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Erben der Erinnerung von Meinhold, Philip (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.01.2015
  • Verlag: Verbrecher Verlag
eBook (ePUB)
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Erben der Erinnerung

Philip Meinholds siebzigjährige Mutter äußert überraschend den Wunsch, gemeinsam mit ihren drei Kindern und den älteren der Enkel nach Auschwitz zu fahren. Sie selbst galt nach den nationalsozialistischen Rassengesetzen als 'Jüdischer Mischling zweiten Grades', ihre Verwandten wurden deportiert, dennoch hatte Philip Meinhold sich selbst bis dato stets als Angehöriger des 'Tätervolkes' verstanden. Der Besuch von Auschwitz ist für ihn der Anlass, sich mit seinem eigenen Umgang mit dem Holocaust und der Familienvergangenheit auseinanderzusetzen - und er muss feststellen, dass jedes Familienmitglied seine ganz eigene Haltung dazu hat. Dieses Buch ist eine sehr persönliche Erkundung der eigenen Geschichte, des Umgangs mit der NS-Zeit siebzig Jahre danach - und der Frage, was Auschwitz mit jedem von uns zu tun hat. Es erscheint zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 2015. Philip Meinhold, 1971 in Westberlin geboren, machte eine Ausbildung zum Buchhändler, absolvierte die Berliner Journalisten-Schule und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2002 erschien sein Debütroman 'Apachenfreiheit', 2009 der Roman 'Fabula rasa'. Meinhold veröffentlichte Erzählungen und Kolumnen in diversen Anthologien und erhielt verschiedene Literaturpreise und Stipendien, so etwa den Walter-Serner-Preis, den Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis und das Alfred-Döblin-Stipendium. Er lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 190
    Erscheinungsdatum: 20.01.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957320933
    Verlag: Verbrecher Verlag
    Größe: 2442 kBytes
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Erben der Erinnerung

Eins

Es ist ein merkwürdiger Wunsch, den meine Mutter kurz nach ihrem siebzigsten Geburtstag da äußert. Ich habe sie gefragt, was für Wünsche oder Pläne sie für ihr Leben noch habe, sie antwortet: "Ich möchte mit meinen drei Kindern und den großen Enkeln gerne nach Auschwitz fahren." Andere würden vielleicht von einer Kreuzfahrt sprechen, einer Reise nach Indien, darüber, ihre Memoiren schreiben zu wollen - meine Mutter möchte nach Auschwitz.

Mein erster Gedanke: Sie hofft auf ein ergreifendes Erlebnis mit uns. Ich bin peinlich berührt, frage nicht weiter nach, lasse den Satz in der Luft hängen, als hätte ich nichts gehört. Ich tue die Äußerung ab als spontane Idee meiner Mutter, bin mir nach ein paar Wochen nicht mal mehr sicher, ob sie selbst noch daran denkt.

Aber ich vergesse den Wunsch nicht, von Zeit zu Zeit fällt er mir ein, bis ich irgendwann denke: Na gut, wenn sie das will - das lässt sich ja machen.

Mein Bruder sagt: "Da kommt die Lehrerin durch, die ihren Enkeln noch etwas mit auf den Weg geben will." Meine Schwester findet, es sei eine sehr weise Idee: Unsere Mutter wolle mit uns und ihren Enkeln nach Auschwitz fahren in dem Wissen, wie knapp es gewesen ist; wie leicht es hätte sein können, dass wir nicht dort stehen ...

Und so schenken wir ihr diese Fahrt zum Geburtstag. Statt uns wie sonst an Weihnachten oder auf Familienfeiern zu treffen, fahren wir zu siebt nach Auschwitz: unsere Mutter Ingeborg, meine Geschwister Anne und Robert, ihre jeweils ältesten Kinder Milan, Jonas, Jaci - drei Generationen einer deutschen Familie im Alter von fünfzehn bis zweiundsiebzig.

Meine Mutter ist Jahrgang 1937, hat erst spät das Begabtenabitur gemacht und studiert - nach einem Leben als Hausfrau und Mutter. Mit Mitte fünfzig wurde sie Lehrerin an einer Grundschule in Berlin, mittlerweile ist sie pensioniert. Ihr Mann, mein Vater, starb vor sechs Jahren. Während ihres Studiums ist sie 1990 schon einmal in Auschwitz gewesen. Damals, erzählt sie, sei ihr der Gedanke gekommen, mit ihren Kindern nach Auschwitz zu fahren, und inzwischen seien die Enkelkinder so groß, dass sie ebenfalls mitkommen könnten.

Ihre Großmutter war Jüdin, eine geborene Lachmann, Tochter eines jüdischen Fleischermeisters, selbst Mutter dreier Kinder: meines Großvaters Herbert, seiner Schwester Trude, seines jüngeren Bruders Günther. Alle drei Kinder wurden christlich erzogen, galten aber nach der nationalsozialistischen Rassendoktrin als "Mischlinge ersten Grades". Tante Trude verlor 1943 ihre Arbeitsstelle als Filialleiterin bei einer Süßwarenfirma und musste zum Arbeitsdienst in die Fabrik; Onkel Günther, der eine Jüdin geheiratet hatte, wurde mit seiner Frau Margot nach Theresienstadt deportiert und später weiter nach Auschwitz. Auch die Großmutter meiner Mutter kam nach Theresienstadt. Alle drei haben überlebt.

Der Vater meiner Mutter wurde nicht deportiert. Zwar galt auch er als "Halbjude", verlor seine Arbeitsstelle bei der Deutschen Reichsbank, später die bei einer arisierten jüdischen Bank; er durfte bei Fliegeralarm nicht in den Luftschutzbunker, erhielt die geringste Zuteilung an Lebensmitteln - doch vor dem KZ bewahrte ihn im Gegensatz zu seinem Bruder die Hochzeit mit einer "arischen" Frau.

Obwohl ich diese jüdische Familienvergangenheit nie besonders wahrgenommen habe, mich als Deutscher und damit in der Nachkommenschaft der Täter fühle, habe ich mich doch immer für das Jüdische interessiert (wobei ich mit "dem Jüdischen" nichts Religiöses meine; mein Interesse war genauso unspezifisch wie das Wort): Ich bin nach Israel gereist, habe mit Anfang zwanzig bei der deutsch-jüdischen Zeitung Aufbau in New York hospitiert, und noch heute gibt es nichts, was mir so sehr das Blut in den Adern beschleunigt wie eine Diskussion über Israel. Dies alles ist kein

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