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Die Schuld der Mitläufer Anpassen oder Widerstehen in der DDR

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2010
  • Verlag: Pantheon
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Die Schuld der Mitläufer

Das Schweigen der Mehrheit

Man musste kein Held sein, um in der DDR zumindest passiven Widerstand zu leisten. Ohne die Mitläufer hätte die Diktatur nicht vierzig Jahre lang so funktioniert. Das Regime konnte sich auf das Schweigen der Mehrheit verlassen. Dieses Buch vereint zwei Dutzend Geschichten von Staats-Hörigkeit und Aufbegehren inmitten einer angepassten Umwelt.

Die Mehrheit der DDR-Bürger passte sich stärker an, als sie tatsächlich musste. Sie wollten "einfach ganz normal leben" in der SED-Diktatur. Sie ließen alltägliche Möglichkeiten des gefahrlosen Widersprechens und Widerstehens ungenutzt. So hat man es sich und den Herrschenden bequem gemacht. Der Satz "Es war nicht alles schlecht in der DDR" bedeutet auch: Wir haben es uns gut gehen lassen, als es anderen schlecht ging - den Unangepassten, den politischen Häftlingen, den gescheiterten Flüchtlingen und ihren Angehörigen.

In diesem Buch wird von Anpassung und Verweigerung in der DDR erzählt - kurze Geschichten, charakteristische Alltagsepisoden aus den vierzig Jahren der Diktatur. Auch das mitunter eigene Versagen der Autoren wird benannt. Die Anthologie vereint zwölf bekannte Autoren wie Wolf Biermann und Erich Loest mit einem Dutzend nahezu Unbekannter: "kleine Leute", die in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt, mitgemacht oder widerstanden haben.

Zahlreiche Bilder kritischer DDR-Fotografen wie Manfred Butzmann, Harald Hauswald und Klaus Lehnartz illustrieren die Texte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 14.09.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641045333
    Verlag: Pantheon
    Größe: 4571kBytes
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Die Schuld der Mitläufer

Das Schweigen der Mehrheit
Ein Januarmorgen 2009. Ich lese aus meinem Buch 'Die Grenze durch Deutschland' im sächsischen Hoyerswerda, einst sozialistische Vorzeigestadt. Die Geschichte einer tödlich gescheiterten Flucht aus der DDR, nahezu trostlos. Die Schüler einer 11. Klasse des Lessing-Gymnasiums schweigen bestürzt. "Warum war das möglich?" fragt die Lehrerin. Der Grenzsoldat habe 1973 wahrscheinlich aus Angst vor Strafe geschossen, meint ein Schüler. Der Soldat habe ja zur Armee gemußt und auf Befehl gehandelt. "Und aus Überzeugung", sagt eine Mitschülerin. Er sei ja politisch geschult gewesen und habe nicht gewußt, daß es ein Verbrechen ist, was er tut.
Mein Gott, denke ich, aus den Mündern der Kinder die kleinen Schwindeleien der Elterngeneration, aus denen die großen Lügen gemacht werden: nichts gewußt, keine Wahl, wie befohlen, nicht zu ändern.
Ich erzähle ihnen, daß niemand gezwungen wurde, zu den Grenztruppen zu gehen. Daß der Soldat straflos hätte danebenschießen können. Daß der Schießbefehl offensichtlich menschenrechtswidrig war.
Warum war das möglich? Ein Schüler: "Meinen Eltern ging's gut, die sahen keinen Grund, sich aufzulehnen." Eine Schülerin: "Die meisten waren halt Mitläufer. Wie heute auch." Selten hat mich eine klare Antwort so gefreut.
Wir konnten nicht anders, wir mußten ja, wir haben das nicht gewußt, wir haben im besten Glauben gehandelt, weil wir überzeugt waren von der Idee, von der guten Sache. Das höre ich immer wieder, wenn ich in der Ex-DDR abends vor erwachsenem Publikum lese. Welche gute Idee braucht zur Durchsetzung einen Schießbefehl, frage ich dann. Für welchen Glauben darf man über Leichen gehen?
Es gab in der DDR ein kollektives schlechtes Gewissen wegen der Diktaturverbrechen. Dieser Teil der Wirklichkeit wurde mehrheitlich verdrängt, oftmals bis heute. Seit dem Mauerfall sagen viele: "Es war nicht alles schlecht in der DDR." Das stimmt. Es war aber auch nicht alles gut in diesem Staat.
Auch das habe ich zweimal nach Lesungen gehört, in Thüringen, von älteren Frauen: Ich schäme mich, in der DDR ein Mitläufer gewesen zu sein. Und manchmal erzählt jemand von Menschen, die den Ritualen der Anpassung widerstanden. Und wie sie dann von den Unterwürfigen meistens als Querulanten abgetan und im Stich gelassen wurden. Wie die Zuschauer wegschauten, schwiegen und stillhielten. Oder sich manchmal auch solidarisierten.
Nach dem Ende der Nazi-Diktatur war die Frage nach den Schuldigen zunächst umfassend gestellt worden. In den Spruchkammern der Besatzungsmächte wurden Mitläufer ausdrücklich benannt - und entlastet. Nach Jahrzehnten des Verdrängens wird nunmehr die Schuld der Mitläufer im nationalsozialistischen Deutschland zunehmend anerkannt.
Der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma schreibt in seinem Buch Gebt der Erinnerung Namen 1999: "Niemand kann von einem anderen verlangen, ein Held zu sein. Wohl aber kann von jedem verlangt werden, daß er kein Schurke und kein Lump sei. Seit 1945 sind im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus moralische Fragen unzulässig auf die Alternative: dulden oder widerstehen unter Einsatz des Lebens (oft sogar: Mittäter oder Selbstmörder) verkürzt worden ^ Das Bild einer nur passiven Bevölkerung zu zeichnen, der es allein an dem Heldenmut gefehlt habe, der im Zweifelsfalle jeder Mehrheit fehlt, ist historisch falsch."
Zahlreiche Veröffentlichungen nach dem Ende der DDR (und auch vorher schon) zeigen fundiert und eindringlich, wie die kriminelle Minderheit der Machthaber die Minderheit von offe- "Wir konnten nicht anders, nen Regimegegnern drangsalierte. Jenseits dieser wir mußten Täter-Opfer-Betrachtung fehlt es (warum wohl?) an Darstellungen zur Mehrheit der Angepaßten: der Mitläufer, die sich eingereiht hatten, ohne sich für das kommunistische System besonders zu engagieren.
Die Verklärung der SED-Diktatur, das fehlende Grundwissen der Nachgeborenen, die unerhörten G

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