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Die Mauergesellschaft Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989 von Wolff, Frank (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.09.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Mauergesellschaft

Die Mauer sicherte nicht bloß eine Grenze, sie definierte Deutschland im Kalten Krieg. Von der aktiven Befürwortung über die stille Akzeptanz bis hin zum Widerstand einte die geteilte deutsche Gesellschaft, dass sie sich ihrer Existenz nicht entziehen konnte. In seiner brillanten und faktengesättigten Studie zeichnet der Historiker Frank Wolff diese Verhältnisse im Detail nach und zeigt unter anderem, dass die in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelte Forderung nach Reisefreiheit, der sich darum in der Bevölkerung entwickelnde Menschenrechtsdiskurs sowie die Ausreisebewegung selbst entscheidend für den Fall der Mauer waren. Frank Wolff ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung/IMIS an der Universität Osnabrück.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 900
    Erscheinungsdatum: 09.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518763667
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 6519 kBytes
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Die Mauergesellschaft

9 Einleitung

1963 feierte Berlin ein besonderes Weihnachten. Zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren hatten die Einwohner wieder das Gefühl, in einer Stadt zu leben. Kurzzeitig erschien die erzwungene Spaltung in zwei Teile wie ein böser Spuk. Mit dem Bau der Berliner Mauer war eine Demarkationslinie zur Barriere gemacht worden: Straßen und Bahnverkehr wurden unterbrochen, allen Berlinern wurde der Grenzübertritt verboten, sogar die Telefonleitungen wurden gekappt. Doch war man noch ein Berlin! Weihnachten 1963 erlaubten die Passierscheinregelungen den West-Berlinern, für ein paar Tage ihre Ost-Berliner Verwandten zu besuchen. Endlich fühlte sich die Stadtmitte wieder so belebt an wie das Herz einer Großstadt; an der Bruchstelle zwischen den Systemen, an der Friedrichstraße, herrschte wohliges Verkehrschaos. Aber war man wirklich noch ein Berlin? Der Journalist Dieter Hildebrandt von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ( FAZ ) wohnte einem Wiedersehen in Ost-Berlin bei. Über die Mauer hinweg hatten die Verwandten sich herzliche Briefe geschrieben, Päckchen geschickt und gegenseitig Mut und Kraft zugesprochen. Das emotionale Wiedersehen begann mit Umarmungen, Begrüßungen und Bewunderung für die Kleinen. Doch bereits nach fünf Minuten stritt die geteilte Familie. Freuten sich die West-Berliner Gäste über die Besuchserlaubnis, sehnte der Ost-Berliner Vater dasselbe Recht für sich herbei - oder "wenigstens für alte Menschen". Seine westdeutschen Verwandten wiesen ihn "ein bißchen obenhin" zurecht. Er solle "nun aber nicht gleich zu viel auf einmal wollen, schließlich sei die Passierscheinvereinbarung doch schon eine großartige Sache". Der Haussegen hing schief. Ging es darum, gemeinsam gleiche Rechte gegen die Existenz der Mauer einzufordern, oder vielmehr, Willy Brandt folgend, darum, die Mauer "transparent zu machen, so daß Westberlin sich mit ihr arrangieren kann und lernt, mit diesem verhaßten Monstrum zu leben"? [1] "Nie wurde", vermerkte der ernüchterte Beobachter Hildebrandt, "daß man getrennt war und getrennt sein würde, 10 so spürbar, wie in den Stunden des Beisammenseins." [2] Glücklicherweise besänftigten sich die Gemüter an diesem Tag wieder. "Weißt du", erklärte der sich eingesperrt fühlende Vater, "manchmal packt einen eben doch die Wut, wenn man gar nicht raus kann." [3]

Bonn, 13. September 1973. Hinter verschlossenen Türen verhandelten Vertreter beider Deutschlands über die Ausgestaltung der jüngst aufgenommenen zwischenstaatlichen Beziehungen. Oft ging es dabei um Reisegenehmigungen, Familienzusammenführungen und den Transitverkehr zwischen dem Bundesgebiet und West-Berlin. Für den SED-Staat galt ein jedes Transitfahrzeug als potentielles Fluchtvehikel. Karl Seidel, Vertreter des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA), forderte unter vier Augen den Vertreter des Bundeskanzleramts Carl-Werner Sanne auf, darzulegen, was seine Seite gegen "Mißbrauchshandlungen im Transitverkehr", also gegen Fluchthilfe, unternehme. Sanne hielt sich an seine vorbereiteten Notizen. Ihm seien unter den 12 Millionen Transitreisenden nur 257 derartige Fälle bekannt. Es liege an der DDR, diese Wege zu kontrollieren. Angetan notierte Seidel, dass Sanne hervorgehoben habe, er besitze "für eine stärkere Überwachung volles Verständnis". Zudem habe Sanne besonders betont, dass die sozialliberale Bundesregierung zur Empörung der Opposition - also der CDU/CSU - mehrfach deutlich gemacht habe, dass sie ebenso wie die DDR "jeden Mißbrauch des Abkommens mißbillige". [4] Mit dieser Klarheit ging Sanne weit über das in der Bundesöffentlichkeit Sagbare hinaus, Seidel jedoch empfand dies als unbefriedig

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