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Die Zukunft ist Geschichte Wie Russland die Freiheit gewann und verlor von Gessen, Masha (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2018
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Zukunft ist Geschichte

Fesselnd wie ein Gesellschaftsroman schreibt Bestsellerautorin Masha Gessen, warum ein Land, das in einem ungeheuren Kraftakt seine lähmenden Machtstrukturen abschütteln konnte, zu einem autoritär geführten Staat mit neoimperialen Zügen geworden ist. Eine Gesellschaft, die zu Emanzipation, Freiheit und Selbsterkenntnis aufgebrochen war, leidet heute unter Bevormundung und Repression. Wie konnte es dazu kommen? Im Zentrum stehen vier Menschen der Generation 1984. Sie kamen in die Schule, als die Sowjetunion zerfiel, und wurden unter Präsident Putin erwachsen. Junge Leute aus unterschiedlichen sozialen und familiären Verhältnissen: zum Beispiel Zhanna, deren Vater Boris Nemzow, ein prominenter Reformer, mitten in Moskau erschossen wurde. Oder Ljoscha, der als schwuler Dozent seine Stelle an der Uni Perm verliert. Die große Erzählung von Aufbrüchen und gescheiterten Hoffnungen der Jungen wird flankiert von den Bildungsgeschichten des liberalen Soziologen Lew Gudkow, der Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan und des rechtsnationalistischen Philosophen Alexander Dugin. Masha Gessen, geboren 1967 in Moskau, wurde mit Büchern wie Der Mann ohne Gesicht: Wladimir Putin. Eine Enthüllung (2012) und Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman (2013) bekannt. Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem National Book Award 2017 und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2019. Gessen schreibt für das MagazinThe New Yorkerund lehrt am Amherst College. Masha Gessen lebt in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 560
    Erscheinungsdatum: 12.11.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518759097
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Future is History
    Größe: 4364 kBytes
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Die Zukunft ist Geschichte

11 Prolog

Ich habe viele Geschichten über Russland erzählt bekommen und einige selbst erzählt. Als ich elf oder zwölf war, in den späten 1970er Jahren, erklärte mir meine Mutter, die UdSSR sei ein totalitärer Staat. Sie verglich das sowjetische Regime mit dem nationalsozialistischen - für eine Sowjetbürgerin ein unerhörter Gedanke. Meine Eltern erzählten mir, das Sowjetregime werde ewig währen und deshalb müssten wir das Land verlassen.

In den späten 1980er Jahren - ich war inzwischen angehende Journalistin - geriet das Regime ins Schwanken und sank schließlich zu einem Haufen Schutt zusammen. So lautete jedenfalls die Geschichte, die damals erzählt wurde. Gemeinsam mit zahllosen anderen Reportern berichtete ich begeistert vom Aufbruch meines Landes zu Freiheit und Demokratie.

Zwanzig Jahre lang habe ich dann den Tod einer russischen Demokratie dokumentiert, die nie wirklich lebensfähig geworden war. Verschiedene Leute erzählten dazu unterschiedliche Geschichten: Viele beharrten darauf, Russland habe nur einen Schritt zurückgesetzt, nach zwei Schritten vorwärts in Richtung Demokratie. Die einen machten Wladimir Putin und den KGB für das Scheitern verantwortlich, andere die angebliche Vorliebe der Russen für die eiserne Hand und wieder andere den rücksichtslosen, anmaßenden Westen. Es kam ein Zeitpunkt, an dem ich mir sicher war, dass ich die Geschichte vom Verfall und Untergang des Putin-Regime s schreiben würde. Bald darauf verließ ich Russland zum zweiten Mal - diesmal als Erwachsene mittleren Alters mit Kindern. Wie zuvor meine Mutter mir, so erklärte jetzt ich meinen Kindern, warum wir nicht in unserem Land bleiben konnten.

Die Umstände sprachen für sich. Die russischen Bürger hatten 12 seit fast zwei Jahrzehnten immer mehr Rechte und Freiheiten eingebüßt. Im Jahr 2012 begann die Regierung Putin flächendeckend gegen politische Gegner vorzugehen. Sie führte Krieg gegen den inneren Feind und gegen Nachbarländer. Bereits 2008 war Russland in Georgien eingefallen. 2014 folgten die Annexion der Krim und die Unterstützung der sogenannten Separatisten in der Ostukraine. Die russische Führung entfesselte einen Informationskrieg gegen Idee und Wirklichkeit der westlichen Demokratie. Es dauerte eine Weile, bis westliche Beobachter sich klargemacht hatten, was da geschah. Inzwischen ist es zur Gewohnheit geworden, Russland in der Weltpolitik als aggressiven Akteur wahrzunehmen. Im Weltbild der USA gilt das Land wieder als Reich des Bösen und als existenzielle Bedrohung.

Die Repressionen, die Kriege, selbst der Rückfall Russlands in die alte Rolle auf globaler Bühne - all das hat sich vor meinen Augen abgespielt. Von diesen Geschehnissen wollte ich berichten, aber zugleich auch von dem, was nicht geschehen ist: von der Freiheit, die nicht ergriffen wurde, und der Demokratie, die nicht erwünscht war. Wie lässt sich eine solche Geschichte erzählen? Wo lassen sich Gründe dafür festmachen, dass etwas nicht da ist? Wo beginnen und mit wem?

Es gibt grob gesagt zwei Arten von Büchern über Russland, die sich an ein breites Publikum richten: Die einen handeln von den Mächtigen - den Zaren, Stalin, Putin und ihrem Umkreis. Sie wollen erklären, wie das Land regiert wurde und bis heute regiert wird. Die anderen berichten von "normalen Menschen", um zu zeigen, wie es ist, in diesem Land zu leben. Doch selbst die besten journalistischen Bücher über Russland - vielleicht sogar gerade sie - vermitteln stets nur einen Teilaspekt, wie die sechs Blinden in der indischen Fabel, die einen Elefanten beschreiben sollen, aber jeweils nur vom Kopf oder nur von den Beinen berichten. Auch wenn in anderen Büchern Schwanz, Rüssel und Rumpf beschrieben werden, gibt es kaum welche, die zu erklären versuchen, wie das Tier insgesamt aussieht oder um was für ein Tier es sich eigentlich handelt. In die 13 sem

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