welt des Pfarrhauses, in dem Dichter wie Lessing und Hesse aufwuchsen, in dem die Künste und die Wissenschaft zu Hause waren und das in der jüngeren Geschichte seine Eigenständigkeit bewies, als es in der DDR zum Schutzraum der Opposition wurde. Zu Wort kommen auch Pfarrer und Pfarrerskinder, die aus dem Kosmos des Pfarrhauses berichten und deutlich machen: Es wird nie ein Haus wie jedes andere sein.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 12.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838722856
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1097 kBytes
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Das deutsche Pfarrhaus

Einleitung
Kein Haus wie jedes andere

Eine Pfarrerstochter ist Kanzlerin, ein ehemaliger Pfarrer Bundespräsident. Nichts weiter als ein Zufall?

Immerhin zeigte die Nachfolgediskussion um das Amt des Bundespräsidenten Anfang 2012 eine eigentümliche Symptomatik. Neben Joachim Gauck waren unter anderem die ehemalige Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Margot Käßmann und Altbischof Wolfgang Huber im Gespräch gewesen. Alle drei hatten ein Amt ausgeübt, das man mit einem schönen, altmodischen Begriff als Seelsorger bezeichnet. Und noch ein weiterer Name wurde genannt: Katrin Göring-Eckardt, Politikerin, Theologin und Präses der EKD-Synode. Diesem Quartett traute man zu, gleich ein ganzes Land zu vertreten - glaubensgefestigte Antworten auf den Bankrott politischer Moral, für den der gestrauchelte Präsident Wulff stand.

Woher kam dieser Vertrauensvorschuss? War es die freundliche Unterstellung ethischer Integrität aus dem Geist von Hausmusik und Tischgebet? Sind evangelische Pfarrhäuser die letzten Kaderschmieden für Ämter mit höchstem Symbolwert und moralischer Leuchtturmfunktion?

"Zukunft braucht Herkunft", diese These Odo Marquards wurde offenbar wörtlich genommen. Bezieht man sie im engeren Sinne auf das Herkunftsmilieu, so wirkt sie wie ein Einspruch gegen das Wort von der durchlässigen Gesellschaft. Das Pfarrhaus erscheint demgegenüber wie ein Gütesiegel in einem politischen Klima, in dem mancher auffallend geschmeidig seine Prinzipien auswechselt. Oder gar nicht erst welche hat.

Pfarrer und kirchliche Würdenträger, das wissen wir nicht erst seit Margot Käßmanns Rücktritt als Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der EKD, sind alles andere als unfehlbar. Offenbar stehen sie jedoch für eine christliche Ethik, die über Korrumpierbarkeiten erhaben ist. Der Kontrast zwischen dem aufrechten Rücktritt Margot Käßmanns und den zähen Rückzugsgefechten Christian Wulffs hätte größer nicht sein können. Luther schrieb einst, Anfechtungen seien Umarmungen Gottes. Margot Käßmann ließ sich umarmen und ging aus einer Niederlage siegreich hervor. Christian Wulff dagegen bestritt jede Anfechtung und lavierte sich damit auf die Position des Verlierers. Er fiel tief, verlor nicht nur sein Amt, sondern auch seine Reputation. Margot Käßmann dagegen konnte verkünden: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand."

Worin aber besteht über solche Haltungsnoten hinaus das Faszinosum des Pfarrhauses? Sicherlich schwingt als Oberton dessen Weltbeglückungspathos mit, die Überzeugung, ein Beispiel geben und ausstrahlen zu können, ja zu müssen. "Ein feste Burg ist unser Gott", dichtete Martin Luther. Solche Zeilen prägen. Bewohner von Pfarrhäusern wirken denn auch zuweilen wie Felsen in der Brandung, glaubwürdiger als Berufspolitiker. So jedenfalls muss die unausgesprochene Annahme gelautet haben, als Namen wie Gauck, Käßmann, Huber und Göring-Eckardt aus dem Hut gezogen wurden. Und mit ihnen die Hoffnung auf politisch-moralische Erneuerung aus dem Geiste des Pfarrhauses.

Diese Politisierung ist relativ neu. Von jeher traute man dem Pfarrhaus zu, eine ethische Gegenwelt zu repräsentieren. Zur Ressource des politischen Personals wurde es jedoch erst nach der friedlichen Revolution 1989. Pfarrer wie Markus Meckel und Rainer Eppelmann, die sich in der DDR-Opposition engagiert hatten, galten auch nach der Wende als politische Hoffnungsträger. Joachim Gauck, der sich erst spät öffentlich gegen die DDR-Führung gestellt hatte, wurde zu einem Wortführer des Neuen Forums.

So schien es nur konsequent, dass einige Pfarrer ganz auf das Terrain des Berufspolitikers wechselten. Die erste Volkskammer, die 1990 aus freien Wahlen hervorging, nannte man "Pastoren-Parlament" - mit einunddreißig evangelischen Theologen. Im ersten gesamtdeutschen Bundestag waren zwölf Theologen vertreten. Acht stammten aus dem Osten Deutschlands, unter ihnen Richard Schröde

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