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Die Pusterer Buben Eine Südtiroler Heimatgeschichte von Duregger, Verena (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.04.2014
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Die Pusterer Buben

Freiheitskämpfer oder Terroristen?
In der Nacht auf den 12. Juni 1961 steht Südtirol in Flammen. Strommasten werden gesprengt, Elektrizitätswerke lahmgelegt. Der Kampf um die Unabhängigkeit von Italien erreicht seinen Höhepunkt, das Land stürzt in eine Staatskrise. Vier junge Burschen Anfang zwanzig schreiben in diesen Tagen Geschichte - und verspielen ihre persönliche Zukunft.
Ein Nachbar steht im September 2010 vor der Tür von Verena Duregger. Er will "die Journalistin" sprechen. Sein Anliegen: Es muss endlich etwas passieren, "in der Sache um die Puschtra Buibn". Niemand hat bis jetzt ihre gemeinsame Geschichte aufgeschrieben. Und einige würden sie auch lieber vergessen.
Die vier Männer gehörten in den 1960er Jahren zu den "Südtirol-Attentätern", die mit Sprengstoffanschlägen und anderen Aktionen gegen die Diskriminierung der deutschsprachigen Bevölkerung ankämpften - letztlich das Resultat der politischen Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg. Bis heute gilt in Italien der Haftbefehl gegen die "Pusterer", die nach wie vor im Exil leben müssen.
Verena Duregger recherchierte über Jahre und führte immer wieder lange Gespräche mit Josef Forer, Siegfried Steger und Heinrich Oberleiter, den drei noch lebenden "Pusterern". Ihr Buch erzählt von Heimatliebe, kultureller Identität und Zugehörigkeit und von vier Männern, die die Geschichte ihres Landes verändert haben.

Verena Duregger, geboren 1980 in Bruneck, wuchs in Sand in Taufers, einem 2200-Einwohner-Ort im Pustertal, auf. Die Journalistin und freie Autorin studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck und Genua. Sie lebt in Südtirol.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 29.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641123680
    Verlag: Knaus
    Größe: 21338kBytes
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Die Pusterer Buben

Der 11. Juni 1961 war ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die Morgensonne tauchte die Berge rund um Mühlen in zartes Licht. In ein paar Stunden schon würde sie die taunassen Wiesen im Talboden getrocknet haben. Josef Forer stieg die hölzerne Treppe zum Erdgeschoss hinunter. In der Küche dampfte bereits ein Kessel mit Wasser auf dem Herd vor sich hin. Josef musste sich beeilen. Die Kühe waren eingestellt wie ein präzises Uhrwerk, sie kannten weder Sonn- noch Feiertage. Ließ man sie nur eine halbe Stunde warten, wurden sie unruhig. Josef öffnete die Tür, die von der Küche hinüber zum Futterhaus und zum Stall führte.

"Grieß di, Vouto."

Karl Forer blickte nur kurz auf und brummte seinem Sohn ein knappes "Fong on zi melkn" entgegen. Josef griff sich den Melkschemel, holte den Blecheimer und ging zu der Reihe mit den Kühen. Zehn Milchkühe, drei Schweine und ein Ross teilten sich den Stall, an dessen Außenmauer ein alter Marillenbaum nach oben rankte. Josef befeuchtete die Zitzen mit einem warmen Tuch, umfasste sie mit seinen Händen und richtete den Milchstrahl in den Eimer. Jeder Handgriff saß. Schon als Kind war er bei Tagesanbruch im Stall gewesen, um die Kühe zu melken, sie zu füttern und auszumisten. Und am Abend noch einmal.

Jeden Tag kamen ein paar Leute aus dem Dorf mit kleinen Kannen vorbei, um sich etwas Milch abzuholen. Den Rest verwendeten die Forers für sich. Mit einem Teil wurden die Kälber gemästet, der andere wurde zu Graukäse und Butter verarbeitet.

Während die Männer im Stall waren, bereitete Maria "in Förmass" vor. Für gewöhnlich gab es zum Frühstück eine Brennsuppe, mit einem geschlagenen Ei und einem Löffel Schmalz angereichert, oder ein Mus.

Bevor Josef in seine Tracht schlüpfte, wusch er sich mit warmem Wasser und etwas Seife den Stallgeruch vom Körper. Das Gewand holte er nur zu ganz besonderen Anlässen aus dem Schrank. Ein Schneidermeister aus dem Ort hatte es angefertigt, für alle Mitglieder der Mühlener Musikkapelle. Josef spielte die Trompete, sein jüngerer Bruder Robert die kleine Trommel. In ein paar Stunden würde das ganze Dorf auf den Beinen sein. Es war Herz-Jesu-Sonntag, einer der höchsten Feiertage in Südtirol. Mit Bergfeuern und langen Prozessionen gedachten die Menschen in Mühlen und in ganz Südtirol jedes Jahr am zweiten Sonntag nach Fronleichnam des Widerstands. Bedroht durch die Truppen Napoleons I. waren die Tiroler Landstände 1793 in Bozen zusammengekommen und hatten feierlich gelobt, das Land dem "Heiligsten Herzen Jesu" anzuvertrauen, sollten die Franzosen mit Gottes Hilfe geschlagen werden. Als 1805 ganz Tirol an das Königreich Bayern gefallen war, hatten die neuen Herrscher empfindlich in das religiöse Brauchtum der Region eingegriffen. Das Rosenkranzgebet war verboten worden, die Weihnachtsmette, das Glockenläuten für Verstorbene und das Herz-Jesu-Fest. Die Angst vor weiteren einschneidenden Veränderungen hatte dazu beigetragen, dass sich die Tiroler 1809 erhoben. Vor der Bergisel-Schlacht gegen Franzosen und Bayern hatte Andreas Hofer das Gelöbnis von 1793 erneuert. Als seine Truppen überraschend siegten, erklärte er den Herz-Jesu-Sonntag zu einem Tag, den es in besonders festlicher Weise zu feiern galt. Und daran hat sich seitdem nichts geändert.

Nach dem Hochamt sammelten sich die Einwohner von Mühlen und Sand in Taufers sowie von Kematen vor der Hauptkirche an der Pfarre 1 , um sich in den Herz-Jesu-Prozessionszug einzureihen. Die unverheirateten Buben und Männer marschierten mit einer großen roten Fahne an der Spitze. Dann folgten die verheirateten Männer mit der

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