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Verlorene Zeiten? DDR-Lebensgeschichten im Rückblick - eine Interviewsammlung

  • Verlag: Vergangenheitsverlag
eBook (PDF)
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Verlorene Zeiten?

Die DDR wird kontrovers diskutiert, auch wenn sie als abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte gilt. Für viele jedoch war sie gelebte Realität und ist damit Bestandteil ihrer Biografe. In diesem Band erzählen Menschen aus der ehemaligen DDR: Wie war das Leben dort? Was motivierte sie, sich für oder gegen diese Diktatur zu engagieren oder sich zu arrangieren? Wie wurde der Zusammenbruch der DDR erlebt? Und wie beurteilen sie Leben und Handeln im Rückblick? Zu Wort kommen nicht nur bekannte Persönlichkeiten wie André Herzberg (Sänger der DDR-Kultband "Pankow"), der Politiker Hans Modrow, der Teologe und Oppositionelle Hans Misselwitz, oder der Schriftsteller Klaus Kordon, sondern auch ein Bergsteiger, eine Kulturbundsekretä- rin oder eine Altenpfegerin. Eine eindringliche, aber auch widerspruchsvolle Momentaufnahme subjektiver Auseinandersetzung mit der DDR- Vergangenheit 20 Jahre nach dem Mauerfall. In einem sind sich die Interviewten dabei einig: Verlorene Zeiten waren das nicht. Die Interviews werden ergänzt durch die Portraitaufnahmen der Berliner Dokumentarfotografin Monique Ulrich

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 245
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783940621627
    Verlag: Vergangenheitsverlag
    Größe: 1737kBytes
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Verlorene Zeiten?

Bert Papenfuß (S. 195-196)

"Als Anarchist ist man sowieso auf dem längeren Weg."

Bert Papenfuß habe ich bei meinen Besuchen im Kaffee Burger kennen gelernt. Das Burger in Berlin-Mitte hatte sich schon in den 1970er Jahren zu einer ‚Szenekneipe' entwickelt: Neben Stammkundschaft aus dem Kiez verkehrten hier Schauspieler der Volksbühne ebenso wie Künstler und Literaten aus dem sub kulturellen Untergrund der DDR-Hauptstadt. Nachdem die Kneipe sich 1979 endgültig zu einem Treffpunkt für ‚Dissidenten und Ausreisewillige' entwickelt hatte, forderten die Behörden eine grundlegende, fast zwei Jahre dauernde ‚Renovierung'. Die Szene zog weiter Richtung Prenzlauer Berg. Erst 1999 kehrte sie wieder zurück: Gemeinsam mit zwei Freunden übernahm Papenfuß das Lokal. Unter dem Motto ‚Prenzlauer Berg jetzt auch in Mitte!' entstand ein Ort für Lesungen und Konzerte einer Subkultur, die in den 1990er Jahren kreuz und quer durch Ost-Berlin gezogen war.

Papenfuß ist einer der bekanntesten Vertreter der künstlerischen Avantgarde der DDR. 1956 in der Reuterstadt Stavenhagen in Mecklenburg geboren, wurde es ihm in der Provinz früh zu eng. Er begeisterte sich nicht nur für Rockmusik und Partys, sondern auch für Anarchismus. Letzterer, als Lebensmodell, ermöglichte es ihm, wie er heute sagt, "relativ unabhängig von der DDR" zu leben. Stets im Visier der Stasi, trug er in schummerigen Hinterzimmern experimentelle Poesie vor und wurde im Prenzlauer Berg bald eine feste Größe. Veröffentlichen konnte er jedoch erst spät: 1985 publizierte er in West- Berlin seinen ersten Gedichtband ‚harm' 1; 1988 erschien in der DDR sein Lyrikband ‚dreizehntanz'. An Bert Papenfuß' staats- und gesellschaftskritischer Haltung hat sich seit 1989/90 nichts geändert – nur dass er heute eben in der BRD lebt. Nach wie vor engagiert er sich in der Berliner Subkultur: Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift ‚GEGNER', die sich gegen den ‚neoliberalen Ungeist' richtet.

Außerdem ist er Redakteur des Magazins ‚ZONIC', das sich zuletzt mit der musikalischen Untergrundbewegung in der DDR befasste. Als ich zum Interview vorbeikomme, wohnt Papenfuß gerade übergangsweise bei einem Kumpel in Berlin-Mitte. Noch müde von einer offensichtlich kurzen Nacht, kocht er uns erst einmal einen Tee. Wir nehmen an einem kleinen Holztisch Platz. Dort sitze ich nun dem Dichter, Verleger, Herausgeber und Rockfan Bert Papenfuß gegenüber. Seine langen Haare, einst Statussymbol eines rebellischen DDR-Jugendlichen, trägt er zum Zopf gebunden. Er raucht eine Zigarette nach der anderen, während er konzentriert seine Geschichte erzählt.

"... eigentlich war Berlin schon das Ziel."

Als Sie geboren wurden, lag die Gründung von BRD und DDR bereits sieben Jahre zurück. Was hat Sie in Ihrer Kindheit besonders geprägt? Kindheit ist allgemein ein Kapitel, das ich sonst gerne überblättere, aber gut. Meine Eltern waren sozusagen Intellektuelle. Mein Vater hat sich freiwillig zur Kasernierten Volkspolizei gemeldet, wollte also für den Frieden tätig werden. Er war belastet durch seinen Vater, der ein Nazi war. Meinem Vater hat es dann aber später bei der Armee nicht so richtig gefallen.

Er nutzte die Möglichkeit, in Greifswald ein Militärmedizinstudium aufzunehmen als Anlass, sich ehrenvoll von der Truppe zu entfernen. Meine Mutter hat leider ihr Medizinstudium abgebrochen, weil sie mit mir schwanger wurde. Sie ist dann medizinisch-technische Assistentin geworden. Ich bin die ersten Jahre bei meinen Großeltern auf

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