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Dolce Vita? Das Bild der italienischen Migranten in Deutschland

  • Erscheinungsdatum: 04.10.2011
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
29,99 €
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Dolce Vita?

In den 1960er-Jahren noch als "Messerstecher" und "Frauenhelden" wahrgenommen, gelten italienische Migranten heute als perfekt integriert. Dass die Italiener und ihr Land vor allem als Projektionsfläche für die Sehnsüchte der bundesrepublikanischen Gesellschaft dienten, zeigen die Autorinnen und Autoren in diesem Band. Sie stellen dem Bild vom Dolce Vita die reale Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt oder im Bildungssektor gegenüber. "Positive Vorurteile", so das Fazit, übertünchen die oftmals schwierige Situation der Migranten. Über den Autor: Oliver Janz ist Professor für neuere europäische Geschichte an der Freien Universität Berlin. Roberto Sala, Dr. phil., ist Postdoktorand am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 299
    Erscheinungsdatum: 04.10.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593412146
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 2940 kBytes
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Dolce Vita?

Die italienischen "Gastarbeiter" in deutschen Selbstfindungsdiskursen der Gegenwart und die Ausblendung der Remigration (S. 198-199)

Hedwig Richter

Die Geschichte, die der italienische Ratsherr der niedersächsischen Industriestadt Wolfsburg zu erzählen hat, klingt traurig. Eine typisch deutsche Geschichte, die betroffen macht: Ein Priester spürte im Auftrag des Vatikans junge italienische Männer in ihren Dörfern auf und überredete sie, ihre Heimat zu verlassen und in die Bundesrepublik zu kommen, um für den eng mit dem Heiligen Stuhl verbandelten deutschen Autogiganten Volkswagen zu arbeiten.

Gutwillig stimmten die verarmten italienischen Dorfbewohner zu, ließen sich demütigende Prozeduren ärztlicher Untersuchungen gefallen und wurden, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschah, in Zügen gedrängt nach Nordeuropa verfrachtet. Dort mussten sie in menschenunwürdigen Unterkünften hausen und für den Autobauer Frondienste leisten. Weiterbildungen oder gar ein beruflicher Aufstieg kamen für sie unter diesen Bedingungen nicht in Betracht. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Unternehmen und Kirche hatte der deutsche Autobauer nicht einmal die volle Gebühr zu bezahlen, die damals als Unkostenbeitrag für die Vermittlung sogenannter Gastarbeiter zu entrichten war.

"Es gab viele Italiener, die das erfahren haben durch den Priester", erzählte der italienische Ratsherr weiter: "Heute, wenn ich das so betrachte, das hatte es schon mal in Deutschland gegeben, dass man Leute in Züge setzte und bestimmte, unbestimmte Ziele. Heute kriege ich so einen Geschmack, ich denke, das sollte sich nicht wiederholen, solche Dinge".

Diese Erzählung passt so derart genau in die deutschen Selbstfindungs- und Integrationsdiskurse, so meine Vermutung, dass sie in der Forschung, in der Presse und in Bestsellern über das Italienerleben in Deutschland in vielfältiger Art weitergetragen wird.2 Auch andere italienische Wolfsburger und VW-Mitarbeiter bestätigen das unerfreuliche Geschehen rund um die Italiener, die ab 1962 im Volkswagenwerk arbeiteten und mit bis zu 5.000 Arbeitsmigranten die größte Gruppe von "Gastarbeitern" in der Bundesrepublik stellten.

Die Geschichte hat sich inzwischen zu einem zentralen Mythos im kulturellen Gedächtnis von Wolfsburg entwickelt. "Durch Erinnerung wird Geschichte zum Mythos. Dadurch wird sie nicht unwirklich", so der Kulturwissenschaftler Jan Assmann, "sondern im Gegenteil erst Wirklichkeit im Sinne einer fortdauernden normativen und formativen Kraft." Die normative Kraft dieses Opfermythos, der sich in unzähligen Varianten in Deutschland findet, erweist sich in der Tat als beträchtlich.

Der Opfermythos – so meine erste These – ist in Deutschland der zentrale gesellschaftliche Diskurs, wenn es um die "Gastarbeiter " geht; um diesen Diskurs aufrechterhalten zu können, müssen jedoch die Remigranten ausgeblendet werden.4 Auch wenn es sich dabei überwiegend um einen Elitendiskurs in der Wissenschaft und der (überregionalen) Qualitätspresse handelt, prägt dieser doch wesentlich die Diskussionen über die einstigen "Gastarbeiter" in der gesamten Gesellschaft. Der Mythos, und so lautet meine zweite These, betrifft weniger die Migranten, sondern erweist sich vielmehr als ein Selbstgespräch der Deutschen.

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