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Der Holocaust und die westdeutschen Historiker Erforschung und Erinnerung von Berg, Nicolas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2013
  • Verlag: Wallstein Verlag
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Der Holocaust und die westdeutschen Historiker

Nicolas Berg untersucht die Schwierigkeiten der westdeutschen Geschichtswissenschaft im Umgang mit dem Holocaust. Geschichte und Gedächtnis, so Charles Péguy Anfang des Jahrhunderts, stehen im 'rechten Winkel' zueinander: jene verlaufe parallel zum Ereignis, dieses gehe senkrecht durch es hindurch. Nicolas Berg zeigt, wie das Verhältnis der deutschen Nachkriegshistoriographie zur NS-Judenvernichtung nur mit dem Blick auf beides zugleich historisiert werden kann. Er ergänzt den historiographiegeschichtlichen Ansatz durch die Gedächtnisgeschichte und fragt nicht nur nach dem Wissensstand im Verlauf der Jahrzehnte, sondern auch nach seiner jeweiligen Historizität und seiner Veränderung. Fokus der Analyse ist der sich wandelnde Begriff von 'Auschwitz' in der westdeutschen Geschichtswissenschaft vom Ende des Zweiten Weltkrieges an bis zur gegenwärtigen Diskussion. Beleuchtet werden sowohl die Spannungen zwischen den Perspektiven verschiedener Generationen, als auch die Auseinandersetzungen um die angemessenen Theorien, Methoden und Begriffe. Dabei werden nicht nur die kanonisierten Schlüsselschriften herangezogen, sondern auch lebensgeschichtliche Texte wie Briefwechsel, Tagebücher, Erinnerungen und Autobiographien berücksichtigt, viele von ihnen aus Archivbeständen. Daß es hinter der bekannt mühevollen deutschen Geschichtserinnerung an den Holocaust eine jüdische Außenseiter-Perspektive gab, der viele Jahre lang der wissenschaftliche Wert aberkannt wurde, wird an der Ablehnung der Arbeiten von Joseph Wulf deutlich, die in der vorliegenden Studie erstmals rehabilitiert werden. Nicolas Berg, geb. 1967, studierte Geschichte, Germanistik und Slavistik in Freiburg i.Br. und arbeitet derzeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig. Er ist Mitherausgeber des Bandes 'Shoah. Formen der Erinnerung. Geschichte, Philosophie, Literatur, Kunst' (München 1996). Schwerpunkte seiner Arbeit sind allgemeine Historiographie- und Wissenschaftsgeschichte, deutsch-jüdische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert und Probleme der Geschichtskultur und Gedächtnisgeschichte. Derzeit arbeitet er an einem Projekt zum jüdischen Wissenschaftstransfer zwischen Ost- und Westeuropa im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

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Der Holocaust und die westdeutschen Historiker

4. Totalitarismus, Faschismus, Antisemitismus. Auschwitz und der Rahmen theoretischer Modelle (S. 371-372)

Fetisch Forschungsstand In den Verjährungsdebatten der 60er Jahre gab es eine Argumentationsfigur derjenigen, die die Verjährung von Totschlag bzw. Mord befürworteten, die aus heutiger Sicht erstaunlich anmutet: Die Erfassung der NSVerbrechen, so die dezidiert vorgetragene Auffassung, sei abgeschlossen, ihre Erforschung stehe unmittelbar vor dem Abschluß und eine Verlängerung der Verjährungsfristen sei deshalb gar nicht mehr notwendig.

Bundesjustizminister Schäffer (CSU) konnte sich bemerkenswerterweise mit dieser Position bereits im Jahre 1960 auf einen Bericht der "Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen" berufen, die gerade erst gegründet worden war und deren Auftrag es war, Gewaltverbrechen des Dritten Reiches systematisch zu untersuchen und ihre Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft zu übermitteln.2 Ihr erster Leiter Erwin Schüle war selbst Verjährungsbefürworter, und er betonte auch vier Jahre später, daß man in Ludwigsburg die Vorermittlungen noch 1964, also rechtzeitig vor Ablauf der Verjährungsfrist, abschließen könne.

In einem Brief vom 27. 10. 1964 an den Generalsekretär des Zentralrates der Juden, van Dam, unterstellte er sogar, daß sich beide in der Ablehnung der Verlängerung von Verjährungsfristen einig seien. Und er fuhr fort: "Ich glaube, auf Grund meiner Erfahrungen sagen zu können, daß durch die Tätigkeit der Zentralen Stelle und der Staatsanwaltschaften bis zum Eintritt der Verjährung alles das geschehen ist, was nach menschlichem Ermessen geschehen kann. Ich bin überzeugt, daß die Dunkelziffer bei den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen wesentlich geringer ist, als bei der allgemeinen Kriminalität."

Diese Überzeugung war mehr als gewagt. Vor dem Hintergrund, daß man in Ludwigsburg bis dahin noch kein einziges ausländisches Archiv ausgewertet hatte und man 1964 gerade erst begann, Material aus dem Ausland anzufordern, war die Versicherung, man könne dies innerhalb eines halben Jahres abschließen, Ausdruck einer nachgerade kompletten Fehleinschätzung des Ausmaßes der Verbrechen im ganzen. Bemerkenswerterweise galt das Dritte Reich in den 60er Jahren aber nicht nur im Interessenspiel der Politik, sondern auch in der Wissenschaft als erforscht. Befunde dieser Art sind in vielen zeitgenössischen historiographischen Texten ein Topos, der zu dieser Zeit immer wieder verkündet wurde: die Fakten seien nun geklärt, die Hauptarbeit der Forschung sei abgeschlossen worden und es komme nun primär auf Interpretation an. Schon zu Beginn der 60er Jahre erklärte Hans Mommsen, daß der äußere Ablauf der Judenverfolgung "im wesentlichen" feststehe.

Karl Dietrich Bracher leitete zur selben Zeit seine Gesamtdarstellung mit demselben Topos ein: "Der Nationalsozialismus ist weitgehend erforscht ", es sei gelungen, "eine nahezu lückenlose Anschauung von der Herrschaft des Hitler-Regimes in Deutschland und Europa zu gewinnen ", so der erste Satz in Die deutsche Diktatur.5 Zuvor hatte schon Martin Broszat erklärt: "Die Geschichte selbst hat die Frage nach dem Wesen des Nationalsozialismus durch massive und unumstößliche Fakten weitgehend beantwortet. Einzelheiten mögen noch ungeklärt sein, das Gesamturteil wird sich dadurch nicht wesentlich ändern."

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