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Abschied vom Empire Die innere Dekolonisation Grossbritanniens 1945-1985 von Altmann, Gerhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.11.2013
  • Verlag: Wallstein
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Abschied vom Empire

Das Britische Empire umfaßte im Zenit seiner Macht etwa ein Viertel der Erdoberfläche. Die Britische Navy durchpflügte Ende des 19. Jahrhunderts die Ozeane, als handele es sich bei ihnen um Binnenseen des Vereinigten Königreiches. Im Schatten der Pax Britannica verdichteten sich Kommunikationsstrukturen, die man heute mit dem Begriff Globalisierung charakterisiert. Kurzum: Das britische Weltreich hat untilgbare Spuren hinterlassen. Dennoch vollzog sich der Prozeß der Dekolonisation nach 1945 aus britischer Perspektive nicht nur vergleichsweise schnell, sondern auch erstaunlich geräuschlos. Die in jüngster Zeit von inner- wie außerwissenschaftlichen Impulsen neu angeregte Empire-Forschung hat jedoch Zweifel an der Version eines 'disimperialism' ohne Trauma oder Tränen angemeldet. Allerdings fehlten bislang empirisch fundierte Untersuchungen zur inneren Dekolonisation Großbritanniens. Vor allem die veröffentlichte Meinung wurde von der Forschung weitgehend außer acht gelassen. Die Studie 'Abschied vom Empire' schließt diese Lücke. Anhand der Berichterstattung in den britischen Printmedien wird die diskursive Begleitung der Dekolonisation in den vier Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruiert. Analysen politischer Debatten und bürokratischer Planungen runden die Darstellung ab. Zur Sprache kommen dabei neben zentralen Etappen der Dekolonisation wie dem Rückzug aus Indien, Palästina oder Rhodesien auch übergreifende ökonomische und sicherheitspolitische Strukturen, die den Abschied vom Empire im Kontext der britischen Nachkriegsgeschichte verorten.

Gerhard Altmann, geb. 1972, Studium der Geschichte, Politik, Soziologie und Deutsch an den Universitäten Konstanz, Oxford, Freiburg und München. Promotion 2003 in Freiburg. Seit 2007 im baden-württembergischen Schuldienst. Lehrbeauftragter der Universität Stuttgart.

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Abschied vom Empire

6. Das Jahrzehnt der Introspektion 1959-1971 (S. 219-220)

Der Abschied vom Imperium trat zu Beginn des neuen Jahrzehnts in seine letzte Phase ein. Wie ein Brennglas bündelten die dramatischen Ereignisse von 1959 verschiedene Entwicklungsstränge des 1945 begonnenen Dekolonisationsprozesses und konzentrierten den Leitstrahl der britischen Überseepolitik nun auf Afrika. Im Jahr 1964, am Ende der langen konservativen Regierungsperiode, war das koloniale Empire fast vollständig abgewickelt. Bis dahin wurde die Dekolonisation der Tories aber nochmals auf eine harte Probe gestellt.

Die Auflösung der Zentralafrikanischen Föderation erwies sich als ein ausgesprochen prekärer Balanceakt, der ein von Macmillan auf einen anderen Zusammenhang gemünztes Bonmot zu bestätigen schien: "Wieviel schwieriger es doch ist, ein Empire loszuwerden, als es zu erwerben." Zur selben Zeit geriet die britische Politik ins Kreuzfeuer einer publizistischen Fundamentalkritik. Ein eigenes Genre von Streitschriften warf die Frage auf: "What's wrong with Britain?" Regelmäßig wiederkehrende ökonomische Krisen, unübersehbare Defizite bei wohlfahrtsstaatlichen Programmen und das im Vergleich zu den Wirtschaftswunderländern des Kontinents gemächliche Tempo technologischen Fortschritts riefen die Kritiker des "britischen Wegs" auf den Plan.

Die grell illuminierte Fassade des "Swinging London", das mit den Beatles, Mary Quants Minirock und den Rolling Stones den Takt der globalen Popularkultur vorgab, tauchte die gesellschaftlich-politischen Probleme in einen um so schärferen Schlagschatten, als auch die Labour-Regierung unter Harold Wilson hinter den hochgesteckten Modernisierungserwartungen zurückblieb. Zunächst aber konnte Premierminister Macmillan in der Kolonialpolitik nochmals Akzente setzen und die Kontraktion des Imperiums auf die griffige Formel des "Wind of Change" bringen.

6.1 Jenseits von Afrika

Die Vorkommnisse von 1959, die so eklatant vom postulierten Normalpfad der Dekolonisation abwichen, hatten Macmillan von der Notwendigkeit einer Kurskorrektur überzeugt. Kolonialminister Macleod sollte nach dem Wahlsieg von 1959 den Rückzug aus Afrika beschleunigen,selbst wenn dies bedeutete, daß man von der hehren Entwicklungsphilosophie Londons Abstriche machen und die europäischen Siedler mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren mußte.

Dabei drängte sich ein extrinsisches Motiv immer deutlicher in den Vordergrund, das ein Komitee des Außenministeriums im Juni 1959 wie folgt charakterisierte: "Falls wir die Probleme Ost- und Zentralafrikas nicht zu lösen vermögen, wird man die Leistungen unserer benevolenten Herrschaft vergessen und die Franzosen und vielleicht die Belgier in den Augen der Weltgemeinschaft als die Avantgarde betrachten, während man uns als Hindernis weiteren Fortschritts womöglich mit den Portugiesen in einen Topf wirft."

In der "Balgerei raus aus Afrika" wollte Macmillan nicht ins Hintertreffen geraten und den Lorbeer der aufgeklärtesten Kolonialnation etwa dem Frankreich de Gaulles überlassen. Seit der französische Präsident im Sommer 1958 den Zeitpunkt der Dekolonisation ins Belieben des jeweiligen Territoriums gestellt hatte, erhöhte sich der Druck auf London, mit neuen Initiativen seine Position als Schrittmacher des "disimperialism" zu festigen.

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